Magdeburg l Der türkische Imbissbesitzer aus Bernburg im Salzlandkreis hat zum Prozessauftakt am Dienstag nur kurz neben seinem Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Sebastian Scharmer Platz genommen. Abdurrahman E. will in die Augen der mutmaßlich rechten Schläger sehen, wenn die Staatsanwaltschaft ihre Anklage verliest. Seine Angst ist aber immer noch groß, später verschwindet er deshalb wieder.

Doch viel ist ohnehin nicht in den Gesichtern seiner Peiniger zu entdecken. Die bulligen, bis zum Hals tätowierten, aber zum Teil auch schmächtigen Angeklagten im Alter von 24 bis 33 Jahren sehen selten zu ihm und seiner Lebensgefährtin. Die Blicke der neun jungen Männer schweifen eher im Saal herum, wirken gelassen. Auch als ihnen die Staatsanwältin teilweise versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung vorwirft.

Die Tat habe sich so abgespielt: Die aus Schönebeck stammenden Männer feierten an jenem 21. September 2013 den Junggesellenabschied des 24-jährigen Angeklagten Frank S. in Bernburg. Sie "tankten" ordentlich Schnaps und Bier. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg verliest in der Verhandlung später Blutalkoholwerte, die sich zwischen 0,5 und 2,5 Promille einpegeln.

Als die Freundin des türkischen Imbissbesitzers an jenem Abend das Fenster des Kiosk im Bernburger Bahnhof schließen wollte, pöbelte Maik R. sie an und bezeichnete die junge Deutsche als "Türkenschlampe".

"Stampfend von oben" auf den Kopf eingetreten

Der Imbissbesitzer eilte seiner Lebensgefährtin zu Hilfe. Danach beleidigte er ihn als "Scheißvieh" und schlug ihm eine Flasche über den Kopf. Das bemerkten die in der Nähe stehenden restlichen jungen Männer. Es kam zu einer Schlägerei, in der sich nun auch die anderen Angeklagten einmischten.

Mindestens vier Männer prügelten und traten gegen den am Boden liegenden Türken ein. Maik R. und Patrick S hätten sogar "stampfend von oben" auf den Kopf getreten, führte die Staatsanwältin weiter aus. Das Opfer blieb liegen, erlitt einen Bruch des Schädeldachs und weitere schwere Verletzungen. Der Mann schwebte zwischendurch in Lebensgefahr und lag auch im Koma.

Zwei weitere Rechte attackierten auch die Freundin des Türken. Sie wurde ebenfalls zum Teil erheblich verletzt. Ein zur Hilfe eilender ausländischer Zeuge wurde ebenfalls zusammengeschlagen. Auch er berichtete später der Polizei von Beleidigungen wie "Scheiß Ausländer".

Vorwurf des zu laschen Handelns der Justiz

Für die Staatsanwaltschaft reichte dies aber nicht für einen hinreichenden Tatverdacht, um Ausländerhass als Leitmotiv nachzuweisen. Aus diesem Grund klagte sie nur versuchten Totschlag und nicht versuchten Mord an.

Nebenklageanwalt Sebastian Scharmer: "Ich verstehe einfach nicht, warum die Staatsanwaltschaft bei dieser Lage nicht wegen versuchten Mordes angeklagt hat. Man muss es doch wenigstens versuchen." Er wirft der Justiz ein zu lasches Handeln bei solchen Rechten-Übergriffen vor.

Das Landgericht hatte später im Eröffnungsbeschluss den rechtlichen Hinweis erteilt, dass auch versuchter Mord in Frage kommen könnte, wenn sich ein rassistisches Tatmotiv nachweisen lasse.

Das wird auch eine der zentralen Fragen des bis Mitte März geplanten Prozesses sein. 16 Zeugen und drei Sachverständige sollen befragt werden. Fünf der neun Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Einige von ihnen sind als Rechte bereits bekannt.