Volksstimme: Was kann ich tun, wenn ich verfolgt oder geschlagen werde?
Gudrun Schulz: Grundsätzlich gilt: Die Polizei ist der erste Ansprechpartner. Gleichzeitig sollten Sie auch medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn die Verletzungen größer sind, muss das neben der Behandlung auch sofort dokumentiert werden, damit es dann später gerichtsverwertbar ist.

Volksstimme: An was muss ich noch denken?
Schulz: Die wichtigsten Fragen drehen sich um die Sicherheit. Wenn die Lage ganz akut ist, kann man Zuflucht im Frauenhaus finden. Dann gibt es in Magdeburg auch eine Interventionsstelle am Wilhelm-Höpfner-Ring. Ganz wichtig ist auch der Notfallkoffer. Wenn Sie sich entschließen, Hilfe zu suchen, packen Sie die wichtigsten Dokumente wie beispielsweise Personalausweis und EC-Karte ein. Und denken Sie daran, das Lieblingsspielzeug des Kindes mitzunehmen. Ist das geregelt, sollten Sie Kontakt zu einem Anwalt aufnehmen.

Volksstimme: Wie viele Opfer von häuslicher Gewalt haben Sie betreut?
Schulz: Sie müssen bedenken, dass nicht alle zum Weißen Ring kommen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher. Im Bereich "häusliche Gewalt" und "Stalking" haben wir in Magdeburg vergangenes Jahr 23 Fälle betreut. In diesem Jahr sind es bereits 26.

Volksstimme: Melden sich bei Ihnen auch Männer?
Schulz: Ja, unter den Hilfesuchenden sind auch Männer. Allerdings fällt es ihnen schwerer, sich zu offenbaren. Das klassische Rollenbild sieht doch den Mann als starkes Geschlecht.

Volksstimme: Was ist Ihre häufigste Beobachtung?
Schulz: Viele haben das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Und viele fühlen sich alleine. Dabei helfen manchmal schon kleine Dinge. Zum Beispiel gehen wir mit zu Gerichtsverhandlungen. Manchmal geht es nur darum, dass jemand da ist oder im richtigen Moment ein Taschentuch dabei hat oder weiß, dass es am Amts- und Landgericht ein Zeugenschutzzimmer gibt. Viele Opfer haben Angst, vor Gericht ihre Peiniger wiederzutreffen. Da ist es gut, wenn jemand da ist.

Volksstimme: Reicht in Deutschland der Opferschutz?
Schulz: Ein ganz klares Nein. Täter bekommen das Rundumsorglos-Paket. Angefangen beim Pflichtverteidiger und aufgehört bei Betreuungsangeboten nach der Haftentlassung. Über den seelischen Zustand der Opfer wird viel zu selten gesprochen. Ein weiteres Problem - besonders auch in Magdeburg - sind die langen Wartezeiten bei Spezialisten. Versuchen Sie hier mal einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen.