Haldensleben. Markus Becker* sitzt nachmittags in seinem Wohnzimmer vor dem Laptop. Der 39-Jährige hat es sich im Sessel gemütlich gemacht, trägt Jogginghose und einen Pullover. Im Gegensatz zu seiner berufstätigen Frau hat Becker momentan viel Zeit, er ist wieder mal arbeitslos. Aber wie so oft nur für ein paar Wochen. Das hofft der gelernte Maurer zumindest, denn die Firma, in der er zuletzt als Leiharbeiter tätig war, will ihn im März wiederhaben. Dort habe man gesagt: "Sie machen gute Arbeit, wir stellen Sie wieder ein - egal, für welche Leiharbeitsfirma Sie dann arbeiten", erzählt Becker.

Seit neun Jahren schon spielt sich für ihn ein immer gleiches Drama ab: Mangels Alternativen heuert Becker bei einer Leiharbeitsfirma an. Die verleiht ihn an ein Unternehmen. Manchmal für zwei Wochen oder für drei Monate, mit Glück und befristeten Folgeverträgen auch für länger. "Ich habe mal insgesamt vier Jahre für eine Metallbaufirma in Oschersleben gearbeitet", berichtet er. Doch auch dort folgte nach getaner Arbeit die für ihn übliche Ernüchterung: "Obwohl mir der Chef während der Zeit dreimal in die Hand versprochen hat, dass er mich fest anstellt, hat er mich rausgeschmissen, als sich die Auftragslage verschlechterte."

Und das Aus bei der Firma, erläutert Becker, habe für ihn oft dann auch das Ende seines Arbeitsvertrags mit der Verleihfirma bedeutet. Denn Arbeitskräfte, die von Firmen nicht binnen Wochen benötigt werden, schmälern das Geschäft, sie kosten Geld. Wenn auch nicht viel, denn Leiharbeiter wie Becker haben sich in den vergangenen Jahren mit Stundenlöhnen von vier bis sieben Euro zufriedengeben müssen.

Sollte Becker in diesem Jahr erneut einem Leihgeschäft zustimmen, bekommt er vielleicht etwas mehr Geld. Denn Verleihunternehmen und Gewerkschaften haben sich darauf geeinigt, dass der Einstiegslohn künftig bei 7,86 Euro im Osten und 8,50 Euro im Westen liegt.

"Wenn mir heute jemand erzählt, ich könnte fest angestellt werden, höre ich da nicht mehr hin."

"Die meisten Leiharbeitsfirmen zahlen aber auch keinen Cent mehr", ärgert sich Becker. Und bei einer Hand voll von ihnen hat er bereits gearbeitet. "Randstad, Autovision, Wolfsburg AG...", beginnt er in seinem Lebenslauf aufzuzählen, den er derweil hervorgekramt hat. Eingetragen hat er dort auch die Firmen, in denen er als Leiharbeiter beschäftigt war - es sind rund zwei Dutzend.

Markus Beckers Lebenslauf ist durchaus einer, der als typisch gelten kann. Den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit in Halle zufolge gibt es in Sachsen-Anhalt rund 25.000 Leiharbeiter. Der Wert ist seit 2007 relativ konstant geblieben. Studien zufolge bleiben aber nur zwischen 7 und 17 Prozent der Leiharbeiter beim Entleih-unternehmen "kleben". Die Verleihdauer im Unternehmen betrug zuletzt im Schnitt 10,3 Monate.

"Wenn mir heute jemand erzählt, ich könnte nach meiner Tätigkeit als Leiharbeiter eine Festanstellung bekommen, höre ich da nicht mehr hin", sagt Becker. Dennoch will er wieder anheuern, denn mit direkten Bewerbungen habe er kein Glück. "Es gibt kaum Firmen, die ihre Stammbelegschaft erweitern. Wenn, dann stellen sie Leiharbeiter ein."

