Magdeburg l Eine Grafik veranschaulicht eindrucksvoll das abnehmende Interesse der Magdeburger, bei der Wahl des Oberbürgermeisters mitzumischen. Gaben bei der ersten Direktwahl des Stadtoberhauptes in der Nachwendegeschichte anno 1994 noch deutlich über 60 Prozent der wahlberechtigten Einwohner ihre Stimme ab (die meisten für Willi Polte), erreichte die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl Lutz Trümper gegen den Linken Hans-Werner Brüning im Jahr 2001 mit 26,5 Prozent einen sagenhaften Tiefpunkt. Sieben Jahre später - zur OB-Wahl 2008 - verzichteten knapp 65 Prozent der Wahlberechtigten schon im ersten Wahlgang auf die Stimmabgabe; die restlichen 35 Prozent bestimmten Trümper - Amtsinhaber seit 2001 - sogleich und ohne Stichwahl mit knapp 64 Prozent zum Weiterregenten bis heute.

Jetzt will Trümper es noch einmal machen. Bereits vor über einem halben Jahr machte der SPD-Stadtverband Nägel mit Köpfen und bestellte den 59-Jährigen zum dritten Mal in Folge zum OB-Kandidaten. Ein Gewinn sicherte ihm bis 2022 die Macht, die er dann satte 21 Jahre inne hätte. Bis dato gibt es kaum vernehmliche Stimmen, die eine Wiederwahl Trümpers ernsthaft in Gefahr sehen - die einen in Vorfreude auf eine neue Trümper-Ära, die anderen in Verärgerung über mangelnde Konkurrenz.

Theiles zweiter Anlauf

1994 und 2001 konnte mit immerhin jeweils um die 35 Prozent der Stichwahl-Stimmen bisher ausschließlich der Linke Brüning dem jeweils sozialdemokratischen Wahlsieger nur annähernd Paroli bieten. Brüning, zuletzt Sozialbeigeordneter, kehrte der Linken mit seinem Renteneintritt 2014 frustriert den Rücken und wurde schon 2008 vom jüngeren Parteigenossen Frank Theile, damals in Magdeburg nahezu unbekannt, in Sachen OB-Kandidatur abgelöst.

Theile kam vor sieben Jahren auf nur 12 Prozent; Trümper marschierte durch. Jetzt soll es der ehemalige NVA-Pilot, heute Wobau-Angestellter, 56 Jahre alt und Fraktionsführer der Linken im Stadtrat, zum zweiten Mal mit Trümper aufnehmen. Seine Partei kürte ihn im Dezember zum erneuten Kandidaten aufs höchste Amt der Stadt. Bis heute ist Theile der einzige bestätigte Trümper-Gegenkandidat aus einem im Stadtrat vertretenen Lager.

Die Christdemokraten agierten bisher in allen Nachwende-OB-Wahlen glücklos. Ihr in Magdeburg immerhin namhafter Kandidat Wigbert Schwenke brachte es 2008 nicht einmal auf ein zweistelliges Ergebnis.

Edwina wer?

Für den Wahlgang im März überrascht der CDU-Kreisvorstand mit einem Personalvorschlag, den die örtliche Parteibasis am 30. Januar absegnen soll: Edwina Koch-Kupfer. Viele Magdeburger werden sich fragen: Edwina wer?

Landesweit Beachtung zog die 52-jährige Lehrerin für Deutsch und Geschichte kurzzeitig allerdings 2012 zumindest in politischen Kreisen auf sich. 2011 wählten die Einwohner ihrer Geburtsstadt Halberstadt die Frau als Parteilose in den Landtag - für die Linke. Für die saß sie seit 2009 auch im Halberstädter Stadtrat. 2012 wechselte Koch-Kupfer im Landtag rigoros die Fronten und trat der CDU-Fraktion bei. Ihr gehört sie bis heute an. Erst seit 2014 ist Edwina Koch-Kupfer Mitglied der CDU, noch nicht viel länger Magdeburgerin und doch - sie soll´s gegen Trümper richten. Da reibt sich selbst manch CDU-Mitglied die Augen. CDU-Stadtchef Tobias Krull preist das offene Naturell der Quereinsteigerin und argumentiert, dass die Brüche in ihrer Laufbahn sie erst recht glaubhaft machten: "Kein Mensch ist perfekt." Er selbst, Krull, war intern zur Kandidatur gedrängt worden und hat abgelehnt. "Meine Frau schreibt an ihrer Habilitation. Wir haben zwei Kinder, 4 und 7. Ich will kein Vater sein, der nur als Pappfigur im Kinderzimmer steht. Ich schließe für die Zukunft nichts aus, fühle mich aber mit 37 auch noch nicht reif genug, für das Amt zu kandidieren." Koch-Kupfer wirft sich selbstbewusst in die Bresche ("Eine tolle Herausforderung.") und dürfte neben dem Interesse am Amt der Oberbürgermeisterin auch das verfolgen, sich im OB-Wahlkampf trotz bescheidener Siegaussichten in der Stadt bekannt zu machen - für eine Kandidatur zur Landtagswahl 2016. Erst vor einem Monat eröffnete die Abgeordnete ein Bürgerbüro in Nord.

Auf Wahlkampfkurs sind auch die Grünen. Stadtchef Uwe Arnold erklärt, dass man einen Kandidaten aufzustellen gedenke. Mit einem Namen will er noch nicht aufwarten. Am 28. Januar sollen die Mitglieder entscheiden.

Liberale müssen passen

Die Liberalen haben schon entschieden: Sie passen. Die FDP steigt zur OB-Wahl nicht in den Ring. 2008 hatte Stadtchefin Lydia Hüskens selbst es auf 6,2 Prozent der Stimmen gebracht, mit Blick auf heutige FDP-Wahlergebnisse schon ein Erfolg. Jetzt hat die ehemalige Landtagsfrau einen neuen Job als Geschäftsführerin des Studentenwerkes in Halle und fühlt sich beruflich zu eingespannt für den Wahlkampf im parteilichen Ehrenamt. Keine brauchbare Alternative in Sicht - die FDP will im Februar eine Wahlempfehlung für einen Kandidaten einer anderen Partei abgeben.

Gartenpartei, future! - die junge Alternative und AfD - sämtlich im Stadtrat vertreten - erklären ebenfalls ihren Verzicht: kein Kandidat.

Die Tierschutzallianz hat ihre Unterschriften für die Kandidatur von Josef Fassl derweil bereits zusammen und will sich im Wahlkampf immerhin zu Wort melden.

Eine große Lippe markiert im Internet Philipp Voß als Kandidat der Freien Wähler. Der 25-jährige Hotelfachmann ruft das Motto "Magdeburg wird FREI" aus und meint frei von "Trümperhaft". Seine Konkurrenten tituliert er als "Partei-Schnarchnasen", schimpft in Facebook-Kommentaren allgemein auf "die Regierung, die Großkonzerne und die Medien" und urteilt: "Diese Gesellschaft ist das Schlimmste, was die Welt je gesehen hat". Voß empfiehlt sich mit solcher Rhetorik für Proteststimmen vom Rand.

Sieben Wochen bis Wahlsonntag. Noch weht ein laues Wahlkampflüftchen ums Rathaus. Ein Kampf der Köpfe ums Amt ist - wenn überhaupt - erst ab Februar zu erwarten. Der Wahlleiter nimmt noch Bewerbungen entgegen.

   

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