Es geht um viel Geld

Einen Millionenschaden in der Zeit von 2010 bis 2012 ermittelten die Prüfer des Ostdeutschen Sparkassenverbands bei Bauprojekten und Dienstwagen der Kreissparkasse Stendal.

Details aus dem Prüfbericht:


767.000 Euro sind durch Scheinrechnungen und mangelhafte Prüfungen von Bauaufträgen für Sparkassen-eigene Gebäude entstanden.

Allein fünf Dienstwagen leistet sich der damalige Vorstandschef Dieter Burmeister in seinen drei letzten Arbeitsjahren. Die Autos der Marken Mercedes, Volvo und Citroën hatten einen Wert zwischen 40.000 und 70.000 Euro. Vier weitere waren ihm, den Ermittlungen zufolge, "faktisch zugeordnet" gewesen.

77.000 Euro Verlust sei allein dadurch entstanden, dass die Autos, die wegen der kurzen Nutzungsdauer ohnehin an Wert verloren hatten, anschließend für einen niedrigen Preis als dem Marktwert verkauft worden sein sollen.

202.000 Euro Schaden listen die Prüfer auf, da Burmeister mit dieser Dienstwagen-Rochade seine Kompetenzen überschritten habe. (mr)

Stendal. Es war ein beeindruckender Abschied nach 45 Dienstjahren bei der Sparkasse. 200 Gäste reihten sich in eine Endlos-Schlange, gratulierten und beschenkten Dieter Burmeister. Dieser 5. Dezember 2012 bedeutete eine Zäsur für die Kreissparkasse Stendal: Ihr langjähriger Vorstandsvorsitzender nahm Abschied vom Chefposten.

Blumen samt herzlicher und überaus inniger Umarmung durch den damaligen Landrat, der Sinatra-Klassiker "My Way" eigens umgedichtet und vorgetragen von einer jungen, ambitionierten Sängerin aus der Region und die Ehrennadel des Kreisschützenbundes in Gold - an diesem Vorabend des Nikolaustages sah alles nach einem gelungenen Ausklang nach mehr als 20 Jahren an der Sparkassen-Spitze in Stendal aus.

Verwaltungsrat stellt Strafanzeige und prüft Schadensersatz

Ein Jahr später ist von dem harmonischen Ende nichts mehr geblieben. Statt Lobreden auf den Jubilar gibt es Schriftsätze der Juristen: Der Verwaltungsrat der Kreissparkasse hat am 30. September den 64-Jährigen, der noch mit einem Beratervertrag ausgestattet war, fristlos entlassen, Strafanzeige gestellt und prüft Schadensersatzforderungen. Außerdem verweigerte das Gremium Burmeister die Entlastung für das Geschäftsjahr 2012.

Die explosive Akte, die das ausgelöst hat, ist mehr als 200 Seiten stark und befindet sich in einem tannengrünen Einband: "Prüfstelle Ostdeutscher Sparkassenverband (OSV)" steht in goldfarbener Prägung auf dem Bericht, den der heutige Stendaler Landrat Carsten Wulfänger (CDU) und die neue Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Kerstin Jöntgen am 16. September 2013 von den OSV-Prüfern in Potsdam präsentiert bekamen. Auf 75 Seiten und einer doppelt so hohen Anzahl an Anlagen haben die Prüfer ihre Ergebnisse einer Tiefenuntersuchung der Bereiche Fuhrpark und Sparkassen-Bauten aus den Jahren 2010 bis 2012 dokumentiert.

Wulfänger und Jöntgen sehen sich seit diesem Tag mit einem Millionenschaden konfrontiert (siehe Kasten). Dieses Ergebnis entsetzt den Verwaltungsrat, sorgt für Fassungslosigkeit bei der Sparkassen-Belegschaft und reicht bis hin zu wütenden Reaktionen von Kunden des Kreditinstituts.

Ex-Landrat bricht vor dem Kreistag in Tränen aus

"Das hat niemand geahnt, damit konnte doch keiner rechnen", sagt Jörg Hellmuth (CDU). Er war von 1999 bis 2013 Landrat und Verwaltungsratsvorsitzender der Sparkasse gewesen.

