Blankenburg l Die Bahn in Cesana (Italien) war "sehr schwierig und sehr eigen, sie hatte relativ viele und kurze Kurven, man hatte einen größeren Druck auf dem Schlitten", erinnert sich Tatjana Hüfner - sie gewann dort 2006 olympisches Bronze. Die Bahn in Whistler (Kanada) "war sehr abfällig gebaut worden, sie war sehr schnell und auch gefährlich", denkt Hüfner zurück - dort gewann sie 2010 olympisches Gold. Die Bahn in Sotschi (Russland) "hat ihren eigenen Rhythmus, mit vielen langen Kurven. Man ist gezwungen, Wellen zu fahren - sehr anspruchsvoll also, aber auch sehr sicher", weiß Tatjana Hüfner. Und gewinnt sie dort 2014?

Sie muss lachen über diese Frage, und es ist ein fröhliches Lachen am Telefon. Nach dem bisherigen Winter ist bei Olympia ja alles möglich für Tatjana Hüfner, aber sie sagt: "Ich rechne mir nichts aus. Und ich würde auch nie eine Prognose abgeben."

Das klingt nun wirklich nicht nach der ehrgeizigen Rodlerin, die so fokussiert auf ihren Sport ist und für die im Normalfall selbst eine Silbermedaille keine Option wäre. Diesen Normalfall gibt es diesmal aber nicht, zu lange musste sie den Fokus auf ihre Rückenprobleme richten. "Die Saisonvorbereitung war von der Arbeit an meiner Gesundheit geprägt", blickt sie zurück.

Hüfner gesundheitlich endlich wieder fit


Wenige Wochen vor dem Start in den Weltcup im vergangenen November in Lillehammer (Norwegen) hatte Hüfner entgegen vieler Ratschläge aus ihrem Umfeld die Zusammenarbeit mit einem Physiotherapeuten in Bischofswiesen begonnen, der letztlich das schaffte, was Ärzte über ein Jahr lang nicht vermochten: Er hat sie geheilt. Viele Ursachen waren in ihren Beckenschiefstand und ihre Rückenschmerzen hineininterpretiert worden, erst die Analyse des Therapeuten stieß auf das Ischias-Sakral-Gelenk. Gefunden, therapiert, genesen: Im Januar 2014 geht es Tatjana Hüfner hörbar blendend.

Ebenso weit wie der Weg zur Genesung muss sich der Weg zurück in die Weltspitze angefühlt haben. In Lillehammer kam die 30-Jährige nur auf Rang 13. So schlecht war sie seit ihrem 27. Platz bei ihrem ersten Weltcuprennen vor zehn Jahren in Winterberg nicht mehr.

"Gegen die starke deutsche Konkurrenz muss man sich immer durchsetzen", sagt Hüfner, für Sotschi gesetzt war auch sie nicht. Und tatsächlich gab es den einen oder anderen Moment, da sie den Glauben an ihre dritten Spiele verloren hatte. "Gerade in der Vorbereitung, als ich nur wenig Fahrpraxis hatte, als es enthusiastische Tage gab und dann wieder deprimierende Tage folgten. Das hat manchmal sehr aufs Gemüt geschlagen. Das war eine schwierige Situation."

Hüfner will in Sotschi voll angreifen


Es musste der Tag der Befreiung kommen, er kam nicht im Weltcup, er kam auch nicht bei der Olympia-Nominierung durch Bundestrainer Norbert Loch kurz vor Weihnachten, "obwohl ich froh war, dass die Sache schon zu diesem Zeitpunkt durch war", sagt sie. Die Befreiung im Eiskanal kam Mitte Dezember in Winterberg, als "ich im zweiten Lauf zur deutschen Meisterschaft gemerkt habe, dass die Geschwindigkeit wieder passt. Da ist bei mir der Knoten geplatzt." Und Hüfner sicherte sich zum dritten Mal in ihrer Karriere den Titel. Der Weltcupsieg in Oberhof im Januar hatte sie in diesem Gefühl nur bestätigt - und auch in jenem, "dass ich wieder gegenhalten kann".

Gegenhalten gegen Natalie Geisenberger aus Miesbach. Die amtierende Weltmeisterin, die vorzeitige Siegerin im Gesamtweltcup 2014. Die 25-Jährige wehrte sich in den vergangenen Wochen nach Kräften gegen die Bürde der Top-Favoritin auf den Olympiasieg. Tatjana Hüfner kennt dieses Gefühl. 2010 hatte sie diese Rolle übernommen.

Ihr Gefühl für Sotschi ist nun ein anderes als vor vier Jahren in Vancouver oder vor acht Jahren in Turin, weil "man sich als Sportler und als Mensch weiterentwickelt und über die Jahre Erfahrungen sammelt". Sie will in Sotschi einfach nur "voll angreifen". Der 11. Februar ist der Tag der Entscheidung. Und nach diesem Tag wird die Studentin für "Pädagogik der Kindheit" über ihre Zukunft im Leistungssport entscheiden.

Zunächst gilt die "volle Konzentration" aber Sotschi. Und hatte die Tatjana Hüfner der Vergangenheit auch immer etwas von Verbissenheit, so ist die Tatjana Hüfner von heute lockerer geworden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Es ist eine gefährliche Lockerheit.

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