Der Papst ist zurückgetreten. Nicht nur der in Rom, sondern auch der Sprecherzieher-Papst von Magdeburg - mit 85 Jahren. Martin Ernst hat Spuren hinterlassen, die sich hören lassen können.

Magdeburg l Nein, das Alter sieht man Martin Ernst nicht an. Er blättert aufmerksam im Aktenordner mit den sorgsam abgehefteten Erinnerungsstücken seines langen Lebens und plaudert redegewandt, als hätte er gerade gestern noch mit Rolf Herricht auf der Bühne gestanden. "Das war ein sehr bescheidener, zurückhaltender Kollege. Die Familie war ihm immer besonders wichtig", erzählt er über den vielleicht berühmtesten Komiker der DDR.

Martin Ernst hat ab 1948 gemeinsam mit Herricht und auch dem späteren Brecht-Schauspieler Eckehard Schall die Magdeburger Schauspielschule besucht. Bis auf kurze Gastspiele in Bernburg, Rostock und Cottbus war er die meiste Zeit seines Lebens in Magdeburg engagiert. Er spielte den Mephisto im "Faust" und den Mohr von Tunis in Schillers "Fiasko". Er wurde auch häufig in komischen Rollen wie dem Pantalone in Gozzis "König Hirsch" besetzt. Doch im Gegensatz zu den berühmten Kollegen Herricht und Schall wird Martin Ernst den meisten Theaterfreunden weniger als Schauspieler in Erinnerung sein - sondern als Theatererklärer und Sprecherzieher.

"1968 saß ich mit einem sehr unglücklichen Operndirektor in der Kantine, weil gerade die Oper Hänsel Gretel wegen Unruhe abgebrochen werden musste", erinnert er sich. "Der Mann war todunglücklich." Dabei lag das Scheitern der Vorstellung keineswegs an den Künstlern.

Die Kinder habe einfach weder in der Schule noch im Theater jemand auf die Oper vorbereitet. Theaterpädagogik, wie wir sie heute kennen, war damals unüblich. "So kam es, dass ich das erste Mal bei einer Kindervorstellung vor den Vorhang getreten bin und am Bühnenrand den Kindern das Operngeschehen erklärt habe." Fortan war Ernst im Nebenberuf Theaterpädagoge. In einem Fernstudium eignete er sich das theoretische Rüstzeug an.

Generationen von Schülern aus Magdeburg und Umgebung sind von 1970 bis heute vom netten Herrn Ernst mit dem Theater-Virus angesteckt worden. Es gibt vermutlich keine Szene in Goethes "Faust I und II", die Martin Ernst nicht erklären kann. "Wir begannen in den 1970er Jahren damit, dass Klassen vor Theaterbesuchen im Unterricht Einführungen bekamen, organisierten Probenbesuche und Werkstattbesichtigungen", erinnert er sich. So etwas gab es zuvor nicht.

1979 bekam der Schauspieler und Theaterpädagoge Ernst am Magdeburger Institut für Lehrerbildung noch eine weitere Aufgabe: Er wurde Sprecherzieher. Zunächst für Lehrer, später auch für angehende Opernsänger am Musikinstitut der nach der Wende neu gegründeten Otto-von-Guericke-Universität.

Und schließlich für die Moderatoren in den neu gegründeten Rundfunkstudios des MDR und der Privaten. In 34 Jahren Berufsausübung wird Martin Ernst so etwas wie der "Papst der Sprecherzieher" in der Landeshauptstadt. "Mir war wichtig, dass Texte nicht nur gut gesprochen werden, sondern dass der Sprecher aus sich herausgeht, den Text mit Leben erfüllt", sagt er - und da spricht dann doch der Schauspieler aus ihm.

Wer bei Martin Ernst auf der Couch lag, war immer auch ein bisschen beim Psychiater, berichten Rundfunkmoderatoren. Seine freundliche, kluge Art werden wohl viele von ihnen vermissen. "Er war nicht nur Sprecherzieher, sondern zugleich eine Seele des Unternehmens", sagte SAW-Geschäftsführer Mario Liese in der vergangenen Woche zum Abschied. Dort hat er bis jetzt als vertraglich angestellter Sprecherzieher Moderatoren und Volontären das richtige Sprechen beigebracht.

Bei der Suche nach seinem Nachfolger soll er mithelfen. Deshalb ist vor dem SAW-Funkhaus auch das eigens für Martin Ernst angefertigte Fahrrad-Parkplatz-Schild noch nicht entfernt worden. Denn der Sprecherzieher ist - trotz seiner 85 Lenze - bei Wind und Wetter fast immer mit dem Fahrrad unterwegs.

 

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