Stichwort Höhentraining

Der Mangel an Sauerstoff regt den Körper auf vielerlei Art und Weise an, aktiv zu werden, haben Forscher herausgefunden. Durch modernste Technik kann die Universität Magdeburg Atmosphären zwischen 1800 und 6500 Metern Höhe simulieren.

Folgende Vorteile des Höhentrainings sind wissenschaftlich nachgewiesen: Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit, kürzere Regeneration nach physischen Belastungen, Verbesserung des Fettstoffwechsels, schnellere und schonendere Rehabilitation nach Verletzungen, Verbesserung der Konzentration, Verbesserung der Bewegungsökonomie in Ballsportarten sowie die frühzeitige Akklimatisierung vor Aufenthalten in großer Höhe und Verminderung der Anzeichen der Höhenkrankheit.

Schönebeck l Da stand er, ganz oben auf dem Gipfel. Von der Höhe berauscht. Karl-Heinz Dietze hatte es geschafft. Aus eigener Kraft. Ein Gefühl des inneren Friedens und der Glückseligkeit habe sich breitgemacht in diesem besonderen Augenblick, erinnert er sich später. "Die Strapazen des Aufstiegs sind plötzlich vergessen. Man ist einfach nur froh und glücklich. Und stolz, das geschafft zu haben, was man sich vorgenommen hat."

"Ich war fit wie ein Turnschuh, top-vorbereitet."

Nur mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass es am betreffenden Morgen, dort auf der Bergspitze bei minus 10 Grad, nicht der vergleichsweise "winzige" Brocken war, auf dem der Schönebecker das märchenhafte Panorama über den Wolken genoss. Es war der Kilimandscharo, seines Zeichens mit 5895 Metern das höchste Bergmassiv Afrikas. Und dass der Gipfelstürmer kein Jungspund mit Kräften wie ein Bär war, sondern im Gegensatz dazu mit 75 Jahren schon etwas grau und recht betagt.

Aber offensichtlich immer noch fit wie ein Turnschuh. Aus gutem Grund, denn Dietze war top-vorbereitet. Nicht nur, dass er im Vorfeld wöchentlich 45 Laufkilometer heruntergespult hatte. Der Rentner hatte sich 15 Tage vor der Abreise sogar professionell wie ein Leistungssportler mit einem "Höhentraining" auf die Tour vorbereitet - initiiert und wissenschaftlich begleitet vom Lehrstuhl Training und Gesundheit des Instituts für Sportwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität. Und das mit durchschlagendem Erfolg, wie sich zeigen sollte.

"Ich hatte keinerlei Anzeichen von Höhenkrankheit oder dergleichen. Keine Kopfschmerzen, keine Atemnot, keine Kreislaufprobleme oder Muskelbeschwerden. Ich war buchstäblich in Höchstform. Das war schon erstaunlich, weil ich früher ja ein starker Raucher und nicht gerade sportlich war", sagt Dietze. Doch erst beim Anblick der Erinnerungsfotos sei ihm bewusst geworden, was er da vollbracht hatte. Und wie groß das Risiko trotz akribischer Vorbereitung gewesen war: Ein alter Mann, in sieben Tagen rauf auf das Dach Afrikas und wieder runter. Und das alles ohne alpinistische Erfahrung.

Außerdem sei er der mit Abstand Älteste in der aus sechs deutschsprachigen Bergsteigern bestehenden Gruppe gewesen. "Unsere Guides und Träger hatten mir damals erzählt, dass sie sich nicht erinnern konnten, überhaupt schon mal so einen ,alten Sack` auf den Kilimandscharo begleitet zu haben. Der Älteste war wohl bis dahin 72."

Karl-Heinz Dietze muss selbst den Kopf schütteln, wenn er an die Geburt seiner "Wahnsinns-idee" vor mehr als drei Jahren denkt. Eigentlich hatten er und seine Ehefrau schon lange davon geträumt, das Okavango-Delta im Nordwesten Botswanas zu bereisen. "Als es dann aber ans Buchen ging, sagte meine Frau auf einmal, sie wolle dann doch lieber nicht mitkommen." Aber den Gatten hatte längst das Abenteuerfieber gepackt. Im gleichen Katalog stieß der einst begeisterte Bergläufer, der 30-mal den Rennsteiglauf mitgemacht hatte, auf einen Bericht über eine siebentägige Trekking-Tour auf den Kilimandscharo. "Gereizt hatte mich das sofort.

