Bernburg l Wohlhabend waren sie, sehr gut betucht, die Ackerbürger der Bernburger Vorstadt Waldau. Die Zuckerrübe hatte ihnen Geld gebracht. Und das sollte man auch sehen. So ließen sie vor 120 Jahren eine neue Kirche errichten, hoch über dem alten Bett der Saale, mit Hunderten von Sitzplätzen. Ihre alte Kirche, ein romanisches Kleinod aus dem 10. Jahrhundert, blieb leer zurück.

Doch der stolze Neubau brachte der kleinen Gemeinde kein Glück. Das Kirchenschiff war viel zu groß, der Unterhalt teuer. 1960 zogen die evangelischen Christen zurück unter die niedrige Decke ihrer alten Dorfkirche. Für Bernburgs jüngste Kirche gab es keine Verwendung mehr.

Isolde Reichardt kann sich noch an den blauen Sternenhimmel erinnern, der an ihrer Decke prangte, und an die mächtige Orgel. "Als Kinder durften wir mit der Pfarrerstochter auf den Turm und die Glocke läuten", erzählt sie. Damals war die Kirche schon entweiht. Die Taufe der kleinen Isolde im Jahr 1959 war eine der letzten Amtshandlungen.

Vom benachbarten Haus ihrer Eltern, in dem sie auch heute noch wohnt, beobachtet Isolde Reichardt nun seit Jahrzehnten den Verfall. Zuerst warfen Schüler die großen runden Buntglasscheiben ein. Metalldiebe brachen das Tor auf und stahlen Orgelpfeifen. Und irgendwann zündeten Jugendliche im Inneren ein Lagerfeuer an.

Von einem Interessenten hat bislang noch niemand gehört

Heute bietet die Kirche ein melancholisches Bild. Am härtesten hat es die Wetterseite getroffen: Das Dach ist eingestürzt, dicke Balken ragen in die Luft. Auf dem Chorraum sprengen die Wurzeln von mannshohen Birken das Mauerwerk. Rund um die Kirche verstreut liegen Schieferplatten und Backsteine im wuchernden Efeu.

Wer will, kann diese Ruine demnächst ganz für sich allein haben.

Unter dem Aktenzeichen 2 K 14/13 steht sie am Mittwoch zur Versteigerung. Aufgerufen wird ein Kirchenschiff mit Empore und Kirchtum, nicht unterkellert, samt 2000 Quadratmeter Grundstück in Bernburgs ältestem Stadtteil. Mindestgebot: 20000 Euro.

Von Interessenten ist bislang nichts bekannt. Dabei hofft vor allem die evangelische Talstadtgemeinde so sehnlich auf ein Ende des Niedergangs. Sie hat das Gotteshaus schon 1990 verkauft, für 75000 D-Mark, wie sich Isolde Reichardt erinnert, das einstige Taufkind und heute Vorsitzende des Gemeindekirchenrats. Die Kirchenältesten waren heilfroh, dass sie den nicht mehr benötigten Bau losschlagen konnten. Doch erneut brachte die rote Kirche kein Glück. Der neue Besitzer stellte zwar im ersten Winter hübsch beleuchtete Weihnachtsbäume auf das Grundstück. Doch schon bald ließ er sich nicht mehr blicken. Mittlerweile, so hört man, hat er Privatinsolvenz angemeldet.

Für die Waldauer ist die Ruine ein gewaltiges Ärgernis. "Ein Schandfleck", schimpft die Nachbarin Ruth Hackebusch - die Turmruine empfängt jeden Autofahrer, der aus Richtung Magdeburg in das Städtchen fährt. Schon seit 1970 wohnt die alte Dame hier. In all den Jahren gab es kein Glockenläuten, nie aufgeregte Konfirmanden, kein glückliches Hochzeitspaar - nur zerschlagene Scheiben und abstürzende Trümmer.

"Viele schimpfen deswegen auf die Gemeinde", klagt die Kirchenälteste Reichardt, "am liebsten würden wir ein Schild aufstellen und draufschreiben, dass uns die Kirche gar nicht mehr gehört." Doch sie weiß: Juristisch wäre das Hausfriedensbruch.

Den Ausweg soll nun das Amtsgericht weisen. Die Stadt hat die Versteigerung beantragt, weil sie seit Jahren auf Steuern und Gebühren für die Straßenreinigung wartet. Auch der Landkreis hat nie Geld gesehen. Um Unfälle durch Steinschlag zu verhindern, ließ er 2009 mit einem Hubschrauber ein Sicherungsnetz über das Dach werfen. Mehrere Hunderttausend Euro Grundschulden sind bereits eingetragen. Vom Besitzer ist nichts zu holen, sagt Stadtentwicklungsdezernent Holger Dittrich. Die Stadt Bernburg, versichert er, steht allen Nutzungsideen äußerst aufgeschlossen gegenüber. "Die Not ist so groß, da bin ich völlig schmerzfrei. Alles wäre besser als der jetzige städtebauliche Missstand."

Auch Johannes Lewek, Pfarrer der Talstadtgemeinde, hat nichts gegen ungewöhnliche Ideen. Vor Jahren wollte ein Geschäftsmann in der Kirche ein Kolumbarium einrichten, eine Ruhestätte für die Asche Verstorbener - das Vorhaben scheiterte daran, dass niemand Kontakt zum Eigentümer fand. Auf eine würdevolle Nutzung hofft der Pfarrer. Doch er weiß, dass jetzt niemand mehr wählerisch sein kann. Auch eine Großraumdisko will er nicht ausschließen. In der Köthener Martinskirche etwa gebe es einen Jugendklub - "warum auch nicht?"

Die Gemeinden halten an ihren Kirchen fest, so lange es eben geht

Dass sich eine Kirchengemeinde von ihrem Gotteshaus trennt, ist in Ostdeutschland bislang selten. Die Evangelische Landeskirche Anhalts, zu der Bernburg gehört, kennt keinen Fall aus den vergangenen zehn Jahren. In der mitteldeutschen Landeskirche gab es höchstens mal eine Friedhofskapelle, die entweiht und verkauft wurde. Die katholische Kirche wollte im vergangenen Jahr nahe Merseburg eine Kirche versteigern, doch es fand sich kein Bieter.

In vielen westdeutschen Gemeinden ist die Not deutlich größer: Dort entstanden nach dem Krieg viele Neubauten, die heute niemand mehr braucht. "Der Abschied von einer Kirche ist für viele Gläubige sehr schmerzhaft", sagt der Magdeburger Kirchensprecher Friedemann Kahl. Deshalb versuchten alle Gemeinden, ihre historischen Gebäude möglichst zu erhalten -"auch wenn sie nur noch zwei-, dreimal im Jahr genutzt werden."

In Bernburg hat das Amtsgericht für morgen den Großen Strafsaal reserviert, der Auktionator erwartet viele Neugierige. Der Vater der Kirchenältesten Reichardt will sich das Spektakel unbedingt ansehen. Seine Tochter hat ihn allerdings zur äußersten Zurückhaltung ermahnt, sie graust sich vor einem folgenschweren Missverständnis. "Ich habe Angst, dass er sich mal am Ohr zuppelt, und dann sind wir plötzlich Eigentümer."

   

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