Magdeburg l Wenn im Hause Dreyer gegessen wird, gibt es für einen immer eine Extrawurst - und zwar im wörtlichen Sinn. Denn der fünfjährige Sascha leidet an einer Glutenunverträglichkeit. Selbst kleinste Mengen können für ihn zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen: Bauchschmerzen, Durchfall oder auch Verstopfungen, und im schlimmsten Fall sogar Krebs.


Während es für viele Menschen derzeit hip ist, sich glutenfrei zu ernähren, bedeutet die Glutenunverträglichkeit für Sascha eine strenge Ernährung bis zu seinem Lebensende. Denn ein Mittel ist gegen die Unverträglichkeit gegen den Kleberstoff in Getreideprodukten nicht gewachsen.

Nicht ein Krümel darf Gluten enthalten
Wenn also bei Familie Dreyer gefrühstückt wird, bekommt Sascha glutenfreies Brot oder Brötchen. Mutter Mandy Dreyer röstet es in einem Toaster, der allein Sascha vorbehalten ist und nur für seine Lebensmittel verwendet wird. Der Grund ist die mögliche Kontamination. Das klingt nach Giftstoffen, vor allem aber gefährlich. Und das ist es auch. Selbst geringste Mengen, zum Beispiel Krümel von glutenhaltigem Brot, schädigen Saschas Körper. Sogar beim Haarshampoo achtet Mandy Dreyer deshalb auf Glutenfreiheit.

Festgestellt wurde die Krankheit, die sich Zöliakie nennt, als Sascha zwei Jahre alt war. Ohnehin war er damals sehr häufig krank. "Aber da gibt man erst mal nichts drauf", sagt die Mutter. Kinder in dem Alter seien ja häufiger mal krank.

Doch dann steht die Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt an. "Die Ärztin stellte fest, dass Sascha zwar gewachsen war. Doch an Gewicht hatte er nicht zugelegt", erzählt Vater Bernd Dreyer, dazu die dunklen Augenringe, als Folge davon, dass sein Körper kaum noch Näherstoffe aufnehmen konnte. Zum Glück hat seine Kinderärztin gleich eine Vermutung und veranlasst einen Bluttest. Der bringt die Antikörper zu Tage, die Saschas Körper gegen das Gluten gebildet hat. Für seine Familie war das zunächst kaum zu fassen. Vom Arzt ging`s zur Ernährungsberatung und nun lebt der Junge schon seit drei Jahren glutenfrei - und ohne Bauchschmerzen oder ähnliche Magen-Darm-Beschwerden.

Inzwischen weiß er auch schon um seine Krankheit. Glutenteufel nennt er die für ihn gefährlichen Stoffe. Bevor Sascha etwas isst, liest ihm seine Mama schon jetzt die Inhaltsstoffe vor und Sascha schätzt mit ein, ob er das Produkt essen darf. "Er wächst da hinein", sagt Mandy Dreyer. Doch so richtig begreifen kann er es eben doch noch nicht. "Mit sechs darf ich das dann essen", sagt er. Seine Mutter verneint. Darauf Sascha: "Und mit zehn?"

3,99 Euro für eine Tüte Mehl
Beeinträchtigt ist Sascha nicht nur in Ernährungsdingen, sondern auch im täglichen Leben. Wenn andere Mädchen und Jungen im Kindergarten Brote tauschen, ist das für Sascha streng verboten. Geht es auf Wandertag, ist stets Mutter Mandy mit von der Partie. Beim Ausflug in den Zoo zum Beispiel hat sie sich vorher erkundigt, was es zu Essen gibt: Pommes und Chicken-Nuggets. Für ihren Sohn bereitete sie eine glutenfreie Variante zu. Beim Maifeuer grillten die Feuerwehrleute die sprichwörtliche Extrawurst für den Jungen. Die Zange, mit der sein Würstchen gewendet wurde, durfte vorher nicht einmal in Berührung kommen mit den glutenhaltigen Würstchen.

Dass sich nun die komplette Familie glutenfrei ernährt, um weniger Aufwand zu haben, ist jedoch nicht der Fall. Aus einem einfachen Grund: Es wäre zu teuer. Denn die glutenfreien Produkte sind deutlich teuer als ihre glutenhaltigen Pendants. Für eine Tüte Mehl zum Beispiel zahlt sie 3,99 Euro. Für eine Packung mit fünf Scheiben Brot 3,29 Euro.

Wunsch: ein Buffet ohne Extrakekse
Apropos: Auch Einkaufen ist bei Familie Dreyer so eine Sache. Frischen Aufschnitt vom Fleischer bekommt Sascha nicht. Die glutenfreie Wurst könnte über die Maschinen zum Schneiden mit glutenhaltiger Wurst in Berührung gekommen sein. Entweder kauft die Familie sie im ganzen Stück oder abgepackt (glutenfrei).

Ansonsten ist Sascha aber ein Kind wie jedes andere. Er interessiert sich für die Feuerwehr, hat zum Termin mit der Volksstimme sogar ein kleines Feuerwehrauto zum Spielen mitgebracht, er liebt Nudeln mit Tomatensoße und ist ein richtiger kleiner Frechdachs. Seine Geschwister stört der Rummel um ihren Bruder nicht. Sie achten teilweise sogar selbst mit darauf, dass der Jüngste in der Familie auch wirklich nur das zu sich nimmt, was ihm bekommt und keine Schäden in seinem Darm verursacht.

Was sich die Eltern für ihren Sohn Sascha wünschen würden, wäre ein Nachmittag, an dem Sascha mal all das machen kann, was für andere Kinder das normalste der Welt ist. Ein Leben ohne Extrawurst, -kekse oder -kuchen. Ein vielfältiges Kuchenbuffet zum Beispiel, an dem sich alle nach Lust und Laune bedienen können, weil es eine Auswahl von vielen glutenfreien Kuchen und Keksen gibt.

Sie hoffen deshalb, dass sich weitere Familien mit von Zöliakie betroffenen Kindern in der Selbsthilfegruppe melden, in der Dreyers regelmäßig zu Gast sind. Das würde nicht nur einen Austausch für die Kinder bieten, sondern auch für die Eltern. Die Gruppe trifft sich in der Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen am Hasselbachplatz, Breiter Weg 251, oberste Etage.