Der Großteil der Kinder im Vorschulalter hat heute Zugang zu Computern. Ein an der Otto-von-Guericke-Uni entwickeltes Projekt soll den Mädchen und Jungen zeigen, dass ein Rechner mehr ist als eine Spielekonsole.

Neu-Olvenstedt l Auf den Bildschirmen der Laptops in der Kita Haus Siebenpunkt sind knallbunte Bauanleitungen zu sehen. Aus roten, grünen und gelben Bausteinen soll Schritt für Schritt ein affenähnliches Gebilde entstehen. "Die Kinder sehen die gesamte Form, die entstehen soll, und die einzelnen Teile, die sie benötigen, um diese zu bauen", sagt Henry Herper von der Arbeitsgruppe Lehramtsausbildung Informatik an der Fakultät für Informatik der Uni "Otto von Guericke". Gemeinsam mit seinem Kollegen Volkmar Hinz hat er ein Projekt für Vorschulkinder entwickelt. Bei diesem sollen Fünf- und Sechsjährige lernen, dass ein Computer zu viel mehr zu gebrauchen ist als nur zum Spielen. Und das spielerisch.

Einmal im Monat bekommen die Mädchen und Jungen deshalb für eine Dreiviertelstunde Besuch von einem Team der Universität. Im Gepäck haben die Wissenschaftler und Studenten Baukästen und Laptops. Am Bildschirm klicken sich die Vorschüler von einem Blatt des Bauplans zum nächsten. "Sie sehen die unterschiedlich großen Bauteile und fangen an zu zählen, ohne dass wir ihnen vorgeben, jetzt wird gezählt", sagt Herper. Aus Neugier. Um zu spielen und mit einem Erfolgserlebnis belohnt zu werden. Dies schule das Größen- und Mengenverständnis, das räumliche Denken und die Fähigkeit zu zählen, so der Naturwissenschaftler.

"Das zu bauen ist schwierig. Zu Hause habe ich große Bausteine. Und es macht Spaß", sagt Ida. Die Fünfjährige erzählt: "Ich kann schon mit meinem Tablet umgehen. Damit spiele ich Eisenbahn."

Ist das Modell fertig und mit einem Motor ausgestattet, können die Kinder das Spielzeug mit Hilfe des Computers steuern. Das entspreche Herper zufolge ihrer Lebenswelt. "Denn mittlerweile hat ein Großteil der Kinder im Vorschulalter Zugang zum Computer oder der Spielekonsole. Die meisten können auch irgendwas damit, aber keiner hat ihnen gezeigt, wie das geht." Die sechsjährige Emily zum Beispiel sitzt zu Hause ab und zu am Computer ihres Papas. "Da spiele ich Trecker fahren", sagt sie. Während des Projektes lernen die Kita-Kinder Grundfertigkeiten, um einen Computer selbst zu bedienen.

Doch ist das im Alter von fünf bis sechs Jahren überhaupt schon notwendig? "Wir leben in einer computerbestimmten Welt, ob wir es wollen oder nicht", sagt Volkmar Hinz. "Die Kinder davor zu bewahren, ist der falsche Weg. Das führt an der realen Welt vorbei." Kitas und Grundschulen sollten sich seiner Meinung nach der Sache stellen. "Und wir begleiten das", so Hinz.

Das Projekt ist in mehrere Module unterteilt. In Teil zwei lernen die Kinder unter dem Titel "Schlaumäuse" Aufgaben am Computer zu lösen. Es geht darum, Gegenstände und Farben zu erkennen. Im dritten Modul können sie am Computer malen. Das Projekt soll dabei keinerlei andere Spiele ablösen. "Die Kinder sollen weiter mit Tusche und Buntstiften malen und auf dem Spielplatz toben", sagt Herper. Das Computerspiel sei lediglich ein weiterer Baustein der frühkindlichen Erziehung. Im Projekt "Klassenzimmer der Zukunft" soll es künftig an Grundschulen fortgeführt werden.

Damit sich die Eltern ein Bild von dem machen können, was ihre Schützlinge gelernt haben, ist im Laufe des Jahres Oma-Opa-Eltern-Tag geplant. "Wir haben die Eltern bereits im Vorfeld über das Angebot informiert und die meisten finden es gut", sagt Kita-Leiterin Regina Böhm. Sie erzählt: "Ich bin zwar kein Befürworter von ständigem Computerspielen, aber das hier ist etwas anderes. Die Kinder haben Spaß. Ich bin begeistert."