Magdeburg l Polizeihauptmeister Axel Mittelstraß rang am Donnerstag um Fassung, als er dem Vorsitzenden Richter Dirk Sternberg am Magdeburger Landgericht über seine gegenwärtige Situation Auskunft geben sollte. Der Beamte sagte: "Ich komme mir irgendwie weggeschmissen vor. Ich darf nur zwei Stunden am Tag im Rahmen der Wiedereingliederung arbeiten." Bis Januar war er noch ganz dienstunfähig. Die Genesung verläuft nach drei Wochen Krankenhausaufenthalt und insgesamt fünf Operationen nur schleppend. Er kann aber froh sein, überhaupt überlebt zu haben.

Am Donnerstag saß er demjenigen gegenüber, dem er seine schweren Verletzungen zu verdanken hat. Der Polizist erzählt dem Gericht, was später seine Kollegin und zwei Gutachter bestätigen:

Es ist der 23. August 2013 gegen 18 Uhr, als die Beamten in der Köthener Straße in Schönebeck auf einer Tempo-30-Strecke den Verkehr kontrollieren. Die beiden Beamten wollen schon Feierabend machen, als ihnen ein schwarzes Motorrad ohne Licht auffällt. Der Fahrer kommt mit niedriger Geschwindigkeit die Straße herunter.

Polizist mit Lenker gerammt

Es ist der 24-jährige Tobias S. aus Schönebeck. Der Arbeitslose hat sein Motorrad von einem Kumpel gekauft, aber keinen gültigen Führerschein für die entsprechende Klasse. Die Maschine hat einen Hubraum von 700 Kubikzentimetern. Das an dem Motorrad angebrachte Kennzeichen gehört nicht zur Maschine. Sie ist auch nicht zugelassen. Das weiß der Angeklagte. Er sagt später: "Ich hatte Angst meinen Führerschein ganz zu verlieren und dann hätte ich keine Arbeit mehr bekommen." Kurz vor dem bereits auf der Straße stehenden Polizisten gibt er deshalb Gas. Er fährt auf den in der Mitte der Straße stehenden Beamten zu und rammt ihn seitlich mit dem Lenker.

Die Aufprallgeschwindigkeit errechnet der Gutachter später mit etwa 50 km/h. Der Beamte wird gegen den Bordstein geschleudert, und Tobias S. stürzt mit der Maschine. Mittelstraß erinnert sich: "Ich habe nur noch mein eigenes Blut die Gosse herunterlaufen sehen." Tobias S. hingegen rappelt sich wieder auf, flüchtet zu Fuß weiter. Die Rufe von Mittelstraß\' Kollegin "Stehen bleiben!" ignoriert er völlig. Die Beamtin alarmiert über Funk den Rettungswagen.

Der Motorradfahrer steigt in das in der Nähe wartende Auto seines 18-jährigen Kumpels. Dieser war dem Motorradfahrer hinterhergefahren. An der Unfallstelle fährt er vorbei. Auf die Idee anzuhalten und dem Schwerverletzten zu helfen, kommt er nicht.

Notoperation rettet Polizist das Leben

Die beiden Männer fahren zur Uniklinik nach Magdeburg, weil der Angeklagte eine Verletzung am Finger hat. Erst dort stellt er sich per Telefon der Polizei.

Der verletzte Beamte hingegen überlebt nur, weil das Krankenhaus in der Nähe ist und zwei Notoperationen erfolgen. Später sagt die Rechtsmedizinerin: "Es bestand akute Lebensgefahr." Der Blutverlust war wegen der Kopfverletzung enorm. Teile des Unterschenkels waren zudem so verletzt, dass die Haut vom Oberschenkel transplantiert werden musste.

Tobias S. wurde zunächst wegen versuchten Mordes angeklagt, saß zwei Monate in Untersuchungshaft. Das Gericht eröffnete dann aber das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung, Widerstands, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Unfallflucht. Ein umfassendes Geständnis wurde ihm zugute gehalten.

Das Urteil: drei Jahre Haft. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten vier Jahre gefordert. Die Verteidigung plädierte auf zwei Jahre mit Bewährung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Gegen den 18-jährigen Autofahrer läuft ein gesondertes Verfahren unter anderem wegen unterlassener Hilfeleistung vor dem Amtsgericht Schönebeck.

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