Magdeburg l Die Internet-Petition einer 14-jährigen Schülerin mit mehreren zehntausend "Unterschriften" gibt es schon, ein offizielles Bürgerbegehren einer Bürgerinitiative "Keine Schweinerei" wird auch gerade vorbereitet. In Bernburg herrscht aktuell große Aufregung unter besorgten Bürgern, nachdem das Schlachthof-Projekt des italienischen Fleischwaren-Produzenten Bresaole Pini bekannt geworden ist.

Bereits am 12. Dezember hatte der Bernburger Stadtrat nicht öffentlich beschlossen, für die Ansiedlung ein zehn Hektar großes Grundstück in einem Gewerbegebiet an der A 14 nahe der B 6n bereitzustellen, vorausgesetzt eine sachliche Bewertung befürwortet am Ende das Projekt. Inzwischen ist das Projekt zwar öffentlich bekannt. Aber sachlich bewerten kann man bislang wenig.

Entschieden sei überhaupt noch nichts, sagt Bernburgs Wirtschaftsdezernent Holger Dittrich: "Es gab lediglich Vorgespräche. Ein Genehmigungsverfahren wurde noch nicht eingeleitet." So ein Verfahren würde sich etwa ein knappes Jahr hinziehen. Erst dann stünden wirklich Entscheidungen an.

Fördermittelantrag wurde abgelehnt

Die Rede ist davon, dass die Italiener etwa 25 Millionen Euro investieren und bis zu 2500 Arbeitsplätze schaffen wollen. Über 20000 Schweine könnten in der hochmodernen Anlage täglich geschlachtet werden. Fördermittel vom Land gibt es für die Investition nicht, sagte Wirtschaftsminister Hartmut Möllring gestern im Landtag. Ein entsprechender Antrag in Höhe von 7,3 Millionen Euro wurde abgelehnt.

Das Projekt wirft - unabhängig von ökologischen und tierschutzrelevanten Bedenken - eine entscheidende Frage auf, die der Investor und auch beteiligte Kommunalpolitiker in Bernburg nicht beantworten wollen oder können: Woher will der Schlachthof Tausende von Schweinen täglich beziehen? Ist doch in der Bernburger Beschlussvorlage eindeutig von einem "Schlachtbetrieb" und nicht von einem "Zerlegebetrieb" die Rede.

Es gibt bislang weder in Sachsen-Anhalt noch in den neuen Bundesländern entsprechende Produktionskapazitäten. "Nach der Wende wurde von den Genossenschaften vor allem in den Ackerbau und nicht in die teure Modernisierung von Stallungen investiert", erzählt Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbandes in Berlin. Inzwischen sei die Marktlage bei Schweinefleisch wenig rosig. Lohse: "Noch in den 1970er Jahren wurde in der alten Bundesrepublik nur etwa 75 Prozent des Eigenbedarfs an Schweinefleisch produziert. Heute sind wir bei 120 Prozent und exportieren Schweinefleisch."

Der Preisdruck auf dem internationalen Markt verlangt nach immer effektiveren Schweinezucht- und Mastbetrieben. Im Trend liegen Agrar-Industriebetriebe mit Kapazitäten von mehreren zehntausend Schweinen. Ereignisse, wie aktuell der Ausbruch von afrikanischer Schweinepest bei polnischen Wildschweinen und das damit verbundene russische Importverbot für EU-Schweine, setzten den Markt stark unter Druck. "Nur wegen eines Schlachthofes investiert heute niemand in eine neue Schweinemast-Anlage", so Michael Lohse.

Mit einem aktuellen Bestand von 1,2 Millionen Schweinen rangiert Sachsen-Anhalt immerhin bundesweit auf Platz 6 und ist Spitzenreiter unter den Neuen Ländern. Der Bestand war 1990 in Sachsen-Anhalt mit 1,95 Millionen Tieren noch fast doppelt so hoch, brach dann aber ein - 1996 gab es in Sachsen-Anhalts Ställen noch 711000 Schweine. Auf diesem Niveau liegen die Schweinebestände in den anderen Neuen Ländern überwiegend bis heute. In Sachsen-Anhalt hat die insgesamt positive Entwicklung der Feldwirtschaft und der Ernährungsindustrie (Futter- und Düngegrundlage) der Schweine-Produktion wieder etwas mehr auf die Sprünge geholfen.

Land ist bei Viehbestand unterversorgt

Aber im Vergleich zu den großen "Fleisch-Ländern" Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gilt Sachsen-Anhalt vom Viehbestand her als unterversorgt. Pro Hektar kommt die Landwirtschaft hierzulande auf 0,34 Vieheinheiten, in Nordrhein-Westfalen sind es 1,2 Vieheinheiten pro Hektar, in landwirtschaftlichen Kernregionen dort sogar bis zu zwei Vieheinheiten pro Hektar.

