Magdeburg l Auslöser für die Zukunftsängste ist ein mehrseitiges Schreiben der Stadtverwaltung Magdeburg. In der sogenannten "Baugenehmigung" geht es aber nicht vordringlich um Bau-, sondern um Nutzungsfragen der beliebten Kulturfestung. Und genau diese bereiten die Probleme. Festungsgeschäftsführer Christian Szibor ist fassungslos: "Wenn alles wirklich so umgesetzt wird, müssten wir bei der Kultur radikal streichen, Mitarbeiter entlassen und wären auf Zuschüsse angewiesen."

Im Mittelpunkt der Vorschriften stehen dutzende Auflagen für Veranstaltungen. Der wichtigste Punkt: Der Innenhof darf nur noch bis 21.30 Uhr gastronomisch genutzt werden. Lediglich an 10 Tagen im Jahr ist eine Ausnahme möglich.

Obwohl es für diese Benachteiligung nach Szibors Angaben keine gesetzliche Grundlage gebe, dürfe somit die Kulturfestung für Magdeburg weniger als alle Gaststätten, Bars und Kneipen in Magdeburg, die ihre Gäste in der Regel bis 23 Uhr und oft auch länger auf der Straße bedienten.

"Das ist für uns eine unhaltbare Bedingung, der kein anderes Objekt ausgesetzt ist. So können wir nicht mehr kostendeckend arbeiten", klagt Szibor.

Vor allem die Open-Air-Veranstaltungen sind für die Festung nicht nur kulturelle Höhepunkte, sondern auch wichtige Einnahmequellen, mit denen der Kulturbetrieb mit kleineren Veranstaltungen aufrecht erhalten werden kann. Anlass für die neuerlichen städtischen Auflagen ist der Abschluss der mehr als zehn Jahre andauernden Umbau- und Sanierungsarbeiten der Festung.

Das Skurrile: Ausgerechnet jetzt, wo alle baulichen Voraussetzungen für ein neues Durchstarten der Festung geschaffen sind, greift die Verwaltung so stark wie nie zuvor mit Vorschriften in den Betrieb ein, sagt die Festungsleitung.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das zu ersten gravierenden Behinderungen im Veranstaltungsbetrieb geführt. Das Spectaculum Magdeburgense, eines der größten Mittelalter-Festivals in der Region Magdeburg, musste zu Pfingsten 2014 aus Lärmschutzgründen in den Park auf die Nordseite außerhalb der Festung ausweichen. In diesem Jahr hat sich das Festival gleich ganz aus der Festung verabschiedet und feiert nun im Ravelin II an der Maybachstraße (Volksstimme berichtete).

Tschüß sagte auch das Impro-Revival, jahrelang Open-Air-Stammgast auf dem Hof der Festung. Die Impro-Fans rocken nun im Elbauenpark. Andere Veranstalter fragen schon besorgt nach: Was ist da los in eurer Festung?

Christian Szibor sieht mit der Fertigstellung der Baumaßnahmen ohnehin einen Strukturwandel im Veranstaltungsprofil der Festung: "Wir wollen natürlich bei den bewährten Großveranstaltungen bleiben, möchten aber auch neue Veranstaltungskonzepte gemeinsam mit Partnern entwickeln und noch stärker für Hochzeitsfeiern und Firmenevents attraktiv werden."

Der marode Charme der Anfangszeit der ehemals verschütteten preußischen Festung sei mit einem Millionenaufwand nun zu einem professionellen Veranstaltungshaus mit vielen Möglichkeiten umstrukturiert worden. Dieser Wechsel biete nun alle Chancen, "wenn da nicht die Auflagen wären, denen wir uns ja nicht grundsätzlich sperren, die wir aber in Teilen für überzogen halten", so Szibor. Die Festung hat deshalb schon reagiert und den Außen-Raucherbereich wegen der Anwohner in den Festungsgraben auf der Nordseite verlegt. Bei Innenveranstaltungen wird der Hof nicht mehr genutzt. Brandschutztüren und - melder, Lautsprecheranlagen für Sicherheitsdurchsagen sowie Schallschutzfenster sind eingebaut. "Wir haben deshalb seit rund einem Jahr so gut wie keine Beschwerden mehr aus der Nachbarschaft", sagt Szibor und stört sich an neuen Auflagen: So muss plötzlich fast doppelt so viel Sicherheits-Personal bei Veranstaltungen anwesend sein als bisher. Veranstaltungen müssten künftig umfangreicher und häufiger angemeldet werden. Kosten jeweils 300 bis 500 Euro pro Antrag.

Außerdem gibt es für jeden Raum in der Festung eine Begrenzung der Personenzahl, dessen Einhaltung jederzeit durch ein Personenzählsystem nachgewiesen werden muss. Um das zu gewährleisten müssten entweder Drehkreuze an den Türen eingebaut werden oder das Personal müsste an jeder Tür jeden Gast zählen, der einen Raum betritt oder verlässt und das Miteinander in Echtzeit vergleichen, um eine Überschreitung der zulässigen Gästezahl in den Räumen zu verhindern. Das sei bei Veranstaltungen, die mehrere Räume gleichzeitig nutzen, kaum umsetzbar, so Szibor. Außerdem gebe es kein einziges Veranstaltungshaus weit und breit, das so eine Auflage erfüllen muss.

Unterm Strich steht die Festung vor einer echten Bewährungsprobe. Die Freude über den nahen Abschluss der Sanierungsarbeiten weicht der Angst um den nicht mehr wirtschaftlichen Betrieb der Festung. Der Buchungskalender für dieses Jahr ist zwar schon gut gefüllt, aber ob damit der Betrieb wie bisher kostendeckend zu gewährleisten ist, lässt Szibor offen.

Auf Volksstimme-Anfrage bei der Stadtverwaltung zu den Auflagen erklärt Stadtsprecher Michael Reif: "Hier (gemeint ist die Festung - d. Red.) gelten die üblichen immissionsschutzrechtlichen Regelungen. Bei sogenannten seltenen Störereignissen dürfen erhöhte Lärmwerte in Anspruch genommen werden, max. 55 Dezibel dB(A) (Maß für die Lautstärke - d. Red.) in der Nachtzeit, gemessen an der nächsten Wohnbebauung. An den übrigen Tagen sind die allgemeinen Lärmwerte einzuhalten, max. 45 dB(A)."