Das Tramper-ABC

Ein Patentrezept zum richtigen Trampen gibt es nicht.Erfahrungsgemäß lassen sich Mitfahrgelegenheiten am besten an Rastplätzen oder Tankstellen in Autobahnnähe finden.

Manche Tramper sprechen die Leute lieber direkt an, andere halten den Daumen raus oder sind mit einem Schild unterwegs, auf dem das Reiseziel steht.

Wichtiger Tipp: Von ersten Absagen sollte man sich nie entmutigen lassen. Ist man schließlich ein paar Mal getrampt, stellt sich eine Art von Routine ein. Dann weiß man, wen man ansprechen sollte und wen nicht. Familien mit drei Kindern nehmen beispielsweise eher selten einen Tramper mit.

Magdeburg l Marokko, Türkei, Sibirien, Portugal. Die Liste von Jona Redslobs bisherigen Reisezielen ist lang und vielfältig. Das Besondere: Er hat all diese Länder als Beifahrer angesteuert. Denn Jona Redslob trampt. Nicht, weil es so günstig ist, sondern aus Überzeugung.

"Kurz vor Studienbeginn habe ich noch eine kleine Tour gemacht. Da ging es über den Balkan, die Türkei und Georgien nach Sibirien." Kleine Tour und Sibirien, ein vermeintlicher Gegensatz, der eindrucksvoll zeigt, in welchen Dimensionen Jona Redslob mittlerweile denkt und reist. Jona Redslob ist Tramper aus Überzeugung, neben seinem Studium mehrere zehntausend Kilometer pro Jahr unterwegs und seit Juni 2012 Vorstandsmitglied bei "abgefahren", einem deutschen Trampverein.

Jona weiß noch ganz genau, wann und wie die Sache mit dem Trampen bei ihm angefangen hat. Wir schreiben das Jahr 2008, der Schüler Jona Redslob aus der Nähe von Aachen feiert Silvester in Berlin. Er feiert etwas zu viel, hat am Ende keine Kohle mehr und weiß nicht, wie er nach Hause kommen soll. Also an die Straße gestellt, Daumen raus - und wenige Stunden später war er wieder daheim. Und das alles für umsonst. Seine Leidenschaft für diese Art des Reisens war geweckt.

"Wenn ich eine Auszeit brauche, ziehe ich los."

Bis zum Abitur waren es dann eher kleinere Fahrten, die Jona als Beifahrer vom Straßenrand aus bestritt. Doch nachdem die schulische Reifeprüfung in der Tasche war, legte er richtig los. "Einmal kreuz und quer durch Europa", erinnert sich der 23-jährige Student der Europawissenschaften, führte ihn seine Reise. "Zunächst habe ich ein paar Freunde in Deutschland, dann ein Festival im Balkan besucht. Anschließend ging es zurück nach Deutschland und über Lettland rauf nach Finnland." Für die Überfahrt mit der Fähre musste er kurzzeitig mit seinen Gewohnheiten brechen, doch sein Reise- und vor allem Tramphunger war noch lange nicht gestillt. "Ich habe auf die Europakarte geschaut und mich spontan für Portugal entschieden." Kaum den Gedanken zu Ende gedacht, stand Jona schon wieder am Straßenrand und wartete auf einen Lift, wie es in der Szene heißt. Über Polen führte ihn sein weiterer Weg bis nach Spanien, wo er sogar für eine Teil-etappe den Zug nutzte. Außerdem änderte er sein Reiseziel und landete schlussendlich in Marokko. Nach zwei Monaten war er wieder in Deutschland.

Er begann einen Freiwilligendienst in Warschau, zog selbstverständlich auch von dort regelmäßig los und begann nach der eingangs erwähnten Tour nach Sibirien sein Studium in Magdeburg. Im aktuellen Semester will er seine Bachelorarbeit schreiben, weswegen größere Touren wohl erst einmal ausfallen. "Aber wenn ich vom Lernen eine Auszeit brauche, ziehe ich einfach los", so Jona.

