Magdeburg l Mehr Hitze, längere Trockenperioden und extreme Niederschläge drohen auch Magdeburg durch den Klimawandel. Vor allem die dicht bebauten Stadtteile dürften künftig ins Schwitzen geraten.

So prognostizieren Wissenschaftler für die Altstadt deutlich mehr Tage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius: Sind es bisher im Jahr durchschnittlich 11 Tage, wird laut der Berechnung ihre Anzahl bis zum Jahr 2050 auf 15 Tage steigen. Bis zum Jahr 2100 werden bereits 28 Hitzetage pro Jahr für die Altstädter vorhergesagt. Südfrankreich im Südabschnitt des Breiten Weges. Ein durchaus katastrophales Szenario.

"Dass sich das Klima ändert, ist heute nicht mehr diskussionswürdig", sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper am Dienstagabend zur Eröffnung des 3. Klimadialogs der Stadtverwaltung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es stelle sich nur die Frage, was getan werden könne, um die Erderwärmung vielleicht noch zu bremsen, die Stadt bestmöglich auf die Folgen einzustellen und vor Katastrophen wie extremen Niederschlägen und Hochwasser zu schützen, erklärte der OB auf dem von Volksstimme-Chefredakteur Alois Kösters moderierten Forum im Kulturwerk Fichte.

"Wir werden festlegen, welche Bereiche wir künftig nicht bebauen."

Umweltbeigeordneter Holger Platz

"Gegensteuern und anpassen" - so umriss Umweltbeigeordneter Holger Platz den Handlungsspielraum der Stadt. Deshalb will die Stadt künftig auch Bauverbote verhängen.

"Wir sind im Augenblick dabei, ökologische Baubeschränkungsbereiche vorzubereiten", erklärte Platz. "Wir werden damit festlegen, welche Bereiche wir künftig nicht oder nur sehr eingeschränkt bebauen wollen. Das soll Kaltluftentstehungsgebiete schützen und Luftleitbahnen freihalten, um das Stadtklima zu erhalten oder zu verbessern." Die Ämter nutzen dafür laut Platz eine Klimafunktionskarte. Diese stelle genau die aktuellen klimatischen Bedingungen in den einzelnen Stadtteilen dar.

Das Papier werde derzeit noch intern beraten. Heiße Debatten um Kaltluftschneisen könnten - wie bereits vor einiger Zeit in Nordwest aufgeflammt - bevorstehen: "Da gibt es natürlich gegenläufige Interessen", deutete der Beigeordnete bereits Konflikte zwischen Privateigentümern und öffentlicher Hand an. Holger Platz: "Da muss ein guter Kompromiss herauskommen, und dann wollen wir das noch in diesem Jahr im Stadtrat zur Beschlussfassung vorlegen."

Parallel hat sich die Kommune einen Aktionsplan aufgelegt, der vom Energiesparen in öffentlichen Einrichtungen über die Dienstflotte der Ämter bis hin zu Notfallplänen reicht. Die Kommune will dazu beitragen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren und sich dennoch auf künftig häufiger zu erwartende extreme Wettereignisse einstellen.

"Der CO2-Ausstoß soll in Magdeburg auf 3,2 Tonnen je Einwohner und Jahr reduziert werden. Derzeit liegen wir bei 9 bis 10 Tonnen, daran sehen Sie, welche Herausforderung vor uns liegt", sagte Holger Platz.

ARD-Wetterexperte Karsten Schwanke als prominenter Referent des 3. Magdeburger Klimadialogs, lobte Magdeburg: "Das wäre vor 15 Jahren nicht denkbar gewesen, dass man bei der Stadtplanung intensiv solche Fragen diskutiert: Wie bekommen wir Frischluftzonen in die Stadt gebaut? Das ist ein wichtiger Ansatz", sagte der Diplom-Meteorologe, der übrigens aus Ziesar stammt und, wie er berichtete, in der Magdeburger Wetterwarte einst seine Ausbildung begann. Doch alle Bemühungen könnten nicht verhindern, "dass wir in 50 Jahren deutlich mehr Hitzetage und Trockenperioden haben werden", betonte der TV-Wetterexperte. "Elbeflut, verheerende Winterstürme oder schwerer Hagel - jedes dieser einzelnen Ereignisse hängt mit dem Klimawandel zusammen. Es häufen sich die Indizien, dass der Temperaturanstieg sich auch bei uns bemerkbar macht und dass sich das nicht mehr wegdiskutieren lässt."

Er erklärte auch, warum mehr Trockenperioden mit mehr Starkregenereignissen einhergehen. "Die Luft hat folgende Eigenschaft: Die Menge, die die Luft an Wasserdampf aufnehmen kann, ist abhängig von der Temperatur. Je wärmer es bei uns wird, desto mehr Wasserdampf wird die Atmosphäre enthalten, ob wir wollen oder nicht." So sei die Luft über der Sahara feuchter als die Luft am Südpol. Schwanke: "Wenn es dann mal ein Gewitter gibt, kann es deutlich mehr Wasser entladen und auf uns niederprasseln lassen, als es vielleicht vor 20, 30 oder 40 Jahren möglich war."

Zweiter Faktor ist laut Schwanke die wachsende Ausdehnung der Atmosphäre: "Je mächtiger die Atmosphäre wird, desto heftiger werden auch bei uns solche sommerlichen Unwetter."

"Wir werden uns wahrscheinlich noch auf ganz andere Sachen einstellen müssen."

TV-Wetterexperte Karsten Schwanke

Trotzdem gehe global gesehen der CO2-Ausstoß "schnurstracks nach oben", zeigte Schwanke anhand von Statistiken. "Seriöse Wissenschaftler sagen, bei drei, vier Grad Erwärmung ist das Klimasystem nicht mehr kontrollierbar. Wir werden uns wahrscheinlich noch auf ganz andere Sachen einstellen müssen, an die wir heute noch gar nicht denken." Umso verwunderlicher sei es, "dass so wenig passiert".

Magdeburgs Umweltbeigeordneter will den Klimaschutz erklärtermaßen zumindest in der Landeshauptstadt vorantreiben und den Katastophenschutz ausbauen. "Sonst", so Holger Platz, "würde man uns zu Recht Untätigkeit vorwerfen."

Bilder