Da stellt sich die Frage: Was soll ein neuer Mega-Schlachthof in Bernburg schlachten? Wo doch der Fleisch-Konzern Tönnies in Weißenfels bereits etwa 15000 Schweine täglich schlachtet? Dieser Schlachthof - einer von zweien in Sachsen-Anhalt - hat eine ähnliche Dimension wie der geplante Betrieb in Bernburg. In Weißenfels arbeiten 2200 Mitarbeiter. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums schlachtet Tönnis in Weißenfels 67 Prozent des Schlachtschweineaufkommens der ostdeutschen Bundesländer.

Sind neue große Schweinemastanlagen geplant? Das Landesverwaltungsamt ist seit 2007 verpflichtet, den Verlauf von Genehmigungsverfahren für Tierproduktionsanlagen in Sachsen-Anhalt zu veröffentlichen. Danach gab es seit 2010 insgesamt 16 Anträge, die sich mit dem Neu- oder Umbau von Schweinemast- und Zuchtanlagen beschäftigten. Fünf Anträge wurden genehmigt. Bei den anderen Betrieben wurden die Anträge zurückgezogen oder sie werden beklagt oder das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

In Wormsdorf betreibt ein Betrieb 3000 Sauen- und 12000 Ferkelplätze. Im Januar 2014 wurde in Wanzleben-Hötensleben eine Anlage mit 9000 Sauen und 7000 Ferkeln genehmigt. Für Diskussion bei Anwohnern und der Kommunalpolitik sorgt aktuell in einem Neundorfer Betrieb bei Staßfurt die 2013 erteilte Genehmigung einer Anlage mit 5200 Mastschweineplätzen. Sie ergänzt eine zweite Anlage der gleichen Betreiber-Familie mit 6900 Schweinen, so dass in Neundorf mittlerweile 12000 Schweine gehalten werden.

Die "Van Gennip Tierzuchtanlagen GmbH" hatte 2013 versucht, ein altes Schweinemastprojekt - im Gespräch waren 80000 Schweine auf dem ehemaligen Militärflugplatz Mahlwinkel - wiederzubeleben. Ein im Vorjahr erneut gestellter Antrag für die Einstallung von 20000 Sauen und 11000 Ferkeln wurde aber im Juni 2013 zurückgezogen.

Der ehemalige Landwirtschaftsminister und heutige Unternehmensberater und Projektbetreuer, Helmuth Rehhahn, winkt ab: "Dieses Vorhaben ist nicht mehr aktuell." Es gebe in Sachsen-Anhalt kein ihm bekanntes Vorhaben, einen großen Mast- und Zuchtbetrieb von 50000 bis 100000 Schweinen aufzubauen. Eine solche Anlage gelte als moderne Großanlage.

Kommen die über 20000 Schweine, die ein neuer Schlachthof in Bernburg täglich verarbeiten möchte, nicht aus Sachsen-Anhalt, müssen sie aus anderen Regionen herantransportiert werden. Aber auch dafür gibt es Grenzen, die Experten bei 300 bis 400 Kilometern festmachen. Gesetzlich vorgeschriebene Transportpausen und der zunehmende Stress der Tiere und die damit verbundene hormonelle Belastung des Fleisches machen längere Transportwege unwirtschaftlich.

Bislang wenig Schweine in ostdeutschen Ländern

In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es sehr große Schlachtkapazitäten. In den Neuen Ländern weniger. Aber da gibt es auch weniger Schweine. Bislang. "Nehmen Sie doch mal diese 400 Kilometer und ziehen einen Bogen in Richtung Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Da liegen Sie schon richtig", formuliert es ein Bernburger Kommunalpolitiker, der in dem Schlachthof-Projekt recht gut informiert zu sein scheint.

Und dieser Bogen führt auch in das Firmen-Imperium des Niederländers Adriaan Straathof. Hauptsitz der Straathof-Holding ist Gladau bei Genthin, einen Sitz hat sie auch in Ziesar, Brandenburg. Das Unternehmen ist an mehreren Standorten auf Expansionskurs. Laut Eigendarstellung ist die Ferkelzucht der wichtigste Geschäftsbereich.

In der Straathof-Schweineproduktion Brenkenhof in Medow (Vorpommern) sind nach Behördenangaben aktuell knapp 10000 Mastschweineplätze genehmigt. Eine große Schweinezucht-Anlage unterhält Straathof in Alt Tellin (Vorpommern). Nach einem NDR-Bericht vom Dezember 2013 werden dort jährlich etwa 250000 Ferkel produziert.

Wird Straathof der Großlieferant für den in Bernburg geplanten Schlachthof? Voraussetzung dafür wäre eine große Mastschwein-Produktion. Entsprechende Anfragen der Volksstimme ließ das Unternehmen unbeantwortet.

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