Magdeburg | In seinem neuen Live-Programm "nachSITZen" öffnet Martin Rütter die Tür zum bellenden Klassenzimmer. Der Mann für alle Felle ist am kommenden Dienstag, 27. Januar, in der Getec-Arena zu Gast. Volksstimme-Redakteurin Karolin Aertel sprach mit ihm über Hundeerziehung und seine neue Show.

Volksstimme: Magdeburg ist eine verhältnismäßig grüne Stadt. Dennoch sind Auslaufflächen in manchen Stadtteilen rar. Gibt es einen typischen Stadthund, dem das wenig ausmacht?
Martin Rütter:
Grundsätzlich ist es so, dass Hunde unglaublich anpassungsfähig sind. Der Hund als Tierart ist auf der ganzen Welt verbreitet, ob bei den Inuits oder in Papua-Neuguinea. Es gibt keinen Kulturkreis, wo es keine Hunde gibt und es gibt keinen Ort, an dem Menschen leben, wo nicht auch Hunde sind. Hunde können sich an den Lebensraum, den sie von Anfang an kennen lernen gut anpassen. Wenn ein Hund sechs Jahre auf einem Bauernhof groß geworden ist und man packt ihn dann in die Stadt, dann ist es eine Folter. Wenn er aber schon als Welpe die Stadt gewöhnt ist, dann ist es eigentlich fast egal, welcher Hund es ist.

Genügt es, wenn ich mit meinem Hund um den Block Gassi gehe?
Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es kein Hund ausreichend findet, zweimal am Tag um den Betonblock zu laufen. Wenn man in der Stadt lebt und einen Hund hat, muss man mindestens einmal am Tag mit ihm ins Grüne und ihn dort auch mal zwei Stunden flitzen lassen. Dass sie sich austoben und auch geistig beschäftigen können, ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn leider verwechseln viele Menschen Bewegung mit Beschäftigung.

Hundehaufen am Wegesrand sind für viele Menschen ein Ärgernis. Ist es möglich, einen Hund so zu erziehen, dass er sein Häufchen dann und dort macht, wo Herrchen das möchte - also auf einer Hundewiese?
Das kann man, aber ich würde das meinem Hund nicht zumuten. Hunde sind hochsensibel, was Gerüche und Familienzugehörigkeiten anbelangt. Einen Hund auf einer Hundewiese sich entledigen zu lassen, ist so, als würde man dich jeden Tag zwingen auf eine verunreinigte Bahnhofstoilette zu gehen. Das ist für Hunde echter Terror. Daher würde ich es lieber hoch sanktionieren, wenn die Haufen nicht weggemacht werden. Die Stadt sollte dafür sorgen, dass im Umkreis von 800 Metern immer ein Kotbeutelspender zu finden ist.

Es ist Winter und mächtig kalt draußen. Woran erkenne ich, dass mein Hund sehr friert?
Er zittert und hat Gänsehaut - wie beim Menschen auch. In der Regel reicht es, einen Hund in Bewegung zu halten. Aber es gibt natürlich Hunderassen, die aus Regionen stammen, die für Kälte nicht gemacht sind. Ich habe beispielsweise eine Rhodesian-Ridgeback-Hündin. Die Rasse stammt ursprünglich aus Südafrika; das heißt, die haben keine Unterwolle. Und wenn ihr kalt wird, schloddert sie am ganzen Körper. Da macht es Sinn, Sachen anzuziehen. Hundebekleidung aber bitte nicht als Mode-Accessoire!

Gibt es ein Lexikon der Hundecharaktere? Woran erkenne ich, welche Rasse zu mir passt?
Das Problem ist, dass Rassen sehr individuell sind. Natürlich hat ein Dackel andere Eigenschaften als ein Rottweiler oder Chihuahua. Aber auch innerhalb jedes Wurfes gibt es so viele verschiedene Charaktere, dass es schwer ist, das aus der Distanz zu betrachten. Aber was wir anbieten: Wir haben in Deutschland 150 Trainer ausgebildet und betreiben knapp 80 Schulen. Und jede dieser Schulen bietet eine Beratung vor dem Kauf des Hundes. Es werden ein paar Sachen abgefragt und dann kann man anfangen einzugrenzen. Die Trainer gehen zudem ins Tierheim und testen die Hunde.

Apropos Test: Wie stehen Sie eigentlich zum Thema Wesenstest für Kampfhunde?
Für mich als Experten ist die ganze Rassediskussion total abstrus. Versicherungen führen sogenannte Beißstatistiken. An Top 1 dieser Beißstatistiken steht der Deutsche Schäferhund beziehungsweise Schäferhundmischling. Komischerweise fragt da nie einer nach und sagt, der Schäferhund muss zum Wesenstest - weil es ein Polizeihund ist. Der grundsätzliche Gedankenfehler ist, dass der Hund getestet wird. Ich finde, der Mensch muss zum Wesenstest. Es muss unbedingt ein Hundeführerschein her, bevor der Mensch sich einen Hund anschaffen darf. Die meisten Unfälle die passieren, sind aus Unwissenheit geschehen. 95 Prozent der Bisse von Hund zu Mensch passieren innerhalb der Familie und des Bekanntenkreises. Das sind immer Kommunikationsmissverständnisse.