Als sein Nachfolger Wulfänger vor wenigen Wochen dem Kreistag hinter verschlossenen Türen das Ausmaß der Schäden in einer Power-Point-Präsentation offenlegte, brach Kreistagspräsident Lothar Riedinger (CDU) in Tränen aus. Riedinger, in den 90er Jahren selbst Landrat, hatte den späteren Sparkassen-Chef Burmeister 1991 nach Stendal gelotst.

Der damals gerade mal 40 Jahre alte Bankkaufmann Dieter Burmeister kam von der Kreissparkasse Lüchow-Dannenberg. Unter seiner Führung gelang es, das Kreditinstitut aus einer finanziellen Schieflage zu befreien. Für viele gilt Burmeister noch heute als der "Retter der Sparkasse".

Der Wendländer verkörperte zudem das, was man dem Nordost-Niedersachsen gerne nachsagt: Er war und gab sich erdverwachsen. Bevor er seine Familie recht schnell nachholte, campierte Burmeister im Wohnwagen. Hellmuth und Riedinger trafen sich damals abends mit ihm auf dem Campingplatz, um die Strategie der nächsten Jahre abzustimmen - rustikal bei Wurstbrötchen und dem ein oder anderen Bier.

Wann Burmeister diese Bodenhaftung verloren hat, fällt vielen, die mit ihm näher zu tun haben, schwer zu sagen. Die herausgehobene Stellung eines Sparkassenchefs schafft ohnehin Statussymbole. "Es ist halt so, dass man in einer solchen Position ein größeres Auto als der Landrat fährt und mehr als die Bundeskanzlerin verdient", sagt Ex-Verwaltungsrat Hellmuth.

Sauna, Fitnessraum, Oldtimer, Traktor, 40 Dienstfahrzeuge

Einen Wendepunkt machen viele mit dem Umbau der alten Wehrmachts-Speicher zum neuen Sparkassen-Domizil Ende der 90er Jahre aus. "Das ist da ja wie im Hochsicherheitstrakt", staunte der Vorstand einer anderen Sparkasse nach einem Besuch bei Burmeister über dessen Sicherheitsschleusen. Die Büroetage war auch nicht einfach nur ein Büro. Zeitweise gab es dort sogar einen Fitnessraum und eine Sauna.

Für einige Anschaffungen in der Burmeister-Ära fehlt heute nicht nur das Verständnis, sondern auch jegliche Notwendigkeit, wie Verwaltungsratschef Wulfänger einräumt: So besitzt das Geldinstitut einen Weinkeller, einen Oldtimer aus den 30er Jahren, sogar einen Traktor und einen Schlegelmulcher.

Überhaupt - die Dienstfahrzeuge: 40 davon stehen im Fuhrpark. Die Sparkasse im benachbarten Altmarkkreis Salzwedel kommt mit sechs Autos aus. Burmeister hingegen wies sogar schriftlich an, dass der Leiter der Innenrevision "mit einem zeitgemäßen Auto unterwegs sein sollte".

In der Region war der Ex-Vorstandschef durch häufige Besuche bei den Autohäusern bestens bekannt. Burmeister machte bei Automobilen sogar vor internationalen Geschäften nicht halt: Aus den USA ließ er 2011 einen Toyota Sienna importieren. Der Siebensitzer, dem Autotester einen "Laderaum mit Echo" attestieren, steht heute auf der Liste der "überzähligen Fahrzeuge", für die es keine Verwendung gibt. Die Sparkasse will das Dickschiff jetzt zu "marktüblichen Preisen" veräußern.

Noch spannender sind die Sparkassen-Bauten, die ein direkt dem Vorstandschef unterstellter Abteilungsleiter abwickelte. Bauaufträge wurden von ihm zumeist ohne Ausschreibung vergeben, nicht ausreichend kontrolliert und zu überhöhten Preisen abgerechnet. Zumeist gingen die Aufträge an ein kleines Bauunternehmen in einem Stendaler Ortsteil.

Die OSV-Prüfer entdeckten dahinter ein ganzes Netzwerk, das darin eingebunden sein soll. Dessen Spur führt bis an die kanadische Ostküste, wo der Bauunternehmer und einige seiner Geschäftspartner in einer abgeschiedenen Meeresbucht an einem Feriendomizil beteiligt sind, wie die Recherchen der Kontrolleure ergaben.

