Magdeburg l Als der 49-jährige Zeuge Carlos P. am 29. Juli 2013 auf den Bürocontainer eines Gebrauchtwagenhandels in der Magdeburger Kastanienstraße zugeht, sieht er einen jungen Mann mit blutverschmiertem grünen T-Shirt an sich vorbeilaufen. In der Hand hat dieser ein Videoaufzeichnungsgerät und unter dem Arm einen Laptop. Als er Sekunden später die Tür zum Container öffnet, bietet sich dem Zeugen ein Bild des Grauens. Es ist alles voller Blut. Sachen liegen am Boden herum. "Hallo?", fragt er. Doch es antwortet keiner. Der 26-Jährige Delil K. liegt da bereits im Sterben. 29 Messerstiche zählen die Gerichtsmediziner später im Oberkörper, den Armen und Rücken des Mannes. Der Zeuge traut sich nicht, den Container zu betreten. Von außen sieht er einen Körper in der Blutlache und bittet eine vorbeikommende Radfahrerin auf der Straße, die Polizei zu rufen.

Die Ermittler können nur einige Stunden später den 18-jährigen Angeklagten mit blutverschmierter Kleidung ganz in der Nähe festnehmen.

Ein halbes Jahr später sitzt er nun unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auf der Anklagebank. Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten sieht das Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt an. Das ergebe sich aus der Rekonstruktion der Ermittlungen. Laut seiner Anklage hatte Omer O. bereits am 16. April des vergangenen Jahres einen heftigen Streit in der Magdeburger Innenstadt, der in einer Schlägerei ausartete. Dabei soll der jüngere Bruder des späteren Opfers, Renass K., auf den Angeklagten eingeschlagen haben. Omer O. unterlag damals in dem Kampf und wollte dies nicht auf sich beruhen lassen. Wie Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten erklärt, habe es danach aber "ein Versöhnungsgespräch nach arabischer Tradition" zwischen dem späteren Opfer, dem älteren Bruder von Renass K., und dem Vater des Angeklagten gegeben. Die Familien wollten den Streit klären. Der 18-Jährige selbst habe später davon erfahren und fühlte sich in seiner Ehre verletzt.

Wohl aus diesem Grund spionierte der Angeklagte nur wenige Tage vor dem Verbrechen den Gebrauchtwagenhandel von Delil K. und seinem jüngeren Bruder Renass K. aus. Letzterer will den Angeklagten dabei am 25. und 26. Juli beobachtet haben.

Am 26. Juli habe es deshalb ein zweites Gespräch unter den Familien gegeben, wieder zwischen dem älteren Bruder und dem Vater des Angeklagten. Davon erfuhr der 18-Jährige erneut und beschloss die beiden Brüder nun für ihr anmaßendes Verhalten zu bestrafen, so die Anklage. Am Tattag sei Omer O. mit einer Kunstofftüte, in der sich eine Sturmhaube, ein grünes T-Shirt und Handschuhe aus Gummi befanden, zum Gebrauchtwagenhandel gegangen. Das T-Shirt zog er erst kurz vor dem Betreten des Büros über. Das spätere Opfer soll den 18-jährigen Angreifer von Angesicht her nicht gekannt haben. Er sei deshalb auch nicht argwöhnisch gewesen, als Omer O. vorgab, einen Job zu suchen. Der Angeklagte konnte ein Telefonat zwischen dem späteren Opfer und seinem jüngeren Bruder mithören. Er erfuhr dabei, dass dieser nicht so schnell vor Ort erscheinen würde. Omer O. habe kurz darauf den im Drehstuhl sitzenden Delil K. erstochen und die Videoaufzeichnung des Büros mitgenommen.

Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen. Neun weitere Verhandlungstage mit 34 Zeugen sind geplant. Erfolgt das Urteil nach dem Jugendstrafrecht, drohen dem 18-Jährigen bis zu 15 Jahre Haft, nach Erwachsenenstrafrecht lebenslänglich. Sieht das Gericht das Mordmerkmal Heimtücke nicht als erfüllt an, kommt ein Urteil wegen Totschlags in Betracht.

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