• Georg Heinrich war von 1950 bis 1990 Direktor der Berufsschule Stendal.

  • Ulrich Nellessen wurde 1952 im westfälischen Hamm geboren und ist seit 1995 Arzt am Johanniter-Krankenhaus in Stendal.

"Größter Vorzug ist die Toleranz": Der 89-jährige Georg Heinrich über die DDR

Lassen Sie mich in der Diskussion über die Frage wie gut oder schlecht die DDR war, zu Wort kommen, weil ich, heute im 89. Lebensjahr, Erfahrungen aus vier gesellschaftlichen Ordnungen mitbringe (Weimarer Republik, Naziregime, DDR und Bundesrepublik).

Am lückenhaftesten sind meine Erinnerungen an die Zeit von 1925 bis 1933. Zwar weiß ich noch, dass meine Freunde und ich viel Beifall erhielten, als wir mit einem Bein im Rinnstein die Gleiwitzer Wilhelmstraße entlanghumpelten und sangen "Auf dem Brüning seiner Glatz hat die Notverordnung Platz". Auch erinnere ich mich, dass Großvater seine Molkerei verlor und wir aus einer Villa in eine Kellerwohnung umziehen mussten.

Der Sparkassenleiter, der uns die Sache eingebrockt hatte, war SA-Sturmführer, was uns die ganze Partei unsympathisch machte. Da es uns und vielen anderen schlecht ging, ist mir der Staat aus dieser Zeit in schlechter Erinnerung. Ich hielt ihn für korrupt, unentschlossen und vom Großkapital abhängig. Erst sehr viel später, als ich merkte, was wir uns dafür eingehandelt hatten, wünschte ich ihn mir zurück.

"Ich lernte die spätere DDR schon 1945 kennen"

Aber bei weitem nicht alle "Volksgenossen" dachten wie wir. Zum ersten Mal lernte ich die Macht der Propaganda kennen. Die Nazis verstanden es meisterhaft, das Volk in ihrem Sinne zu beeinflussen. Seit dieser Zeit weiß ich, dass es möglich ist, durch Propaganda Menschen bis zur Selbstaufopferung zu bringen. Die Nazis haben das eigene Volk durch Propaganda besoffen gemacht und sind dann mit Waffengewalt über fremde Völker hergefallen. Ich sehe die Gefahr, dass Propaganda künftig intensiver genutzt wird, sich Einflussbereiche und Machtsphären auch in fremden Ländern zu schaffen.

Da ich als Soldat nicht in Gefangenschaft geriet, lernte ich die sowjetisch besetzte Zone, die spätere DDR, schon 1945 kennen. Ursprünglich blieben wir in der Altmark, weil es hier noch mehr zu essen gab und unsere Familie Unterkunft und Arbeit fand. Ich hatte Glück, wurde in einen Neulehrer-Lehrgang aufgenommen und konnte später in Fortsetzung auch das Diplom als Handelslehrer erwerben.

Nach den traurigen Tagen in der Nazidiktatur war die Nachkriegszeit für mich eine Zeit des Aufbruchs. Ich hatte nicht damit rechnen können, dass meine Kollegen mich zu ihrem Direktor vorschlagen würden und dass das Staatssekretariat für Berufsausbildung dem zustimmen würde. So wurde ich 1950 mit 25 Jahren der jüngste Berufsschuldirektor der DDR. Und ich blieb auch in dieser Position bis zum Jahre 1990. Dann machten zwei Herzinfarkte meiner Karriere ein Ende.

