Magdeburg l 600 Magida-Anhänger wollten am Montag einen Protestspaziergang durch die Innenstadt unternehmen. Doch das scheiterte an dem massiven Protest der 6500 Gegendemonstranten. 300 Polizisten verhinderten eine direkte Auseinandersetzung beider Lager. Auch die Volksstimme lief bei beiden Seiten mit und versuchte, sich ein Bild von der unübersichtlichen Lage am Montag zu machen. Allerdings wollten sich viele Magida-Teilnehmer im Gegensatz zu No-Magida nicht äußern oder ihren Namen nennen.

Ein 73-jähriger Magdeburger, der über ein kleines Megafon eine Rede hielt, wollte seinen Namen aus "Angst vor linksextremistischen Übergriffen" nicht nennen. Er ist der Volksstimme aber bekannt. Er sagt Sätze wie: "Die Politiker wiegeln ab und betonen, wir haben hier nur geringe Prozentzahlen von Muslimen. Aber das war vor Jahren in den Städten des Ruhrgebietes auch mal so!" Zum Umgang von Pegida mit der Presse sagt er, im Gegensatz zu seinen Dresdener Kollegen: "Sicher berichtet die Presse über Pegida oft einseitig. Aber ich finde dieses Abblocken falsch, denn hier ist die beste Möglichkeit, unsere Forderungen an die Politiker heranzutragen."

Es blieb die letzte Rede an diesem Abend, weil der "Spaziergang" abgesagt wurde. Einer der Magida-Teilnehmer ist auch Boris Kondratjuk aus Haldensleben. Nach 25 Jahren Parteizugehörigkeit zur SPD trat der 67-Jährige aus und arbeitet nun als parteiloser Kommunalpolitiker seit einem Jahr weiter. Der gebürtige Ukrainer sagt: "Das ist keine Demokratie, wie mit den Menschen umgegangen wird. Man muss doch erst einmal anhören, was sie zu sagen haben." Deshalb stehe er auf der Magida-Seite.

Ein anderer Mann aus Bernburg schimpft: "Sehen wir wie Rechte aus?" In der Redaktion meldet sich später ein 62-jähriger Leser aus der Börde, der mit Namen nicht genannt werden will: "Es kann nicht sein, dass uns teilweise Kinder von der Gegenseite als Nazis beschimpfen. In welcher Welt leben wir eigentlich?"

Die Aufrufe für den "Spaziergang" am Montag erfolgen fast ausschließlich über einen Facebook-Account. So können auch Journalisten nur Kontakt aufnehmen. Eine Telefonnummer gaben die Organisatoren nicht heraus, sie wollten bisher auch "nicht mit Namen in der Presse in Erscheinung" treten.

Während die Polizei als Versammlungsbehörde bei den jährlichen Demonstrationen um den 16. Januar die Routen von rechts und links möglichst weiträumig trennt, wich sie bei den Magida-Demonstrationen davon ab. "Nach unserem Kenntnisstand war geplant, dass Magida um 18.30 Uhr vom Otto-von-Guericke-Denkmal in Richtung Universität `spaziert`, auf dem Breiten Weg zurückkommt und dann auf dem Alten Markt eine Kundgebung abhält. Warum das nicht passiert ist, entzieht sich unserer Kenntnis", sagte Stadtsprecherin Kerstin Kinszorra auf Nachfrage. Hinter vorgehaltener Hand wird die Entscheidung, beide Demos räumlich so nahe stattfinden zu lassen, kritisiert.

Polizeisprecher Frank Küssner warnt davor, die Januar-Demonstrationen mit den Magida-Veranstaltungen zu vergleichen. "Bei den Januar-Demonstrationen wurde auf beiden Seiten bundesweit mobilisiert" sagte er. Bei Magida und No-Magida demonstriere überwiegend das bürgerliche Spektrum. "Wir sehen hier nicht das gleiche Konfliktpotenzial", so Küssner weiter. Deshalb habe man auch keine Bedenken, die Demos zeitgleich und in nächster Nähe stattfinden zu lassen.

Dass am Montag bei Magida die bürgerliche Mitte demonstrierte, sieht der Chef der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, Maik Reichel, anders. "Das war nicht die bürgerliche Mitte", sagte er. Die Teilnehmer seien hauptsächlich der rechtsaffinen Szene zuzuordnen. "Wir sind sehr gespannt, ob es bei dieser Klientel bleibt", so Reichel. Schaffen es die Magida-Organisatoren nicht, sich von extremen Teilnehmern zu distanzieren, sei ein Dialog nicht möglich. "Es reicht nicht, sich nur verbal von Rechtsextremen abzugrenzen", so Reichel weiter.

Gleichzeitig begrüßte er das Dialog-Angebot von Oberbürgermeister Lutz Trümper an die Magida-Demonstranten und kündigte an, dass die Landeszentrale für politische Bildung dafür Räume zur Verfügung stellen kann. "Wir warten jetzt die kommenden Montage ab und beobachten, wer da demonstriert. Ein Forum für radikale Kräfte werden wir nicht bieten", so Reichel weiter. Bislang hat sich aber noch keiner der Magida-Organisatoren im Rathaus oder bei der Landeszentrale gemeldet.

Dass viele Rechtsextreme das erste Treffen genutzt haben, um sich unter die Magida-Teilnehmer zu mischen, sieht auch Rechtsextremismusexperte David Begrich vom Verein Miteinander so. Auch er habe unter den Magida-Demonstranten wenig bürgerliche Mitte wahrgenommen. "Nach meiner Einschätzung kamen 80 Prozent aus der Rocker-, Hooligan- und Neonaziszene. Das war definitiv nicht die Mitte der Gesellschaft", so Begrich.