Arbeitsagenturen und Jobcenter

Mit den Hartz-Reformen zwischen 2003 und 2005 hat sich die Arbeitsvermittlung in Deutschland unter den Leitsätzen "Service aus einer Hand" und "Fördern und Fordern" gravierend geändert.

Die Arbeitsagenturen sind aus den Arbeitsämtern hervorgegangen und seither vor allem für Arbeitslosengeld-I-Empfänger zuständig. Also für jene, die weniger als ein Jahr arbeitslos sind, vorher aber berufstätig waren. Die Agenturen bieten ihnen neben klassischer Arbeitsvermittlung auch Weiterqualifizierungen und Beratungsangebote an. Mit dem "Arbeitgeber-Service" gibt es bei ihnen auch eine Anlaufstelle für Firmen, die neu einstellen wollen.

Die Jobcenter betreuen hauptsächlich Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Also jene, die länger als ein Jahr arbeitslos sind oder zuvor Sozialhilfe erhielten. Die Zuständigkeit für die sogenannten Hartz-IV-Empfänger lag vor den Hartz-Reformen entweder bei den Arbeits- oder den Sozialämtern. Diese schoben sich ihre Kunden jedoch gerne auch mal gegenseitig zu, was ausschlaggebend war, die Strukturen für effektivere Arbeitsvermittlungen zu verändern.

Das Leistungsspektrum von Jobcentern ist nunmehr vielfältig: Einerseits zahlen sie das Arbeitslosengeld II als Regelleistung und übernehmen Kosten für Unterkunft und Heizung. Damit sichern sie den Lebensunterhalt der Bezieher.

Andererseits ist es ihre Aufgabe, Hartz-IV-Empfänger wieder in Jobs zu vermitteln. Hierbei steht oft der Abbau von Vermittlungshemmnissen zunächst im Fokus. Geringqualifizierten bieten die Jobcenter zunächst Weiterbildungen oder Arbeitsgelegenheiten an. Bei Bedarf vermitteln sie auch Schuldner- oder Suchtberatungen. Je nachdem, wie groß und vielfältig die Vermittlungsprobleme des Kunden sind, wird er von einem Arbeitsvermittler oder einem Fallmanager betreut. Letzterer hat vor allem mehr Zeit für seine Kunden. (ms)

Magdeburg l An diesem Nachmittag sitzt Sven Werner mit einer Arbeitskollegin in seinem Büro, um ihr von einem Erfolgsfall zu erzählen. "Die 52-jährige Bürokauffrau, die neulich bei mir war, hat wieder eine Stelle", berichtet der Integrationsberater. "Sie hat es mit einem aggressiven Bewerbungsflyer geschafft." Die Jobsuchende hatte Werner zuvor berichtet, dass sie trotz dutzender Bewerbungen einfach niemanden fand, der sie einstellen wollte.

Darin sah der 33-Jährige jedoch keinen Grund, um aufzugeben. "Mit Rückschlägen muss man dann kreativ umgehen", weiß er, und brachte seine Kundin dazu, statt einer weiteren Bewerbungsmappe einen Handzettel zu entwerfen. "Tausche Liegestuhl gegen Schreibtisch mit Laptop", stand vorne drauf, dazu in Kürze die persönlichen Daten und eine Handynummer. Die "freche, aggressive" Idee kam an, nur Tage später erhielt die Frau einen Termin für ein Vorstellungsgespräch und durfte danach anfangen.

"Manche haben einen Behörden-Hass entwickelt." - Integrationsberater Sven Werner

Für Sven Werner sind solche Erfolgserlebnisse wichtig. Als Integrationsberater arbeitet der Magdeburger erst seit April vergangenen Jahres, landesweit gibt es bislang nur 45 solcher Berater in den Arbeitsagenturen. Ihr Job ist es, sich um jene zu kümmern, denen klassische Arbeitsvermittler nicht auf Anhieb weiterhelfen können. Das Entscheidende dabei: die Integrationsberater haben die nötige Zeit, sich der Probleme ihrer Kunden anzunehmen.

"Ich betreue am Tag nur fünf bis sechs Kunden", erzählt Werner, er habe keinen "durchterminierten Arbeitstag". Und die Zeit benötige er auch. "Wer zu uns kommt, gibt nicht immer gleich preis, mit welchen Problemen er zu kämpfen hat." Oft gehe es erst einmal darum Vertrauen zu bilden, demjenigen Trost für seine Situation zu spenden. "Manche haben über die Zeit auch einen Behörden-Hass entwickelt und hegen uns gegenüber dann zunächst Vorbehalte", so Werner. Erst nach einem längeren Gespräch würden die dann merken, dass Berater wie Werner ihnen wirklich helfen wollen.

