Magdeburg l Wer Anne Facius daheim einen Besuch abstattet, sollte kein Allergiker sein. Wohin das Auge blickt, findet es Gräser, Früchte und andere Naturmaterialien. Sie sind zu Bildern, Teppichen, Perücken, ja sogar Kleidung verarbeitet.

Anne Facius hat ein außergewöhnliches Hobby: Die 70-Jährige ist Grasweberin. Seit nunmehr 26 Jahren benützt sie Gräser zur künstlerischen Verarbeitung.

In ihrer Werkstube direkt unterm Dach riecht es wie auf einem Heuboden. Wer die schmale Treppe erklommen hat, findet sich in einem kleinen Raum wieder, in dem in jeder Ecke büschelweise Gräser gelagert sind - fein säuberlich geordnet nach Länge, Sorten und Farben. Unter dem schrägen Fenster des Spitzdaches steht ein Schreibtisch. Auf ihm finden sich Skizzen und Rotwein. Links daneben steht ein großer Webstuhl. Vor ihm ein kleiner Holztisch mit zwei Stühlen. Im Winter verbringt sie Stunde um Stunde auf dem Dachboden. Sie hat sich die Natur ins Haus geholt. Im Sommer arbeite sie lieber draußen im Garten.

Wenn Anne Facius ihr Handwerk erklärt, leuchten die Augen. Sie springt in der Werkstube hin und her, zeigt verschiedenste Gräserarten, jongliert mit botanischen Begriffen und sprüht vor Begeisterung für ihr Tun. Schon oft hat sie zeigen müssen, wie sie arbeitet. "Die wenigsten können sich unter einer Grasweberin etwas vorstellen", weiß sie und deutet an, wie sie die feinen Halme durch die senkrecht gespannten Kettfäden führt. Fingerspitzengefühl und Geduld sind wohl die wichtigsten Gefährten in diesem Handwerk.

Eigentlich ist Anne Facius jedoch studierte Ökonomin, die 1977 mit ihrem Mann nach Alt-Reform zog. Eine Ausbildung in Künstlerischer Textilgestaltung weckte ihre kreative Ader, die sie einst im Altstadtkrankenhaus mit dem Unesco-Projekt "Kultur im Krankenhaus" ausleben konnte. Sie stammt gebürtig aus einer Försterfamilie aus Blankenburg - ist von jeher in der Natur zu Hause gewesen. Und sie liebt das Wandern. Als sie vor 26 Jahren in der damaligen Tschechoslowakei über eine Wiese wanderte und die feinen, weichen Gräser im Wind wiegen sah, ward die Begeisterung für den Werkstoff geboren. Ob Goldhafer oder Rutenhirse, Rasenschmiele oder China-Schilf - sie experimentierte und machte das Weben der Gräser zu ihrer Passion, denn: "Wenn mir etwas gefällt und Spaß macht, brenne ich dafür. Ich bin sehr begeisterungsfähig."

Vor 15 Jahren fertigte sie dann für eine Ausstellung erstmals eine Perücke aus Gräsern. Die an einen Afro-Look erinnernde "Frisur" sorgte für Begeisterung. So folgten Kappen, Stolen und Kragen - allesamt in fellähnlicher Erscheinung. Ja sogar einen großen Mantel webte sie aus Halmen. Zwei Jahre habe sie daran gesessen.

Doch der Renner sind nach wie vor ihre Perücken. "Die meisten, die ich kennenlernte, wollten auch so eine. Ich sagte, dass ich nicht für jeden eine Perücke machen könnte, doch ich kann ihnen zeigen, wie`s geht." Und so hat sie inzwischen Dutzende Frauen mit ihrer Begeisterung angesteckt. Elke Beckmann, Christine Dassow, Maria Wagner,Margret Brünig und Ursula Kästner gehören beispielsweise dazu. Insbesondere Freundinnen aus dem Studiengang "Studieren ab 50" seien dabei. Sie vereint ihr Motto "Mit Freude und Freunden älter werden".

Mit ihnen flanierte sie am Sonntag auch in Premnitz über die Bundesgartenschau. In "gräsernem" Gewand, versteht sich. Dabei sei die Aufmerksamkeit und das Interesse der Besucher riesengroß gewesen. "Jeder wollte sich mit uns fotografieren lassen", erzählt sie begeistert. (ka)

Wer Anne Facius und ihre Models auf der Buga, am Standort Premnitz in Aktion sehen möchte, hat am 16. Mai, 13. Juni, 11. Juli, 8 August und 12. September die Gelegenheit dazu.

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