Magdeburg l Es ist nicht selbstverständlich, dass Leute Zivilcourage zeigen. Denn helfen bedeutet, ein Risiko einzugehen. Am 12. September 2009 ging Dominik Brunner am Münchener S-Bahnhof Solln so ein Risiko ein. Er beschützte vier Schüler vor zwei Jugendlichen und musste seinen Mut mit dem Leben bezahlen. So erging es auch im November vergangenen Jahres Tuçe. Sie starb, als sie Zivilcourage bewies und zwei Mädchen half, die von drei Männern auf der Toilette bedroht wurden.

Diese beiden Extrembeispiele zeigen, was es im schlimmsten Fall bedeuten kann, selbstlos zu handeln und Zivilcourage zu zeigen. Auch Taxifahrer Romuald Schmidt war schon einmal auf Zivilcourage angewiesen. Als er in der Nähe des Hasselbachplatzes in zweiter Reihe parkend einem Fahrgast aus seinem Taxi half, wurde er von einem anderen Autofahrer, der mit seinem Fahrzeug hinter ihm stand und warten musste, erst angepöbelt, dann bedroht. Der Fahrer stieg schließlich aus und würgte Romuald Schmidt. Eine junge Frau beobachtete damals die Situation und ging dazwischen.

Anfang vergangenen Jahres war es Romuald Schmidt selbst, der Zeuge von Unrecht wurde. Was war passiert? Er beobachtete auf der Halberstädter Straße einen Polizisten, der einem Parksünder gerade einen Strafzettel ausstellte, weil dieser mit seinem Auto einen Behinderten-Parkplatz blockierte. Als der Parksünder zu seinem Auto zurückkam, geriet er mit dem Polizisten in Streit, stieg in sein Auto und fuhr den Beamten beim Zurücksetzen an. Beim Losfahren machte er einen neuerlichen Schwenk und fuhr den Polizisten ein zweites Mal an. Der Beamte wurde am Fuß verletzt.

All das beobachtete Romuald Schmidt in seinem Taxi und fasste den Entschluss, zu helfen. Er sah, wie der Mann in seine Richtung fuhr und kurioserweise an einer Ampel stehen blieb. Romuald Schmidt stieg also aus seinem Taxi aus, rannte zu dem Auto, öffnete die Fahrertür, griff sich den Zündschlüssel und hinderte den Mann so am Weiterfahren. Wenig später traf die von dem verletzten Polizisten herbeigerufene Polizei am Ort des Geschehens ein und übernahm. Der Polizist wurde medizinisch versorgt. Der Verkehrsrowdy in Gewahrsam genommen.

"Das war wie im Film. Ich kenne so etwas eigentlich aus dem Tatort."

Romuald Schmidt fährt in Magdeburg seit 1980 Taxi. Er freut sich, dass diese Stadt so hell und freundlich geworden ist. Zu seinen Lieblingsplätzen gehört der Stadtpark. Als Fan des 1. FC Magdeburg hofft er, dass seine Mannschaft den Aufstieg in die dritte Liga schafft. Als Taxifahrer lernt er jeden Tag die unterschiedlichsten Menschen kennen - von der Seniorin, die zum Arzt gebracht werden will, bis zum Jugendlichen, der in die Disco fährt. Alle haben ihre Geschichten und sind ein Teil dieser Stadt, von der er fast jeden Winkel kennt. Es gibt wahrscheinlich nur wenige andere Berufsgruppen, die - wie Politiker so gern sagen - so nah dran sind an den Menschen.

Ganz nah dran war Romuald Schmidt auch an jenem Tag, als er dem bedrängten Polizisten half. "Das Ganze war wie im Film. Ich kenne so etwas eigentlich aus dem Tatort", sagte Romuald Schmidt mir bei unserem ersten Treffen. Er sagte auch, dass er nicht darüber nachgedacht habe, ob er helfen soll oder nicht. Er habe es einfach getan. Ich muss an dieser Stelle auch gestehen, dass ich Romuald Schmidt erst überzeugen musste, dass ich diese kleine Geschichte in der Zeitung erzählen darf. Ihm war diese Aufmerksamkeit - glaube ich - ein bisschen unangenehm. Er hatte unter anderem Bedenken, dass seine Kollegen glauben könnten, er wolle sich in den Vordergrund spielen. Für mich machten diese Bedenken Romuald Schmidt noch sympathischer.

Bei unserem ersten Telefonat sagte er auch, dass das, was er getan habe, doch selbstverständlich sei. Dieser einfache Satz, "das ist doch selbstverständlich", hat für mich persönlich eine ungeheure Wucht.

Denn wir brauchen Zivilcourage. Zivilcourage ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat in einer Rede mal sinngemäß gesagt, dass man die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft darin erkennt, wie eine Gesellschaft mit Minderheiten und Schwächeren umgeht. Das heißt bezogen auf unser Beispiel: Wenn es für uns selbstverständlich ist zu helfen und nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht, dann leben wir in einer funktionierenden und freiheitlichen Gesellschaft. Weil auch viele Magdeburger das selbstlose Handeln von Romuald Schmidt gut finden, haben sie ihn auf den dritten Platz bei der Wahl zum Magdeburger des Jahres gewählt.