Die Probleme, mit denen Werners Kunden zu kämpfen haben, sind vielfältig. Sie finden nicht etwa nur wegen ihres fortgeschrittenen Alters keinen Job. Manche plagen sich mit Schulden herum, andere finden keinen Betreuungsplatz für ihr Kind. "Und viele haben keine besonders hohe Qualifikation, würden aber trotzdem gerne wieder arbeiten", berichtet Werner. Als Berater versuche er dann, ihnen zunächst Mut zu machen und die Probleme mit ihnen dann gemeinsam anzupacken.

Wie etwa bei einem 55-Jährigen, den Werner gerade betreut. Nach der Trennung von seiner Frau hatte der joblose Hilfsarbeiter keine bezahlbare Wohnung gefunden, war übergangsweise bei seiner 80-jährigen Mutter untergekommen. "Ich habe ihm dann erstmal geholfen, Wohngeld zu beantragen. Behördengänge hat sonst immer seine Frau für ihn erledigt", erzählt Werner. Wenn es sein muss, betreue er seine Kunden eben nicht etwa nur vom Schreibtisch aus, notfalls begleite er sie auch zu Behörden und Beratungsstellen.

"Häufig sind sie sich ihrer Fähigkeiten nicht mehr bewusst." - Fallmanagerin Petra Berger*

Ein Hilfsarbeiter, wie sein 55-jähriger Kunde, habe auf dem Arbeitsmarkt Chancen, betont Werner, "doch für ihn und für viele andere ist es eben wichtig, zunächst bestimmte Probleme in ihrem Leben zu lösen, bevor sie wieder einen Job suchen".

Sobald das Wohnungs-Problem gelöst ist, will Werner mit seinem Kunden die Bewerbungsmappe aufarbeiten. "Ich frage dann auch noch mal nach möglichen Interessen des Kunden, etwa ob er sich in einem Verein engagiert." Oft hätte Werner so schon von Qualifikationen und Potenzialen seiner Kundschaft erfahren, die sie bislang jedoch nicht in ihren Bewerbungen erwähnt hatte. Diese Details, die bei klassischen Arbeitsvermittlungen unbeachtet blieben, könnten schon ausschlaggebend sein, dass der Kunde eine Beschäftigungschance erhält.

In individueller Beratung sehen auch Jobcenter den Schlüssel zum Erfolg. Dort betreuen sogenannte Fallmanager wie Petra Berger* langzeitarbeitslose Hartz-IV-Empfänger, 103 solcher Berater gibt es derzeit landesweit. "Die Kunden, die zu mir kommen, wollen wieder arbeiten", erzählt Berger. Nur hätten sie eben oft auch eine Reihe von Problemen, die sie ohne Hilfe nicht lösen können. "Häufig sind sie sich nach langer Arbeitslosigkeit auch ihrer eigenen Fähigkeiten nicht mehr bewusst."

Während Integrationsberater Sven Werner seine Kunden maximal ein Jahr lang betreut, hat Fallmanagerin Petra Berger meist rund zwei Jahre mit Arbeitssuchenden zu tun. "Wenn jemand zum Beispiel erst seine Alkohol-Sucht in den Griff bekommen muss, geht das nicht von heute auf morgen", erklärt Berger. Zunächst gehe es meist darum, einen strukturierten Alltag wieder aufzubauen, bevor an eine Beschäftigung zu denken sei.

"Wir wollen sie in ihrer persönlichen Lebenslage abholen." - Arbeitsagentur-Chef Kay Senius

Sie fungiere dabei als eine Art Managerin. Zunächst führt Berger ausführliche Gespräche mit ihren Kunden, dann erst entscheidet sie, wie ihnen am besten zu helfen ist. "Ich bin gut mit Einrichtungen vernetzt, kann meinen Kunden bei Bedarf zum Beispiel zu einer Sucht- oder Schuldenberatung begleiten."

Das Heranführen an den Arbeitsmarkt erfolge im Anschluss, und zwar schrittweise. "Bei manchen Kunden lohnt es sich, wenn sie zunächst eine Aus- oder Weiterbildung machen oder auch einen Schulabschluss nachholen", erzählt die 51-Jährige. Andere wiederum könnten früher oder später in ein geregeltes Arbeitsleben zurückfinden, indem sie zunächst Arbeitsgelegenheiten nutzen oder ein Praktikum machen.

Kay Senius, Chef der Arbeitsagentur in Halle, verspricht sich viel von den Beratungen. "Die Zahl der Arbeitslosen ist seit 2005 um die Hälfte auf nunmehr 132000 gesunken, aber die Sockelarbeitslosigkeit fordert uns einiges ab", sagt er. "Wir spüren, wie wichtig die intensive persönliche Beratung und Betreuung geworden ist." Die Arbeitsagenturen seien dabei, sich weiter zu spezialisieren, um Betroffenen individuell helfen zu können. "Wir wollen sie in ihrer persönlichen Lebenslage abholen." Neben den 45 Integrationsberatern und 103 Fallmanagern sind derzeit rund 850 Vermittlungskräfte in den Arbeitsagenturen und Jobcentern Sachsen-Anhalts tätig.

*Name geändert