Magdeburg l Oft sind es nur aufwendige Ermittlungen oder Zufall, die zum Auffinden gefahndeter Personen führen. Mehr als 1300 Haftbefehle blieben mit Stichtag 31. Dezember 2013 in Sachsen-Anhalt offen. Die Zahl der Verhaftungen steigt hingegen seit Jahren kontinuierlich.

Als Anfang Februar eine 28-jährige Frau aus einem kleinen Ort bei Genthin im Jerichower Land Anzeige wegen eines gestohlenen Kennzeichens vom Auto ihres Freundes erstatten wollte, ahnten die Beamten nicht, dass der eher marginale Fall gleich in zwei Verhaftungen enden würde.

Nach einem Blick in den Fahndungscomputer wurde schnell klar. Sowohl gegen die Frau, als auch gegen den Freund lagen Haftbefehle vor. Ausgeschrieben von der Staatsanwaltschaft Stendal, weil Geldstrafen in Höhe von 230 und 840 Euro nicht gezahlt wurden. Es sind nur zwei von durchschnittlich 25 vollstreckten Haftbefehlen am Tag in Sachsen-Anhalt. Bundesweit sind es 175.

Hoch ist auch die Zahl der offenen Haftbefehle. Wegen der Vergleichbarkeit wird diese Zahl immer am 31. Dezember eines jeden Jahres erhoben. 2013 waren es 1312. Die Zahl ändert sich aber täglich. Neue kommen hinzu, einige erledigen sich wegen der Fristen von ganz allein und andere wiederum können wie im Genthiner Fall erfolgreich vollstreckt werden. Im Vergleich steht nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes Sachsen-Anhalt angesichts der offenen Fälle eher durchschnittlich da. In Niedersachsen zum Beispiel lag die Zahl der offenen Haftbefehle im Jahr 2012 bei 8500, in Thüringen bei 1600.

"Leider sitzen nicht alle zu Hause und warten auf uns." - Marco Kloss, Fahnder aus Magdeburg

In den Polizeirevieren gehören die Vollstreckungen von Haftbefehlen zum Alltag. Thomas Kriebitzsch, Sprecher des Polizeirevieres Jerichower Land: "Morgens, wenn die Kollegen ihren Dienst antreten, erhalten sie eine Liste mit den aktuellen Fahndungen. Sie arbeiten diese dann neben ihren Einsätzen ab. Ergebnisse der Ermittlungen werden notiert und der nächsten Schicht übergeben."

In größeren Revieren gibt es sogar eigene Fahndungsgruppen, die sich auf das Aufspüren der Gesuchten spezialisiert haben. So auch in der Landeshauptstadt. Marco Kloss, Leiter der Magdeburger Fahndungsgruppe: "Leider sitzen nicht alle zu Hause und warten auf uns."

Oft seien die Ermittlungen sehr langwierig und kompliziert. "So gibt es Tage, an denen fast alle Haftbefehle problemlos vollstreckt werden können und welche, da gelingt auch mal keiner." Manche werden auch nur durch Zufall geschnappt, weil sie sich im Ausland aufhalten und nur in der Annahme wieder zurückkehren, es sei Gras drüber gewachsen. Bei einem Griechen war das im Januar dieses Jahres aber nicht der Fall. Es klickten nach einem Tipp die Handschellen. Der Mann war nach einem schweren Raub seit 1995 per Haftbefehl gesucht worden und musste noch drei Jahre absitzen.

Allein die Landeshauptstadt registrierte im vergangenen Jahr einen Eingang von 1700 Haftbefehlen. Rund 360 sind davon noch offen. Dass alle Haftbefehle gleichzeitig vollstreckt werden, könnte die Justiz ohnehin nicht verkraften. Denn die 2249 Vollzugsplätze im Land sind gegenwärtig von 1890 Gefangenen belegt. Eine Vollstreckungswelle würde eine Überbelegung von rund 1000 Plätzen bedeuten. Viele der ausgeschriebenen Vollstreckungsbefehle betreffen aber ohnehin entweder nicht gezahlte Geldstrafen (sogenannte Ersatzfreiheitsstrafen) oder Anordnungen von Erzwingungshaft.

"Die ältesten Fahndungen stammen aus dem Jahr 1994." - Andreas von Koß, Landeskriminalamt

Eine genaue Statistik zur Aufschlüsselung der einzelnen Haftbefehlsarten werde laut Innenministerium aber nicht geführt. Nur so viel ist klar: Von den 1239 offenen Haftbefehlen im Jahr 2012 betrafen zum Beispiel nur 275 Untersuchungshaftsbeschlüsse. 135 Vollstreckungen waren international ausgeschrieben. Einige Haftbefehle erledigen sich aufgrund fehlender Verlängerungen durch die Staatsanwaltschaft auch von ganz allein.

Andreas von Koß: "Die ältesten noch offenen Fahndungen stammen aus dem Jahr 1994. Viermal wegen Mordes und einmal wegen versuchten Totschlags."

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