Warum Atheisten eine Kirche retten

Seit Jahrzehnten schrumpft die Zahl der Gläubigen und Gottesdienstbesucher in Sachsen-Anhalt. Sobald jedoch einer Kirche der Abriss droht, springen oft Menschen ein, die gar keine Christen sind. "Für viele ist die Kirche ein Teil ihrer Heimat, den sie schützen wollen", sagt Kamilla Bühring. Die (nicht gläubige) Zahnärztin aus Berlin engagiert sich für den Erhalt der Stadtkirche von Möckern. "Dort habe ich die schönsten Jahre meines Lebens verbracht."

Der Verband der Kirchbauvereine Sachsen-Anhalt, dem Bühring ebenfalls vorsitzt, zählt mehr als 300 Initiativen, die Geld und Arbeitszeit in alte Kirchen stecken.

In Schrenz bei Zöbrig etwa haben Enthusiasten eine völlig überwucherte Dorfkirche freigelegt und wollen nun Fördermittel für die Rettung suchen.

Bühring (Telefon 030 - 8023674) bietet allen Engagierten Tipps und vermittelt Ansprechpartner. Von der Kirche als Institution fordert sie mehr Flexibilität im Umgang mit Freiwilligen: "Die müsste doch eigentlich dankbar sein für unsere Arbeit." (he)

Magdeburg l In der Kirche versammelt sich die Gemeinde üblicherweise zum Lob Gottes. Doch die historischen Mauern lassen sich auch ganz anders nutzen. Drei Beispiele:

Die Turnhalle
Sonntags Gottesdienst, von Montag bis Freitag Schulunterricht: In der Bernburger Martinskirche ist seit 2007 jeden Tag Leben. In den neogotischen Bau wurde die Turnhalle der evangelischen Grundschule hineingesetzt. Auf der Orgelempore sind ein Musikraum und die Bibliothek eingerichtet. "Wir hatten die Kirche 2004 schon aufgegeben, weil wir die Reparaturen nicht mehr bezahlen konnten", sagt Pfarrer Lambrecht Kuhn. Die Formel zur Rettung lautete: das alte Haus neu nutzen. Für die Schule konnte die Gemeinde Fördergeld nutzen, das sie für die Kirche nie erhalten hätte. Hort und Kindergarten runden das Martinszentrum ab.

Die Pension
Kirchenschlaf ist der gesündeste - wer diese Konfirmandenweisheit überprüfen willl, ohne eine Predigt zu stören, ist in Warmsdorf bei Aschersleben richtig. Klaus und Christina Gerner betreiben dort eine Pension in der 1884 errichteten Dorfkirche. Für die gab es schon 1974 keine kirchliche Verwendung mehr, 1990 wurden die Gerners Eigentümer. Zwei Bedingungen stellte die evangelische Kirchengemeinde: kein Bordell, keine Disko. Heute können Gäste vom Frühstücksraum aus durch die hohen gotischen Fenster ins Land blicken. Dusche und Küche sind in den Raum der Turmuhr eingebaut. Durchschlafen kann man auch: Die Glocke ist außerhalb des Gebäudes aufgehängt.

Das Restaurant
Himmlische Genüsse verspricht die ehemalige Kirche im dörflichen Magdeburger Stadtteil Prester. 1832 wurde sie aus Feldsteinen errichtet, in den 1980er Jahren entweiht. 1997 kaufte sie ein Architekt und baute sie um zum Restaurant. Heute serviert das Gastronomen-Paar Katrin und Jens Rieffenberg deutsche und mediterrane Küche. "Ein paar Bayern haben mal geschimpft, dass man das in einer Kirche doch nicht machen darf. Die Magdeburger stört\'s nicht", sagt die Inhaberin. Am Valentinstag kommt ihr Team zurück aus den Betriebsferien.

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