"Inzwischen ist mir die Bundesrepublik ans Herz gewachsen"

Natürlich gab es Dinge in der DDR, die mir nicht gefielen. So fand ich es beschämend und undemokratisch, dass die Bürger dazu angehalten wurden, bei Wahlen ihre Stimme offen abzugeben. Der Umgang mit Kritikern, das Verhalten der Behörden bei Reise- und Ausreisewünschen, die Abschottung durch die Mauer und manches andere billigte ich nicht. Aber dagegen stand auch die Überlegung, dass ich kaum in einem anderen Land der Erde als einfacher Arbeiterjunge eine solche Laufbahn hätte machen können. Ich fühlte mich zu Dank verpflichtet und konnte nicht verstehen, dass nicht wenige junge Bürger zwar ihr Studium noch in der DDR absolvierten, dann aber flugs in den Westen verschwanden. Inzwischen ist mir die Bundesrepublik ans Herz gewachsen. Sie hat mich fair behandelt und sie gehört nach meiner Einschätzung zu den demokratischsten Staaten der Erde. Wenn Sie mich fragten, welches ihr größter Vorzug sei, würde ich antworten: der Umstand, dass ich diesen Brief schreiben kann in der Hoffnung, er wird veröffentlicht, also Toleranz. Jeder sieht die Welt durch das Prisma seiner Erfahrungen. Wir müssen die Meinung des anderen nicht teilen, aber wir müssen sie akzeptieren.


"Gnadenlos": Ulrich Nellessen schreibt aus der Sicht eines Westdeutschen

Wer nie in der DDR gelebt hat, sollte endlich aufhören, das Verhalten seiner Bürger zu beurteilen. Die dummdreiste Überheblichkeit mancher West- den Ostdeutschen gegenüber, die sich teilweise aus der verachtenswerten Überzeugung vermeintlich moralischer Überlegenheit speist, weist auf die fehlende Bereitschaft hin, rechtschaffenes Verhalten der ehemaligen DDR-Bürger anzuerkennen und entsprechend zu würdigen. Die Folge ist das, was wir alle bedauern: ein Graben zwischen Ost und West.

Wenn nun ein aus der DDR übergesiedelter Journalist, der seit mehr als 20 Jahren im Westen arbeitet, das Unrecht an der innerdeutschen Grenze an ostdeutschen Schulen zum Thema seiner Lesungen machen darf, so setzen nicht nur der Journalist, sondern auch die Schule ein leuchtendes Signal in puncto Aufarbeitung des DDR-Unrechtes.

Doch allein die Schilderung der staatlich legitimierten, menschenverachtenden Gewaltübergriffe auf Unschuldige wirft anklagende Fragen auf und so manche Schülerin, so mancher Schüler wird Lehrer und Eltern mit solchen nach Schuld und Verantwortung konfrontieren. In dieser Situation stets ehrlich und souverän zu bleiben mag Lehrer, Väter, Mütter überfordern, denn als indirekt Angeklagte kann deren Seelenfrieden akut in Turbulenzen geraten. Unüberlegte Äußerungen sind vorprogrammiert und sollten – dies müssten ausschließlich Ostdeutsche beurteilen – vielleicht nicht überbewertet werden, denn Gnadenlosigkeit im Urteil kann ein Zeichen der Unmenschlichkeit sein, also genau der Eigenschaft, mit der der SED-Staat systemkritischen Personen begegnet ist.

"Der stets gen Osten gestreckte westliche Zeigefinger"

Doch handelt nicht auch der Journalist unüberlegt, wenn er aus zweifellos völlig deplatzierten, DDR-verklärenden Aussagen die gnadenlose Schlussfolgerung zieht und diese sogar deutschlandweit publik macht: "Sie sind alle noch da." Muss nicht der Eindruck entstehen, dass die ostdeutsche Schullandschaft eine von DDR-Diktatur verherrlichenden, ewig gestrigen Pädagogen durchseuchte "no go area" ist? Doch die Wirklichkeit sieht anders aus! Wer kurz nach der Wende "rübergemacht" hat – und zwar von West nach Ost – und sich halbwegs ordentlich benommen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bürger der ehemaligen DDR eben nicht ein von nostalgischer Verklärungssucht befallendes Volk sind, sondern mehrheitlich unverändert interessiert sind, das im Namen der SED-Diktatur begangene Unrecht aufzuarbeiten und entsprechende Konsequenzen – auch personeller Art – zu ziehen, wie zahlreiche Beispiele bis heute zeigen.

Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob es nicht auch der stets gen Osten emporgestreckte, anklagende westliche Zeigefinger ist, der durch Aushöhlung des Selbstwertgefühls Widerstand hervorruft und dadurch den Blick auf die DDR-Realität, insbesondere derjenigen ehemaligen DDR-Bürger trübt, die die dunkle Seite nicht erlebt haben.

Ulrich Nellessen wurde 1952 im westfälischen Hamm geboren und ist seit 1995 Arzt am Johanniter-Krankenhaus in Stendal.

Wer nie in der DDR gelebt hat, sollte endlich aufhören, das Verhalten seiner Bürger zu beurteilen. Die dummdreiste Überheblichkeit mancher West- den Ostdeutschen gegenüber, die sich teilweise aus der verachtenswerten Überzeugung vermeintlich moralischer Überlegenheit speist, weist auf die fehlende Bereitschaft hin, rechtschaffenes Verhalten der ehemaligen DDR-Bürger anzuerkennen und entsprechend zu würdigen. Die Folge ist das, was wir alle bedauern: ein Graben zwischen Ost und West.

Wenn nun ein aus der DDR übergesiedelter Journalist, der seit mehr als 20 Jahren im Westen arbeitet, das Unrecht an der innerdeutschen Grenze an ostdeutschen Schulen zum Thema seiner Lesungen machen darf, so setzen nicht nur der Journalist, sondern auch die Schule ein leuchtendes Signal in puncto Aufarbeitung des DDR-Unrechtes.

Doch allein die Schilderung der staatlich legitimierten, menschenverachtenden Gewaltübergriffe auf Unschuldige wirft anklagende Fragen auf und so manche Schülerin, so mancher Schüler wird Lehrer und Eltern mit solchen nach Schuld und Verantwortung konfrontieren. In dieser Situation stets ehrlich und souverän zu bleiben mag Lehrer, Väter, Mütter überfordern, denn als indirekt Angeklagte kann deren Seelenfrieden akut in Turbulenzen geraten. Unüberlegte Äußerungen sind vorprogrammiert und sollten – dies müssten ausschließlich Ostdeutsche beurteilen – vielleicht nicht überbewertet werden, denn Gnadenlosigkeit im Urteil kann ein Zeichen der Unmenschlichkeit sein, also genau der Eigenschaft, mit der der SED-Staat systemkritischen Personen begegnet ist.

Doch handelt nicht auch der Journalist unüberlegt, wenn er aus zweifellos völlig deplatzierten, DDR-verklärenden Aussagen die gnadenlose Schlussfolgerung zieht und diese sogar deutschlandweit publik macht: "Sie sind alle noch da." Muss nicht der Eindruck entstehen, dass die ostdeutsche Schullandschaft eine von DDR-Diktatur verherrlichenden, ewig gestrigen Pädagogen durchseuchte "no go area" ist? Doch die Wirklichkeit sieht anders aus! Wer kurz nach der Wende "rübergemacht" hat – und zwar von West nach Ost – und sich halbwegs ordentlich benommen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bürger der ehemaligen DDR eben nicht ein von nostalgischer Verklärungssucht befallendes Volk sind, sondern mehrheitlich unverändert interessiert sind, das im Namen der SED-Diktatur begangene Unrecht aufzuarbeiten und entsprechende Konsequenzen – auch personeller Art – zu ziehen, wie zahlreiche Beispiele bis heute zeigen.

Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, ob es nicht auch der stets gen Osten emporgestreckte, anklagende westliche Zeigefinger ist, der durch Aushöhlung des Selbstwertgefühls Widerstand hervorruft und dadurch den Blick auf die DDR-Realität, insbesondere derjenigen ehemaligen DDR-Bürger trübt, die die dunkle Seite nicht erlebt haben.

Bilder