Dienstfahrt nach Passau zum "Politischen Aschermittwoch"

Es gibt offenbar auch familiäre Verquickungen. Das Haus, in dem einer der Söhne des Ex-Sparkassenchefs wohnt, wurde von eben jenem Bauunternehmer errichtet, der mit der Sparkasse auf so ungewöhnliche Weise geschäftlich verbunden ist.

Über das Ausmaß der Prüfergebnisse sind Burmeisters ehemalige Vorstandskollegen im Ostdeutschen Sparkassenverband entsetzt. Dort gilt der langjährige Vorstandschef als "letzter Vertreter der alten Garde". Ein Sparkassenchef aus der jüngeren Generation erklärt sich die Verfehlungen mit einem "nahezu rechtsfreien Raum" nach der Wende: Manche "Pioniere der ersten Stunde" hätten später nicht "genügend Scharfsinn und Sensibilität" gehabt, sich dem heutigen streng regulierten Bankensystem anzupassen. Stendal gilt da innerhalb des Sparkassenverbands als "besonders schwerer Fall".

Über Jahre hinweg hat der Vorstandschef nahezu als Patriarch amtiert. Da gab es eine Nähe, die nicht strafbar ist, aber Abhängigkeiten schafft. Hoch dotierte Aufträge gingen auch an Verwaltungsratsmitglieder. Eine gemeinsame Dienstfahrt mit einem hochrangigen Kreispolitiker führte zum Politischen Aschermittwoch der CSU nach Passau. Zudem haben - sparkassenweit einzigartig - die Stendaler Verwaltungsratsmitglieder einen eigenen Spendenfonds. Bei dessen Start 1998 konnte jedes Mitglied bis zu 7000 Mark im Jahr für gemeinnützige Zwecke vergeben. Heute sind es noch 1500 Euro pro Jahr je Verwaltungsrat.

Landrat Wulfänger kündigte im November vor dem Kreistag "konsequente Aufklärung und größtmögliche Transparenz" an. Der Verwaltungsrat hat jedoch Mitte Dezember eine weitere Strafanzeige gestellt - gegen unbekannt. Auf diesem Weg möchte das Kontrollgremium jene undichten Stellen ausfindig machen, über die die Volksstimme an mehr Details gekommen ist, als dem Verwaltungsrat offensichtlich lieb sind.

Frank Wiese, Vorsitzender der Kreistagsfraktion "Landwirte für die Region", die als einzige keinen Vertreter im Verwaltungsrat hat, hält nicht zuletzt deswegen den Rücktritt des kompletten Gremiums als "die einzige richtige Konsequenz für einen Neuanfang". Immer mehr Kreispolitiker sehen dies auch so, doch die Spitzen der beiden größten Kreistagsfraktionen CDU und Linke halten sich bedeckt - sie selbst sind stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates.

Es ist kein Geheimnis, dass sich Teile des Verwaltungsrates und der Sparkassen-Belegschaft gegen diese Aufklärung sperren und stattdessen die Aufklärer kritisieren. Das lässt Raum für manche Spekulation. Wer zum Beispiel sind die neuen Besitzer der unter Wert verkauften häufig wechselnden Dienstwagen? Ermittler waren nach Volksstimme-Informationen bereits in den ersten Autohäusern.

Ermittlungen dürften sich bis weit ins Jahr hineinziehen

Die Magdeburger Staatsanwaltschaft hält sich bedeckt. "Wir geben derzeit keine Einzelheiten preis", sagt ihr Sprecher Frank Baumgarten. Burmeister selbst klagt gegen seine fristlose Entlassung. Seine Anwälte bitten"im Hinblick auf das laufende Verfahren" um Verständnis, dass sie "in der Sache derzeit keine weiteren Auskünfte geben können".

Gegen wieviele Tatverdächtige am Ende ermittelt werde, sei "noch nicht absehbar", erklärt unterdessen Baumgarten. Die Ermittlungen dürften sich "weit bis ins neue Jahr hineinziehen".

Dabei wird es nicht bleiben. Derzeit werden die Bereiche Fuhrpark und Sparkassen-Bauten auch für die Jahre 2007 bis 2009 überprüft. "Da kommt noch was auf uns zu. Der Schaden ist in den Jahren noch größer gewesen", offenbart ein Insider erste Erkenntnisse.