Und aus dieser Tretmühle herauszukommen, hat Becker viele Male schon versucht - nicht etwa nur mittels Dutzender Bewerbungen. "Ich weiß ja, dass ich mit einer Weiterqualifikation oder Umschulung bessere Chancen haben könnte", sagt er. Bei der Arbeitsagentur habe er deshalb einen Bildungsgutschein für eine Umschulung zum Dreher und Fräser beantragt. "Die haben den aber nicht bewilligt - mit der Begründung, ich könne ja weiter als Leiharbeiter arbeiten." Dabei würden Dreher und Fräser im Land gesucht. "Ich habe dann von denen nur eine Weiterbildung in der Maschinen- und Anlagenbedienung angeboten bekommen, habe mich dann aber doch wieder für die Zeitarbeit entschieden."

Vor Jahren hat Becker außerdem versucht, sich selbständig zu machen. "Als Ein-Mann-Unternehmen habe ich Reparaturen an Häusern und Gartenpflege angeboten", berichtet er. Das Geschäft hätte aus seiner Sicht funktioniert - wenn die Kunden auch für seine geleisteten Dienste gezahlt hätten. "Weil ich nicht in die Schuldenfalle tappen wollte, habe ich das dann aufgegeben."

Auf die Frage, wie es künftig weitergehen soll, wirkt Markus Becker ratlos. "Im Zweifel mit Leiharbeit", sagt er und ist dabei hin- und hergerissen. Nicht alles findet er daran schlecht: "Wenn man in einer Firma eingesetzt wird und es macht Spaß, ist man ja halbwegs zufrieden", sagt er.

"Ich finde es schäbig, dass meine gute Arbeit von Leihfirmen nicht belohnt wird."

Vor allem der Job bei der Metallbaufirma in Oschersleben habe ihm sehr gefallen. "Dort wurde ich wenigstens von den fest angestellten Kollegen akzeptiert und konnte mich sogar hocharbeiten, vom Reinigen der Hallen zur Arbeit in der Produktion."

Doch das Negative wiegt für ihn eigentlich schwerer. "Ich finde es schäbig von den Leihfirmen, dass sie meine gute Arbeit nicht belohnen", klagt er. Denn obwohl er in der Metallbaufirma sich "hochgearbeitet" hat, sei kein Cent mehr Lohn geflossen. Im Gegenteil: Irgendwann war wieder Schluss. "Und so muss ich mich immer wieder auf neue Arbeit, neue Kollegen einstellen - alle paar Wochen oder Monate bin ich gezwungen, völlig neu anzufangen."

Derweil hat sich Markus Beckers Frau aufs Sofa im Wohnzimmer gesetzt. Eine Belastung ist die berufliche Situation ihres Mannes auch für sie. "Uns nützen Frühbucher-Rabatte für Urlaubsreisen nichts, denn mein Mann kann ja oft keine drei Monate voraus planen", sagt sie. "Und wer als Leiharbeiter arbeitet, kann sich eigentlich auch keine Kinder leisten."

Die Große Koalition in Berlin will nun schärfere Regeln für die Leiharbeit. Nach neun Monaten soll gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt werden, die Höchstleihdauer soll auf 18 Monate begrenzt werden. Markus Becker ist von den Plänen von CDU und SPD enttäuscht. "Warum kann nicht gleich vom ersten Tag an der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit gezahlt werden?", fragt er. Selbst wenn die Pläne in ein Gesetz gegossen würden, meint Becker, hätte er nichts davon.

"Ich arbeite ja gewöhnlich kaum länger als 18 Monate bei einer Firma", gibt Becker zu bedenken. Er geht davon aus, dass Leute wie er dann künftig noch häufiger nach acht Monaten entlassen werden - bevor das Gebot "gleiches Geld für gleiche Arbeit" gilt. "Wir werden dann noch häufiger von Firma zu Firma tingeln müssen", meint Becker. "Und die Firmen interessieren sich nicht dafür, wie es einem persönlich dabei geht." Die Unternehmen, die er kennengelernt habe, hätten immer nur eines im Sinn: möglichst flexibel sein.

Becker ist sich daher sicher, Leiharbeit bleibe, was sie ist: "Eine Dauerbelastung ohne Perspektive."