Es ist diese Mischung aus Unabhängigkeit und Spontanität beim Reisen, gepaart mit der für ihn positiven Ungewissheit, wie die Tour am Ende tatsächlich verläuft, die den 23-Jährigen am Trampen reizt. Der Faktor Geld spielt gar nicht mal die entscheidende Rolle. "Wenn ich nach Marokko will, sind Billigflieger womöglich sogar die billigere Alternative", sagt er. Immerhin kämen beim tagelangen Trampen durchaus Kosten für Verpflegung und Unterkünfte dazu. Aber keine andere Art des Reisens ermögliche die Bekanntschaft von so vielen Menschen und das Erlebnis so vieler bisweilen skurriler Situationen.

Beispiele gefällig? Einmal wurde er von den Eltern seiner Nachbarn zufällig aufgegabelt. Ein anderes Mal fiel ihm dank des Gesprächs mit dem Fahrer über Festivals ein, dass er seine Tickets zu Hause liegen hatte. Nach drei Umstiegen war er wieder in Magdeburg, holte die Karten und war noch am selben Abend wieder am Zielort.

"Gute Möglichkeit, neue Sprachen zu lernen."

Aber es sind vor allem die neuen Menschen, die für Jona einen Großteil der Faszination seiner Reisen ausmachen. So hat er nach seiner letzten Reise durch Marokko im Nachhinein noch Kontakt zu drei seiner Fahrer. "Und Trampen ist eine wunderbare Möglichkeit, um neue Sprachen zu lernen", ist sich Jona sicher. Wenn man in Russland in zig verschiedene Autos steige und jedes Mal die gleichen Fragen beantworten müsse - "Wie heißt du?", "Wie alt bist du?", "Wo kommst du her?" -, wüsste man eben irgendwann, was diese bedeuten.

Und Jona Redslob ist mit dieser Faszination nicht alleine. Deswegen hat sich 2008 der Trampverein "abgefahren" gegründet, zu dessen Vorstand Redslob seit 2012 gehört. Aktuell zählt der Verein etwa 250 Mitglieder, Tendenz steigend. Der Verein will in erster Linie dazu dienen, allen interessierten Trampern eine Plattform zum Erfahrungs- und Kontaktaustausch zu bieten. "Ein Community-Ding", wie es Jona ausdrückt. Und er organisiert die Deutsche Trampmeisterschaft, in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai.

Bei der 6. Auflage dieses Wettbewerbs treffen sich die etwa 80 bis 100 Teilnehmer - unter anderem auch aus Polen, Rumänien und sogar Australien - am Freitag in Dresden, verbringen einen netten Abend gemeinsam und erfahren am nächsten Morgen, wohin die Reise gehen soll. Das Ziel liegt auf jeden Fall nicht in Deutschland. In Zweierteams machen sich die Tramper dann auf den Weg, am Zielort wartet am Samstagabend das nächste gemütliche Beisammensein. Das Ziel sei zwar, als erstes Team anzukommen, im Vordergrund stehe der Wettkampfcharakter aber nicht, betont Jona. "Ziel ist es, Menschen unterschiedlichster Herkunft und aller Altersgruppen zusammenzubringen und das Mitfahren und Mitnehmen noch populärer zu machen."

Auch an vergangenen Meisterschaften hat er schon teilgenommen. Von Freiburg ging es beispielsweise 2011 an den Lago d\'Orta in Italien. Jona erinnert sich noch gerne daran, dass unterwegs irgendwann fünf Tramperteams im selben Caravan saßen. Der Fahrer wollte ursprünglich zu einem anderen Campingplatz fahren, entschied sich dann aber spontan für eine Übernachtung am Lago d\'Orta.

"Keinem von uns ist je etwas passiert."

Ein Team verzog sich nach dem Startschuss erst einmal für ein gemütliches Frühstück in ein Café, kam letztlich aber als zweites an.

Gefahren sieht Jona beim Trampen keine. Weder ihm noch einem seiner Mitstreiter bei "abgefahren" sei jemals etwas passiert. Über den Mythos, dass sich der Lift, zu dem man ins Auto steigt, als Massenmörder entpuppt, kann Jona nur lachen. Selbst würde Jona übrigens natürlich auch wartende Tramper mitnehmen. Einen Führerschein hat er sogar. Aber - man ahnt es - kein Auto. An Kurztrips nach Sibirien hindert ihn das jedoch nicht.