Magdeburg l In seinem neuen Leben als Buchautor und Vortragsredner tritt er meist "in der freien Wirtschaft vor Krawattenträgern" auf. "Hier im Fanprojekt kann ich so sprechen, wie ich am liebsten spreche: Klartext." So legt Babak Rafati, Jeans, dunkles Sakko, weißes Hemd, los.

An einer Stelle nimmt er einen Mini-Fußball in beide Hände. "Mein kleiner Champions-League-Ball, den gab es als Erinnerung bei einem Spiel", sagt er. "Daran festzuhalten, das kostet Kraft. Ich habe immer festgehalten, die ganze Zeit, an diesem ganzen Scheiß, meinem Job, den habe ich so gerne gemacht. Das kostet Energie, nicht nur körperlich, auch vom Kopf her." Rafati lässt den Ball auf den Boden plumpsen. "Ich habe gelernt loszulassen. Dann brauchst du keine Energie mehr, dann kommt diese Gelassenheit."

Sein Auftritt hat etwas Missionarisches. Er redet geschliffen ohne Manuskript, mit sanfter Stimme. Immer wieder wiederholt er bestimmte Kernsätze. Er ruft zum offenen Umgang mit psychischen Problemen auf, beschreibt eingehend die "Volkskrankheit Depression" mit ihren Millionen, oftmals unerkannten Fällen.

Der einstige deutsche Top-Schiedsrichter aus Hannover ließ nach 84 von ihm geleiteten Bundesligaspielen und 102 Zweitligapartien den "Ball" für immer fallen. machte Schluss mit seinem Job als Schiri. Um zu überleben.

"Ich wollte diesen brutal hässlichen Film beenden ... Ich hasste mich." - Babak Rafati über seinen Selbstmordversuch

Zur Erinnerung: Am 19. November 2011 wollte Rafati sich das Leben nehmen. Er wurde wenige Stunden vor dem Bundesligaspiel 1. FC Köln gegen Mainz 05 im Hotel blutüberströmt in der Badewanne gefunden. Die Bundesliga stand nach dem Suizid von Hannover-Torwart Robert Enke 2009 abermals unter Schock.

Rafati litt nach eigener Aussage unter einer schweren Depression, spricht von "Höllenqualen". Dahin getrieben hätten ihn Leistungsdruck und Mobbing, erklärt der heute 44-Jährige und hält fest: "Klar, ich habe Fehlentscheidungen getroffen." Zuletzt war er von den Profis in der Umfrage eines Sportmagazins mehrfach zum schlechtesten Bundesliga-Schiri gewählt worden. Für ihn als stolzen und "durchaus eitlen" Fifa-Referee, bekannt durch sein arrogantes Auftreten auf dem Platz, sei das nicht das Entscheidende gewesen. "Von meinen Führungskräften hörte ich immer wieder: Das Geschäft verbrennt Leute, wir müssen sehen, was wir mit dir machen." Es sei nicht offen mit ihm über seine Fehler gesprochen, er stattdessen öffentlich vorgeführt worden. Für ihn sei klar gewesen, er sollte "verbrannt" werden, seit er beim Verband Kritik an neuen Strukturen geäußert habe. Von den Verantwortlichen beim Fußballbund wurde diese Darstellung stets zurückgewiesen.

Rafati wollte es indes mit allen aufnehmen. Er sei doch eine Kämpfernatur gewesen. "Immer geradeaus, immer klar, auch in meinem Job als Bankkaufmann immer in Führungspositionen", erzählt er. Damit begann der Ritt in die Hölle. Er sei zum Spielball geworden, "und ich habe das selber zugelassen".

Dann schildert er seine dunkelsten Stunden im Kölner Hotel. Mucksmäuschenstill ist es im Fantreff. "Ich habe nicht an Selbstmord gedacht. Dann kam Kopfkino, ich habe meinen Kopf einfach machen lassen. Irgendwann kam ein Moment, wo ich alles, was ich in die Hände bekam, als Waffe einsetzte." Rafati betrank sich, schluckte massenhaft Tabletten. "Ich wollte diesen brutal hässlichen Film beenden. Ich habe mich dabei gut gefühlt. Endlich war ich handelnde Person, endlich konnte ich selbst richten. Ich hasste mich." Später schlitzte er sich mit Glasscherben die Arme auf ...

Nach einigen Anläufen habe ihm eine Therapie geholfen, die Depression zu besiegen. "Depression ist ein Tabuthema", sagt der Ex-Referee. Das müsse sich ändern, genauso wie heutzutage offen über Sex geredet werde, fordert Rafati mehrfach.

"Über Depression muss so offen geredet werden wie heutzutage über Sex." - Babak Rafati über das "Tabuthema Depression"

Es müsse "normal" werden, zum Psychiater zu gehen. Erst dann öffne sich auch für Leistungssportler wie ihn der Weg zurück in den Fußball. Derzeit ist das für ihn in Deutschland ausgeschlossen. Statt dessen arbeitet er als Schiri-Experte fürs Radio und für ein Internetportal.

In der anschließenden Diskussion kommt er mit Fußballfans, aber auch mit selbst von Depressionen Betroffenen ins Gespräch, blickt nebenbei schon mal auf "wunderbare Spiele in Magdeburg, Dresden, Rostock oder Cottbus" zurück: "Im Ostfußball wurde mit offenem Visier gekämpft. Keine Fouls hintenrum." Nach mehr als zweieinhalb Stunden zum ernsten Thema entlässt der "neue Rafati", wie er sich bezeichnet, mit einigen heiteren Anekdoten aus seiner Schiedsrichterzeit die Zuhörer mit einem Schmunzeln nach Hause.

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