Magdeburg l "Alle Wohnungen werden ab dem 16. Juni von der Gas-, Strom- und Wasserversorgung abgetrennt", heißt es in einem Schreiben, das die Bewohner der Goethestraße 12/13 vor einem Monat von ihrem Vermieter erhalten haben. In allen Wohnungen gleichzeitig beginnen dann auch die Arbeiten für den Umbau oder Abriss des Hauses, heißt es weiter. Was die Mieter tun sollen, ob sie ausziehen müssen oder ein Ausweichquartier bekommen, lässt der private Hauseigentümer völlig offen - eine Situation, die die meist älteren Bewohner des fast 60 Jahre alten Blocks überfordert.

Im vergangenen August hatte diesen die kommunale Wobau an den Magdeburger verkauft, nachdem sie jahrelang die Mieter mit einer möglichen Sanierung vertröstet hatte. Zuletzt 2012 hatte das Unternehmen auf Volksstimme-Nachfrage angekündigt: "Das Objekt kann jetzt in die Planung der kommenden Jahre aufgenommen werden." Keine zwei Jahre später kam dann der Verkauf. Damit ist der Fall Goethestraße für die Wobau abgeschlossen, wie es von dort heißt.

Der neue Eigentümer kündigte sofort eine drei Jahre dauernde Sanierung der fünf Eingänge mit 40 Wohnungen an. Doch seitdem geschah augenscheinlich nicht viel. Nun seien "überraschend" statische Probleme aufgetreten, die nur den Umbau zu 4-Raum-Wohnungen oder den Abriss zuließen, argumentiert er, weil man beim Bau damals an Beton und Stahl gespart habe. Zudem seien die Balkone so marode, dass das Betreten untersagt ist. Wer das Verbot ignoriert, erhält die fristlose Kündigung seines Mietvertrages.

Das kenne sie nur aus der Zeit direkt nach der Wende oder "was man so aus Hamburg oder München hört", beurteilt Sigrid Kubica vom Magdeburger Mieterverein das Vorgehen des Eigentümers. "Mit dem Schreiben wird eine Drohkulisse aufgebaut", sagt sie. Es gehe offensichtlich darum, die Bewohner zu erschrecken, in der Hoffnung, dass sie ausziehen. "Stadtfeld ist eine attraktive Wohnlage und es gibt nichts Schöneres als ein leeres Haus nach Belieben umzubauen", erklärt sie. Allerdings: Ob das Vorgehen illegal ist, müsse ein Gericht klären. Für sie ist es aber "einfach unanständig". Mehrere Bewohner des Hauses hatten sich hilfesuchend an den Mieterverein gewandt. Diese müssten nun jeder für sich entscheiden, ob sie juristisch dagegen vorgehen wollen oder die Segel streichen und ausziehen, erklärt Kubica.

Holger Neumann vom Verband der Haus- und Grundstückseigentümer ist der Name des Eigentümers unbekannt. Er rät ihm aber, "sich vernünftig beraten zu lassen, um gesetzestreu mit bewohnten Objekten umzugehen".

Das hätte ihm auch den Ärger mit dem Bauordnungsamt der Stadt erspart. Dem war die Einsturzgefährdung des Hauses nämlich unbekannt. Vor Ort konnte allerdings keine akute Einsturzgefahr festgestellt werden. Der sofortige Auszug der Mieter sei somit nicht erforderlich, erklärt Stadtsprecherin Kerstin Kinszorra. Der Eigentümer wurde belehrt, bauliche Veränderungen bzw. den Abriss zwingend anzuzeigen.

Der Eigentümer wollte bis jetzt nicht ausführlich Stellung nehmen, bot aber ein Gespräch in dieser Woche an. Er weist darauf hin, dass es nach dem 16. Juni eine Notversorgung mit Wasser, Strom und Gas für die Bewohner geben wird.