Gardelegen l Seit mehr als einem Jahr ist das Gardeleger Klinikum mit dem "OP-Skandal" wegen überflüssiger Wirbelsäulen-Operationen in den Schlagzeilen. Recherchen der Volksstimme decken jetzt Ungereimtheiten und Fehler bei den Gutachten auf.

"15 von 16 Operationen waren unnötig - Wirbelsäulen-Spezialist Dr. T. und Geschäftsführer Matthias Hahn müssen gehen" - so lauten nach dem Abend des 12. Februar 2013 die Schlagzeilen. Klinikum-Aufsichtsratsvorsitzender Michael Ziche hatte damals ganz kurzfristig zu einer Pressekonferenz eingeladen, um die Ergebnisse eines medizinischen Gutachtens vorzustellen.

Trotz der kurzfristigen Einladung sind an diesem Abend so viele Journalisten in Salzwedel bei einer Pressekonferenz wie selten. Aufsichtsratschef Ziche, der auch Landrat des Altmarkkreises ist, und Ulrich Metzmacher, Vorstandsvorsitzender des Krankenhausmanagers Paul-Gerhardt-Diakonie, brauchen nur wenige Minuten.

Ziche eröffnet die Pressekonferenz und spricht von einem "objektiven Tatbestand", dass in 15 der 16 untersuchten Fälle "zumindest die medizinische Indikation nicht in der Qualität vorlag, um eine Operation zu rechtfertigen". Metzmacher nennt einzelne Beispiele.

Was die beiden da vortragen, ist sehr gewunden, aber eindeutig formuliert. Doch es ist falsch.

Mitte Januar gab es zuerst positive Signale

Wer die Gutachten der Neurochirurgie-Experten des International Neuroscience Institutes aus Hannover liest, stößt allein auf vier Fälle, bei denen das Gutachter-Duo die Frage "War die Operation in dem in der Rede stehenden Behandlungsfall indiziert?" mit einem präzisen und eindeutigen "Ja" beantwortet.

Und es gibt weitere Ungereimtheiten: Alle 16 Schreiben der Gutachter beginnen mit dem Satz "Bezüglich Ihrer Gutachtenanfrage vom 15. Januar...". Dabei hatte das Klinikum diese Fälle bereits im Dezember in Auftrag gegeben. Aufsichtsratsvorsitzender Ziche wollte zunächst sogar vor Weihnachten die ersten Ergebnisse präsentieren. Doch die Expertisen verzögern sich.

Allerdings gibt der damalige Geschäftsführer Mitte Januar schriftlich das Signal, dass der Gutachter nach dem "ersten Durchschauen" mitgeteilt habe, "dass ein Grund für die jeweilige Operation vorlag".

Wieso entspricht das Ergebnis gar nicht mehr den Ankündigungen des Geschäftsführers? 14 der durchnummerierten Gutachten sind jedenfalls erst am 29. und 30. Januar 2013 geschrieben worden, ein weiteres noch einen Tag später. Offenbar wurde hier unter hohem Zeitdruck gearbeitet.

Umso verwunderlicher ist dann jedoch der lange Zeitraum, bis die brisante Fracht aus Hannover bei Klinikum-Anwalt Dr. Panos Pananis in Berlin eingeht. Bis auf eine Ausnahme tragen die 16 Fälle den Eingangsstempel 11. Februar 2013 - fast zwei Wochen nach Fertigstellung der Gutachten.

Nur die als "Fall 1" deklarierte Expertise geht bereits am 5. Februar im Büro von Pananis ein. Es ist ein besonderer Fall, der schon im November Schlagzeilen gemacht hatte, da der Patient anschließend in einem Magdeburger Krankenhaus an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben ist.

Der Magdeburger Rechtsanwalt Uwe Bitter sagte damals vor der Kamera dem ARD-Magazin Fakt: "Er starb an den Folgen der Operation sehr schmerzhaft - eine ganz furchtbare Geschichte."

Auswertung unter großem Zeitdruck

Von den Gutachtern wollte das Klinikum in diesem Fall mehr wissen: "Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass der Patient an den Folgen der Operation verstorben ist?" Die Antwort der Unterzeichner Prof. Dr. Amir Samii und Oberarzt Dr. Wolf Lüdemann entlastet Dr. T. eindeutig: Es gibt "keinen Anhaltspunkt, dass der Patient an den Folgen der Operation verstorben ist". In der Pressekonferenz fragt ein Journalist Metzmacher, ob der Todesfall unter den 16 Fällen ist. Der Diakonie-Vorstandsvorsitzende bejaht dies. Nachfrage: "Haben Sie dazu Näheres?" Metzmacher antwortet mit einem Wort: "Nein."

