Magdeburg l Auf einem Foto vom Sommer 1939 blinzeln Kinder am Rande eines Sportfests in die Kamera. 39 Menschen sind zu sehen. Fünf Jahre später sind die meisten tot. Fünf haben überlebt, bei zwei Kindern ist unbekannt, was aus ihnen geworden ist, von 32 ist sicher, dass sie im Zuge des Holocaust ermordet worden sind.

Das Foto bildet die Grundlage für das Buch "Ein Foto spricht zu uns - Stolpersteine für jüdische Schulkinder in Magdeburg", das von Waltraut Zachhuber und weiteren Mitgliedern der Arbeitsgruppe Stolpersteine zusammengestellt und jetzt im Rathaus vorgestellt worden ist.

Waltraut Zachhuber sagt: "Es sind diese Geschichten, die uns bis heute berühren." Ein Beispiel ist die Geschichte von Lieselotte Mannes. Zur Zeit der Aufnahme war sie 13 Jahr alt und für ihr Alter recht klein. Ihre Cousine erinnert sich, dass Lieselotte Mannes ein stilles und schüchternes Mädchen gewesen ist.Es war der Familie nicht gelungen, Deutschland zu verlassen: Wie alle anderen jüdischen Kinder durfte Lieselotte Mannes ab 1938 nicht mehr gemeinsam mit den anderen Kindern die Schule besuchen. Sie wurde zu dem Zeitpunkt, als das Klassenfoto entstand, in einer Klasse nur für jüdische Schüler unterrichtet. 1942 wurde die dann 16-jährige Lieselotte gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer Großmutter nach Warschau deportiert und kurze Zeit später in Treblinka ermordet. Vor ihrem Haus in der damaligen Blumenthal- und heutigen Einsteinstraße 10 erinnern vier Stolpersteine an sie und an ihre Familie.

Waltraut Zachhuber sagt: "Besonders wichtig war es für dieses Projekt, dass Magdeburger Schüler verschiedener Schulen an der Recherche nach den Lebensgeschichten der Kinder auf dem Foto mitgeholfen haben." Das sieht auch Maik Reichel, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, so und sagt: "Das Engagement der Schulen in unserem Land ist sehr wichtig." Das Magdeburger Projekt sei beispielhaft und strahle in weite Teile des Landes aus - nicht alle der Kinder in der jüdischen Klasse waren in Magdeburg, sondern beispielsweise auch in Calbe, Köthen und Schönebeck zu Hause.

Das Klassenfoto hatte übrigens Anfang der 1990er Jahre Martin Freiberg zur Verfügung gestellt - er war eines der überlebenden Kinder. Seine Familie war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Australien ausgewandert. Susanne Schweidler vom Kulturbüro berichtet: "Im kommenden Jahr besucht der Enkel von Martin Freiberg Magdeburg. Wie bei vielen anderen Nachkommen derer, die überlebt haben, dürfte hier eine Ausgabe des Buchs in englischer Sprache sinnvoll sein."

Ein Ansinnen, für das sich Oberbürgermeister Lutz Trümper während der Veranstaltung aufgeschlossen zeigt. Mit Blick auf die Stolpersteine sagt er: "Es sind inzwischen fast 400. Und sie sind wichtig, damit die Geschichte sichtbar wird."

Roman Pliske, Geschäftsführer des Mitteldeutschen Verlags sagt: "Wir haben zunächst 1000 Bücher für die Landeszentrale und 500 für den Einzelverkauf drucken lassen. Bei Bedarf kann auch noch nachgedruckt werden."

An Schulen werden die Bücher von der Landeszentrale kostenlos abgegeben. Im Buchhandel kann unter ISBN 978-3-95462-401-0 bestellt werden.

 

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