Haben Sie hierfür ein Beispiel parat?
Ich hatte gerade einen Australian-Shepherd im Training, der einem vierjährigen Kind der Familie die Achillessehne durchgebissen hat. Die Familie erzählte, dass sie eigentlich so eng miteinander waren. Ich fragte, woran sie das festgemacht haben. Sie erzählten, dass er das Kind ständig beobachtet hat und immer hinterher war. Wissen Sie, was er gemacht hat? Er hat gehütet. Und als das Kind immer erwachsener und mobiler wurde, ist er irgendwann hinter der Eckbank vor und hat gesagt` jetzt ist mal Schluss. Hätten die vor drei Jahren schon gewusst, das, was der da macht, ist kein Spielen, das ist Fixieren, also Drohen, dann wäre es wohl nie dazu gekommen. Die Familie dachte, der Hund liebt das Kind. Und der Hund dachte, die Nervensäge rennt mir dauernd vor der Nase rum.

Gibt es denn eine Strategie, wie man einen Hund auf Nachwuchs vorbereitet?
Es ist ein Irrglaube, dass man den Hund an den Babysachen aus dem Krankenhaus schnüffeln lassen sollte, noch bevor das Kind zuhause ist. Das halte ich für dramatisch falsch. Wenn ich den Hund von Anfang an zu meinem Baby lasse, sag ich ihm, das ist auch ein Teil von Dir. Das impliziert, dass der Hund sich sagt, ,wenn es auch mir gehört, muss ich es verteidigen und erziehen`. Und dann kommt die Phase, in der das Kind zu krabbeln anfängt, und krabbeln bedeutet, sich zu entfernen. Die Hunde gehen hinterher, packen es und schleifen es zurück - so kommt es zu Verletzungen.

Und wie sollte man seinen Vierbeiner dann an ein Baby gewöhnen?
Eine Mutterhündin lässt die ersten drei Wochen niemanden an ihre Welpen; nicht mal den Vater. Deshalb würde ich zu Anfang den Hund erstmals gar nicht ans Baby lassen. Ich stille es, ich umsorge es, ich trage es und sag dem Hund, "geh auf deine Decke!". Und wenn er nach zwei, drei Wochen merkt, dass es nicht seins ist, dann hole ich ihn und dann darf er auch mal dabei sein, wenn gefüttert wird und darf auch mal an den Füßen schnuppern.

Wird der Hund dann nicht eifersüchtig?
Man sollte im Vorfeld darauf achten, dass ich den Hund auf den Neuankömmling vorbereite. Wenn das Kind kommt, wird Frauchen weniger Zeit für ihn haben und er darf nicht mehr ins Kinderzimmer. Diese ganzen Privilegien sollte ich ihm schon entziehen, bevor das Kind zu Hause ist, damit er nicht die Verknüpfung hat, "ich darf da nicht mehr rein, weil das Baby da liegt". So kann ich Eifersucht vermeiden.

In Ihrer neuen Show geben Sie diese und zahlreiche andere Tipps zum Leben mit den Vierbeinern. Doch warum müssen Herrchen und Frauchen "nachsitzen"?
Wir haben die Show bewusst "Nachsitzen" genannt, weil ich das Gefühl habe, den Leuten Dinge hundertmal zu erklären und es ist doch nicht angekommen. Und das nicht, weil es ein intellektuelles Problem ist, sondern ein emotionales.

In Ihrer Show ziehen Sie den Vergleich zur Kindererziehung. Warum?
Heutzutage sagt doch jeder: Mein Hund ist der schönste, schlauste und beste. Das hat spannende Parallelen zur heutigen Kindererziehung. Als ich ein Kind war, hat man draußen gespielt, ist auf Bäume geklettert und hat gebolzt. Heute gehen sie mit drei Jahren schon zum Violine-Unterricht, Chinesisch, zur frühkindlichen Erziehung und alle Kinder sind angeblich hochbegabt. Aber wenn du denen sagst, sie sollen einen Baum hochklettern, kannst du schon mal die Feuerwehr rufen. Die Kinder sind oft nicht alltagstauglich, weil Eltern sie unnatürlich erziehen. Genauso ist es bei den Hunden. Die Leute gehen mit ihnen zum Agility, Dog Dancing, gehen Klickern und was weiß ich. Aber der Hund schafft es nicht, eine halbe Stunde ruhig zu sein.

Ist die Show nur etwas für Hundehalter?
Nein, mittlerweile kommen auch viele Eltern, weil die wissen, dass sie Sachen erfahren, die sie auf ihr Kind anwenden können. Und es kommen auch viele Frauen, weil sie hoffen, so ihren Mann wieder auf Kurs zu kriegen.