Versehen oder Absicht? Metzmacher und Ziche sind an dem Tag unter Druck. Es soll schnell gehen. Der Diakonie-Vorstandsvorsitzende hat am Tag zuvor die gut 50 Seiten zu den 16 Fällen erhalten. Am Mittag des 12. Februar trifft er mit der brisanten Fracht in Salzwedel ein. Dann bereiten beide die Unterlagen für den Aufsichtsrat auf und entscheiden, direkt danach vor die Medien zu gehen. "Ich habe etwa eine viertel Stunde in den Gutachten geblättert und sie gelesen", erinnert sich Landrat Ziche. "Eine inhaltliche Interpretation hatte damals Herr Dr. Metzmacher vorgenommen." Dieser will sich heute zu einzelnen Fällen "aus Datenschutzgründen nicht äußern" und bemerkt: "Ich kann Ihnen von hier wohl keine weiteren erhellenden Auskünfte erteilen." Dabei gäbe es vonseiten des Klinikums einiges aufzuhellen. Da fehlen mitunter Röntgenbilder und Radiologenbefunde, und es werden Dokumentationsmängel kritisiert.

In einem Fall heißt es: "Es scheint in Wirklichkeit so zu sein, dass die ganze Behandlung 2012 durchgeführt wurde, jedoch wurde häufig 2011 dokumentiert." Auf Volksstimme-Nachfrage hat das Klinikum diesen Fall versucht zu rekonstruieren: Es gab zwei Operationen - eine 2012 von Dr. T. und eine 2011 von einem anderen Mediziner. Beide seien komplett dokumentiert. Wie konnte dann solch ein Datensalat in die Gutachter-Akte gelangen?

Gutachten kosteten insgesamt 9300 Euro

Gravierende Mängel gibt es auch bei den 15 weiteren Fällen, die das Klinikum Mitte Januar nach Hannover überstellt. Wer die in der Regel zweiseitigen Gutachten durchforstet, stößt immer wieder auf den Vorwurf unvollständig übermittelter Unterlagen. "Kann so nicht beurteilt werden", schreiben die Mediziner in zwei Fällen.

Auffallend ist nicht nur, dass sich die beiden Mediziner für die brisanten Fälle bis in den April hinein Zeit ließen. Es gibt dabei erneut wiederum zahlreiche formale Fehler. Allein die Adressierung der am 21. Februar begutachteten Fälle sind kurios.

Während Fall 17 noch an Anwalt Pananis adressiert ist, geht Fall 18 am gleichen Tag und von der gleichen Sekretärin bearbeitet an das Altmark-Klinikum und seinen Geschäftsführer Matthias Lauterbach.

Das erfordert nahezu hellseherische Fähigkeiten, denn der "sehr geehrte Herr Lauterbach", bei dem man sich eingangs "für Ihr Vertrauen und die Übersendung des Gutachtenauftrags von 15.01.2013" bedankt, wird erst sechs Tage nach Aufsetzen des Schreibens in dieses Amt berufen.

Die Expertisen ließ sich das Klinikum übrigens einiges kosten: 300 Euro pro Fall - insgesamt 9300 Euro.

Diakonie-Vorstandsvorsitzender Metzmacher formuliert über die Gutachten heute weitaus defensiver als im vorigen Jahr: "Es ist bei medizinischen Fragestellungen nicht selten so, dass erst am Ende eine Bewertung verkündet werden kann." Daher habe das Klinikum die Unterlagen umgehend an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. "Was dabei am Ende herauskommt, können wir allerdings nicht wissen."

Millionen-Einnahmen in Aussicht gestellt

Was die Verantwortlichen hingegen wussten, ist, dass ein Wirbelsäulenzentrum ein lukratives Geschäftsfeld ist. Mehreinnahmen von 2,5 Millionen Euro hatte Ex-Geschäftsführer Hahn dem Aufsichtsrat 2011 in Aussicht gestellt.

Die Lage im Klinikum hatte sich jedenfalls von den ersten Schlagzeilen im November bis zur Pressekonferenz im Februar geändert: Im Zuge einer neuen Struktur stand seit Anfang Januar mit dem Neurochirurgen Dr. Ralf Dörre ein Nachfolger für Dr. T. fest - Arbeitsbeginn: 1. April.

Vor fünf Jahren war das Gardeleger Altmark-Klinikum bereits schon einmal wegen eines Skandals bundesweit in den Schlagzeilen. Eine Krankenschwester soll damals 67Patienten getötet haben (siehe Info-Kasten). Der Verdacht musste später wieder zurückgenommen werden.

Von den Schlagzeilen über den "Todesengel von Gardelegen" blieb am Ende ein doppelter Schaden zurück: Ein existenzieller bei der betroffenen Krankenschwester, aber auch ein Vertrauensverlust beim Klinikum.

Dass auch dieser Fall am Ende ähnlich enden könnte, gilt in hochrangigen Justizkreisen inzwischen nicht mehr als ausgeschlossen.

Der "OP-Skandal von Gardelegen" wirft bei näherem Hinsehen etliche Fragen auf, die noch zu beantworten sind.

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