Ein Problem, zwei Regierungen

Eltern sollen es künftig leichter haben, wenn sie ihre Kinder jenseits der Landesgrenze zur Kita oder in die Schule bringen. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) will das Thema in der kommenden Woche ansprechen, wenn die Landesregierungen von Sachsen-Anhalt und Niedersachsen gemeinsam in Helmstedt tagen. Konkrete Vorschläge lägen allerdings noch nicht auf dem Tisch, sagte Regierungssprecher Matthias Schuppe. (he)

Magdeburg l Die sechsjährige Emma hat einen kurzen Schulweg: Nur vier Kilometer sind es aus ihrem kleinen Dorf bis zur Grundschule. Ihr Vater fährt sie morgens zum Unterricht. Und doch braucht er dafür eine Ausnahmegenehmigung. Denn zwischen Emmas Heimatdorf Paplitz und der Schule Ziesar liegt die Landesgrenze. Und die trennt in Schulfragen bisweilen Welten.

Emmas Vater, Ralph Ohst, hat sich auch deshalb für Ziesar entschieden, weil die Grundschule in Brandenburg sechs Jahre dauert, zwei Jahre länger als in Sachsen-Anhalt. "Je länger die Kinder zusammenbleiben, desto besser. Da entsteht ein ganz anderes Zusammengehörigkeitsgefühl", findet Ohst. Auch Emmas große Brüder fahren täglich nach Brandenburg, beide besuchen das Gymnasium in Bad Belzig. "Da gibt es eine intensive Betreuung für die Begabung unseres Ältesten", begründet der Vater.

Und ein dritter Grund kommt hinzu: Ohsts Frau arbeitet als Lehrerin in Brandenburg. Ihr Ferienkalender passt mit dem Sachsen-Anhalts oft nicht zusammen, die Familie müsste für mehrere Wochen im Jahr eine Betreuung organisieren.

Drei sehr verschiedene Gründe für den Schulbesuch jenseits der Landesgrenze - viele Familien an den Rändern Sachsen-Anhalts haben weitere, ganz eigene Motive. Und doch müssen sie oft erst einmal Schwierigkeiten überwinden. "Als wir damals die Ausnahmegenehmigung für unseren Ältesten brauchten, war das ein Riesen-Drama, mit massivem Schriftwechsel über ein halbes Jahr", erinnert sich Ohst.

"Dass da eine Grenze ist, darf man nicht auf dem Rücken der Kinder austragen."

Zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg gibt es kein Gastschüler-Abkommen. Die brandenburgischen Städte und Gemeinden bekommen keine Kostenerstattung für die Kinder des Nachbarlandes. Die fühlen sich deshalb gelegentlich wie ungebetene Gäste. In die Grund- und Oberschule Ziesar zum Beispiel gehen 35 Sachsen-Anhalter. "Offiziell werden die aber gar nicht mitgezählt", bedauert Schulleiterin Kerstin Riemer. Ist in einer Klasse noch Platz, dürfen die Gäste kommen. Sonst nicht.

Geteilt wird eine Klasse nur dann, wenn die einheimischen Schüler die Klassengröße überschreiten, die anderen zählen nicht. "Das treibt uns seit Jahren um", ärgert sich René Mertens, Vorsitzender der Schulkonferenz. Die Schule hat wegen des fehlenden Gastschülerabkommens sogar ihre gymnasiale Oberstufe verloren: Es gab zwar genügend Schüler, doch entscheidend waren allein die Landeskinder. Mertens erinnert daran, dass Ziesar erst nach dem Krieg zu Brandenburg kam. "Dass da jetzt eine Grenze ist, darf man doch nicht auf dem Rücken der Kinder austragen", findet er.

Selbst Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist eingeschaltet. Als Bundestagsabgeordneter gehört Ziesar zu seinem Wahlkreis. Bietet eine Schule etwas Besonderes oder liegt sie besonders günstig, kümmert es Eltern wenig, wer eigentlich für sie zuständig ist. Beispiel Salzwedel: Immer wieder nehmen die Berufsbildenden Schulen Jugendliche aus dem niedersächsischen Lüchow auf. Die haben herausgefunden, dass es im Nachbarland Ausbildungsgänge gibt, die für einen Beruf qualifizieren und zugleich die Fachhochschulreife bringen.

"Das gibt es so in Niedersachsen nicht, dadurch sparen die Schüler ein Jahr Zeit", erklärt Schulleiter Peter Lahmann. Umgekehrt fahren Salzwedeler die 16 Kilometer nach Lüchow ins Fachgymnasium. Die beiden Landkreise haben vereinbart, dass es dafür keine Genehmigung braucht.

Intensive Schülerströme gibt es auch im Harz. Schulen in Veckenstedt und Wernigerode (Landkreis Harz) ziehen 130 Schüler aus dem Landkreis Goslar an, aus Wolfenbüttel fahren 83 Kinder nach Sachsen-Anhalt. Die Fahrtkosten zahlt der jeweilige Landkreis bis zu der Höhe, die bei der eigentlich zuständigen Schule anfallen würden. Oft bilden Eltern deshalb Fahrgemeinschaften.

Beim Thema Schulen gibt es länderübergreifende Bemühungen ebenso wie höchst skurrile Details. Aus dem Jerichower Land etwa fährt sogar ein regulärer Schulbus die Kinder ins brandenburgische Ziesar. Kleiner Schönheitsfehler: Die Ferien von Brandenburg ignoriert er - es zählt allein der Ferienkalender von Sachsen-Anhalt.