"Ob die überhaupt so einen alten Mann mitnehmen?"

Ich wusste zwar, dass man zur Besteigung des Berges keine große Ausrüstung wie Steigeisen, Seil oder Pickel braucht und dass Stöcke normalerweise ausreichen müssten. Was ich nicht wusste, war, ob das Ganze auch für mich in meinem Alter überhaupt in Frage kommt. Und ob ich das überhaupt schaffen kann." Doch die fixe Idee ließ Karl-Heinz Dietze nicht mehr los. Er wollte es wissen und begann 2012 mit der Vorbereitung. Als erstes habe er den österreichischen Tour-Anbieter gefragt, "ob die überhaupt so einen alten Mann mitnehmen", erinnert er sich. Die Antwort: So ein Vorhaben sei keine Frage des Alters, sondern der Fitness.

"Und fit genug fühlte ich mich eigentlich. Dennoch bereitete mir eins Kopfzerbrechen: Bin ich denn überhaupt höhentauglich? Das musste als Erstes geklärt werden, denn ich wollte ja nicht 3000 Euro zum Fenster rauswerfen, weil ich vielleicht mittendrin höhenkrank werde und dann kapitulieren muss", so Dietze. Er recherchierte, wo er einen entsprechenden Höhentauglichkeitstest machen kann - und erfuhr in einem Berliner Institut, dass er mit 85-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht höhenkrank werden würde. Und Dietze erfuhr dort auch von verschiedenen Möglichkeiten, sich auf solche Bergbesteigungen vorzubereiten - zum Beispiel mit einem Training unter simulierten Höhenbedingungen. "Aber das Problem war, dass dies nur in Berlin, Köln oder München angeboten wird. Und das ist natürlich auch ein sehr teurer Spaß."

Der Zufall in Form eines Zeitungsberichtes in der Volksstimme wollte es so, dass Karl-Heinz Dietze einen anderen Weg fand, um für seine Bergtour auf der Höhe zu sein. Er stellte sich in den Dienst der Wissenschaft, denn Professor Dr. Lutz Schega, Leiter des Lehrstuhls Training und Gesundheit an der Uni Magdeburg, war gerade auf der Suche nach freiwilligen Probanden für eine Studie zum Thema: "Alpines Wandern in Magdeburg".

Dabei ging es speziell um den Nachweis der Wirksamkeit eines simulierten Höhenaufenthaltes in Verbindung mit einem Kraftausdauertraining bei älteren Menschen (siehe untenstehendes Interview). An der Uni war man froh, den begeisterten und motivierten Bergsteiger auf eine derartige Tour vorzubereiten. "Es war tatsächlich ein Experiment, denn bisherige Untersuchungen stützen sich mehrheitlich auf jüngere Menschen", so Schega. "Wir waren sehr gespannt, ob wir den Nachweis darüber liefern können, dass selbst relativ untrainierte und recht betagte Menschen in der Lage sind derartige Höchstleistungen zu bewältigen."

"Ich musste bis an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit gehen."

Die 15 Tage der speziellen Vorbereitung waren allerdings nicht von Pappe. Täglich eine Stunde drehte Karl-Heinz Dietze unter Aufsicht der Wissenschaftler an der Uni auf dem Fahrradergometer seine Runden. Dabei atmete er über eine Maske sauerstoffreduzierte Luft ein. "Simuliert wurden Höhenbedingungen von anfangs 3900 bis 5000 Metern Höhe. Zusätzlich bekam der Rentner einen Sauerstoffgenerator mit nach Hause.

Beim passiven Höhentraining atmete Dietze über eine Maske eine halbe Stunde sauerstoffreduzierte Luft ein. Ob es am Ende auch genau das war, was den 75-Jährigen sein Abenteuer in luftiger Höhe ohne gesundheitliche Probleme durchstehen ließ, darüber könne er nur spekulieren. "Fakt ist, ich musste bis an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit gehen. Vielleicht hätte ich das Ganze auch ohne diese spezielle Vorbereitung geschafft, aber mein Bauchgefühl sagt mir, eher nicht."

Einen "stichhaltigen" Beweis für die positive Wirksamkeit des Höhentrainings lieferte dafür die Analyse der Blutwerte, die vor und während des speziellen Trainings sowie unmittelbar nach Dietzes Rückkehr aus Afrika gemacht wurden. Sie belegen ganz eindeutig: Da war ein 75-Jähriger im "Höhenrausch".

 

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