Barby/Schönebeck l Sebastian Plaschnik ist Verwaltungsfachangestellter bei der Einheitsgemeinde Barby. So einem würde es nie in den Sinn kommen, denkmalgeschützte Gebäude zu bepinseln. Der 29-Jährige tut das höchstens mit einer speziellen Taschenlampe, die einen Farbvorsatz trägt. In diesem Fall "färbte" Sebastian die alte Stadtmauer blau, sein Kumpel Manuel Igel (26) den Turmaufsatz des "Prinz" zeitgleich mit weißem Licht. Rechts und links erzeugen Akkuschrauber mit brennender Stahlwolle bizarre Feuerkreise, deren Funken durch die Nacht sprühen.

Davor rotieren drei sogenannte Domes. Für diese Halbkugeln werden Fahrradreifen benutzt, auf deren äußerem Rand eine Lichterkette befestigt ist. Wenn das Rad sich dreht und der Kameraverschluss zwei, drei Minuten geöffnet ist, entstehen die wundersamsten Lichtmalereien. Denn es handelt es sich um die Langzeitbelichtung eines Fotos. Alle Lichtquellen werden festgehalten. Wenn sie sich bewegen, hinterlassen sie eine Lichtspur. Genau dieser Effekt wird genutzt. Man kennt das auch von Langzeitbelichtungen fahrender Autos auf einer Straße.

"Die haben gedacht, wir wollen da was klauen oder sind Sprayer"

Zu dem Quartett zählen auch Matthias Busse (30) und Sebastian Müller (27). Letzteren bezeichnet Manuel Igel als Vorreiter. "Der hat mich zur Lichtmalerei gebracht", erinnert sich Manuel. Erste Versuche machten die jungen Männer am Bad Salzelmener "Kusswäldchen". Dort wurden Smileys mit der Taschenlampe in stockfinsterer Nacht produziert oder man hinterlegte menschliche Silhouetten.

Mittlerweile setzten die vier jungen Hobbykünstler verschiedene Lichtquellen ein und suchen nach interessanten nächtlichen Hintergründen. Wozu auch Industriebrachen, Ruinen und andere verlassene Orte zählen.

Was im Falle des Barbyer "Prinz" recht friedlich verlief, führte anderen Orts zu Missverständnissen. So stand am Rande eines Magdeburger Bahnbetriebes plötzlich der Sicherheitsdienst auf der Matte. "Die haben gedacht, wir wollen da was klauen oder sind Sprayer", weiß Manuel Igel noch. Zumal die Fotografen ihrerseits dunkle Klamotten tragen, damit es bei Selbstbelichtungen keine störenden Reflexe gibt. Hinzu kommen Handschuhe und zuweilen ein Mundschutz. Denn die Foto-Orte sind oft dreckig und staubig. Wer so in rabenschwarzer Nacht daher kommt und auch noch einen Rucksack trägt, ist natürlich oberverdächtig.

"Das gelbe Licht der Straßenlampen hasse ich."

Manuel, der Azubi für Lebensmitteltechnik bei Cargill Barby, liebt dunkle "Locations", von denen ein morbider Charme ausgeht. "Das gelbe Licht der Straßenlampen hasse ich", winkt der 26-Jährige ab. "Das verpestet jedes Bild." Was zeigt, dass die Lichtmaler ziemlich wählerisch sein müssen.

Zur technischen Ausstattung gehören möglichst helle Taschenlampen mit unterschiedlichen Farbfiltern, ein Blitzlicht, Stativ, Fernauslöser und natürlich die Spiegelreflexkamera. Die fast magischen Fotos entstehen durch lange Belichtungszeiten von 30 Sekunden und deutlich mehr. Beim "Prinz" war der Verschluss etwa zwei, drei Minuten offen. Man erkennt es an den Sternen am Himmel, die wie Striche aussehen.

Gute Lichtmaler, neudeutsch auch Lightpainter genannt, überlassen den Bildaufbau nicht dem Zufall. "Man sollte sich vorher genau überlegen, wie das Bild aussehen soll", sagt Manuel Igel. Dennoch sind oft mehrere Versuche nötig, die zwar kein Material, aber Zeit kosten.

So ist es schwierig, einen Text mit Licht zu schreiben. Damit die Worte gut zu lesbar sind, dürfen die Akteure keine Probleme mit dem spiegelverkehrten Schreiben haben.

Beim Malen mit Licht sind dem Fotografen keine Grenzen gesetzt. Hier kann er der Kreativität freien Lauf lassen. Potenziellen Ausstellungsmachern der Region sei dieses Genre jugendlicher Fotokunst sehr empfohlen.

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