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Magdeburg l Andreas Balzer ist auf der Arbeit mächtig beliebt. Fast jeder will mit ihm Mittag essen, herumalbern - und schaukeln. Der 31-Jährige ist Erzieher in der Schönebecker Kita St. Laurentii. Das macht ihn zum Exoten. Denn in Sachsen-Anhalt arbeiten in diesem Beruf gerade einmal sieben Prozent Männer. Doch es geht noch extremer: Bei den Zahnmedizinischen Fachangestellten liegt der Männeranteil bei nur 0,3 Prozent. Andersherum sieht es genauso verfahren aus. Als Maurer etwa arbeiten nur mickrige 0,1 Prozent Frauen.

Bei den Ausbildungs-Bewerbern ist es nicht besser. "Die geschlechterspezifische Berufswahlentscheidung ist noch immer stabil", berichtet Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen Sachsen-Anhalt. Eine Veränderung ist zumindest in einem Bereich zu beobachten: Zu den beliebtesten Ausbildungen bei Männern gehören mittlerweile auch Büro- und Verkaufsberufe. Bei jungen Frauen hingegen stehen auf der Favoritenliste keine typischen Männer-Jobs. Eine Erklärung sieht Senius in der Erziehung. "Dabei könnten sich junge Frauen wesentlich mehr zutrauen, weil sie häufig bessere Noten und Schulabschlüsse vorweisen können als Männer", sagt er.

"In den Köpfen der Jugendlichen ist bereits einiges passiert." - Alexandra Grupe, Berufsberaterin

Auch wenn sich bei den Zahlen noch nicht viel bewegt hat - zumindest in den Köpfen der Jugendlichen ist bereits einiges passiert, berichtet Alexandra Grupe. Als Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur Magdeburg begleitet sie Sekundarschüler ab der siebenten Klasse. "Ich erlebe immer öfter, dass Mädels begeistert sind, wenn sie beim Projekttag einen Minibagger lenken", erzählt sie. "Außerdem entscheiden sich mehr und mehr Jungs für ein Praktikum in einer Kita oder in einem Pflegeheim." Seit einigen Jahren sind die Berufsberater bei der Arbeitsagentur angehalten, verstärkt Mädchen auf Männerberufe aufmerksam zu machen und umgekehrt. "Das heißt keineswegs, dass wir die Schüler in eine Richtung lenken", sagt Grupe. "Aber wir wollen ihr Interesse wecken und zeigen, dass sie mit ihren Fähigkeiten auch für Berufe geeignet sind, über die sie noch nicht nachgedacht haben." Um das zu erreichen, macht sie mit den Schülern zum Beispiel Berufswahltests, die sie dann in Einzelgesprächen auswertet.

Bei Andreas Balzer war es kein Berufsberater, der ihn auf den Job als Erzieher gebracht hat, sondern sein Sohn Jamie. "Bis vor fünf Jahren habe ich als Abteilungsleiter bei einem Innenausstatter gearbeitet", erzählt er. "In meiner Elternzeit ist dann die Idee geboren, den Beruf zu wechseln. Ich fand es toll, dabeizusein, wenn ein Kind Fortschritte macht." Also fing er noch einmal von vorn an: mit einem Praktikum und einer zweiten Ausbildung. Seit einem halben Jahr darf sich der 31-Jährige nun staatlich anerkannter Erzieher nennen.

"Frauen sind für viele Berufe eine riesige Bereicherung." - Kay Senius, Arbeitsagenturen-Chef

Arbeitsagenturchef Senius findet es wichtig, dass sich Männer für diesen Beruf begeistern. "Unseren Kitas tut es sicherlich gut, wenn es dort einen stärkeren Ausgleich zwischen den Geschlechtern gibt", sagt er. Auch Frauen in Männerberufen brächten große Vorteile mit sich. "Frauen sind für viele Berufe eine riesige Bereicherung, weil sie mit anderen Lösungsstrategien an Probleme herangehen als Männer. Die Mischung macht´s eben." Außerdem könne ein stärkerer Ausgleich zwischen den Geschlechtern in vielen Berufsfeldern zu einer Entspannung der Fachkräftesituation führen." In der Pflege etwa oder der Sanitärbranche würde teilweise händeringend gesucht.

Mit unausgeglichenen Geschlechterverhältnissen haben auch die Hochschulen zu kämpfen. An der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität studieren im Bereich Maschinenbau nur zwölf Prozent Frauen. In der Verfahrenstechnik ist immerhin jeder Dritte weiblich. Bei typischen Frauenfächern zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. An der Hochschule Magdeburg-Stendal sind unter den Studenten im Fach Leitung von Kindertagesstätten acht Prozent männlich, bei Angewandten Kindheitswissenschaften zwölf Prozent. In beiden Hochschulen hat sich bis auf Ausnahmen in den vergangenen Jahren am Geschlechterverhältnis wenig verändert.

Damit das nicht so bleibt, hat die Uni ein Paket mit Lockmitteln für Mädchen und junge Frauen geschnürt - mit Studium Schnupperale für Grundschüler, Herbst-Uni und Technik-Sommercamp. "Es sind Veranstaltungen, die Mädchen an Studiengänge und Berufe heranführen, die sie vielleicht bisher einfach nicht im Fokus hatten", erklärt Rektor Jens Strackeljan.

An der Fachhochschule geht man mit dem Projekt "Kita sucht Mann" auf Studentenfang. Dabei sollen zum Beispiel Kindergärtner in Schulen gehen und Schüler in Praxisstunden Kita-Luft schnuppern. Unabhängig davon rühren die Hochschulen jedes Jahr die Werbetrommel beim Girls´ und Boys´ Day, einem bundesweiten Berufsorientierungstag für Mädchen und Jungen ab Klasse fünf. Auch viele Unternehmen und Einrichtungen in Sachsen-Anhalt öffnen dann ihre Türen für Führungen und Vorträge. Das Angebot für die Mädels reicht von der Handwerkskammer bis zum Autohaus, das für Jungs vom Pflegeheim bis zur Auffangstelle für Flüchtlingskinder.

Andreas Balzer hat als Schüler nicht ein einziges Mal daran gedacht, Erzieher zu werden. Allerdings: "Mich hat auch niemand auf die Idee gebracht."