Halberstadt l Mehr als 800 Mal hat im vergangenen Jahr in Christine Grubers kleinem Büro das Telefon geklingelt, gut 500 E-Mails hat sie beantwortet, rund 900 persönliche Anfragen erhalten - 2200 Mal konnte sie helfen. Christine Gruber ist Beraterin in der Selbsthilfekontaktstelle Harz in Trägerschaft des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und damit Ansprechpartnerin für Erkrankte, Angehörige, Fachleute und Politiker. Sie ist erste Anlaufstelle im Landkreis Harz, wenn es um Selbsthilfe geht.

Ganz gleich, ob Betroffene eine Gruppe suchen, jemand eine neue Gruppe gründen möchte oder eine bestehende Gruppe Unterstützung benötigt - Christine Gruber kennt Ansprechpartner, vermittelt Kontakte, hat Ideen. "Wir versuchen, alles irgendwie möglich zu machen", sagt die 65-Jährige.

Möglich gemacht hat sie in den zurückliegenden 15 Jahren schon so einiges. "Angefangen habe ich als ABM-Kraft", sagt Christine Gruber. Zu der Zeit hieß die Kontaktstelle noch Ehrenamtsbörse. "Eigentlich sollte ich nur ein halbes Jahr bleiben." Doch in ganz Sachsen-Anhalt entstanden damals Selbsthilfekontaktstellen, auch in Halberstadt. "Über Fortbildungen und Treffen zum Erfahrungsaustausch wurde ich dafür geschult", sagt Christine Gruber.

"Selbsthilfe ist nicht nur Kaffeeklatsch, sondern ernstzunehmende Hilfe." - Christine Gruber, Beraterin in der Kontaktstelle Harz

Einen großen Teil der Arbeit macht die Aufklärung über Selbsthilfe aus, vor Betroffenen wie vor Fachleuten. Damals sei sie sehr vorsichtig beispielsweise an Krankenhäuser und Politiker herangetreten. "Wir waren ja `nur` die von der Selbsthilfe", sagt Christine Gruber. Der Ruf der Gruppen habe sich jedoch grundlegend geändert, so Christine Gruber. "Selbsthilfe ist eben nicht nur Kaffeeklatsch, sondern ernstzunehmende Hilfe."

Aufgabe der Kontaktstellen ist es, eine Brücke zu schlagen zwischen Betroffenen, den Gruppen und der Verwaltung. Etliche Gruppen nehmen an Fachveranstaltungen und Gesundheitsmessen teil, besuchen Krankenhäuser, um auf sich und ihre Arbeit aufmerksam zu machen.

Krankenkasse zahl 62 Cent für jeden Versicherten

Krankenkassen haben den Wert der Selbsthilfe schon früh erkannt. "Die Selbsthilfeförderung ist bereits seit 1989 im Sozialgesetzbuch verankert", sagt Michaela Gottfried vom Verband der Ersatzkassen. "Die gesetzliche Regelung hat sich jedoch von einer Ermessensleistung in eine verbindliche Pflichtaufgabe aller gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen verändert." Die Höhe der Fördermittel werde jährlich neu errechnet. Im Jahr 2006 waren 55 Cent für jeden Versicherten vorgesehen, in diesem Jahr sind es 62 Cent. "In diesem Jahr stehen der Selbsthilfe damit Fördermittel von rund 43 Millionen Euro zur Verfügung", sagt Michaela Gottfried.

Christine Gruber spricht jetzt selbstbewusst über ihre Arbeit. "Mittlerweile habe ich den Wert der Selbsthilfe erkannt." Vieles hat sich die gelernte Kindergärtnerin selbst angeeignet und aufgebaut. "Dabei sind immer wieder Kreativität und Organisationstalent gefragt", sagt sie. Sei es, wenn sie Gruppen bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt und Flyer für das nächste Treffen entwickelt. Oder, wenn sie sich mit den Gruppenleitern durch den bürokratischen Dschungel kämpft, um Fördermittel zu beantragen. Oder aber, wenn sie alle drei Monate ein Treffen aller Gruppensprecher organisiert und Vorschläge für Gruppennachmittage erarbeitet, bei denen nicht immer die Krankheit im Vordergrund stehen soll.

Rund 1300 Selbsthilfegruppe in Sachsen-Anhalt

Zurzeit werde besonders häufig nach Gruppen zu psychischen und Krebserkrankungen gefragt, sowohl von Erkrankten als auch von Angehörigen. "Außerdem steigt die Nachfrage nach Angehörigengruppen Demenzerkrankter", sagt Christine Gruber.

Immer häufiger werden zudem Anfragen zu seltenen Krankheiten. "Als ich vor einiger Zeit einen Anruf zum Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der ruhelosen Beine) erhalten habe, hatte ich noch nie zuvor davon gehört", sagt Christine Gruber. Kurzfristig hat sie ein Treffen einer Leipziger Gruppe mit Interessierten aus der Region organisiert. "Daraus sind schließlich zwei Gruppen entstanden, weil die Nachfrage so groß war."

Etwa 1300 Selbsthilfegruppen gibt es bereits im Land von A wie Adipositas bis Z wie zwanghaftes Verhalten. Neue Gruppen können sich jederzeit gründen. "Der Vorteil der Selbsthilfe ist, dass sie freiwillig ist", sagt Christine Gruber. Einzige Auflage: Der Gruppenleiter sollte von der entsprechenden Krankheit betroffen sein. Die Kontaktstellen vermitteln Betroffene und Angehörige dann krankheits- und trägerübergreifend in eine passende Gruppe.

Von der Betroffenen zur Helferin

Nach 15 Jahren gibt Christine Gruber ihren Arbeitsplatz jetzt an Angelika Keddy ab. Nicht etwa, weil sie nicht mehr möchte. Die 65-Jährige geht in Rente. "Mit lachendem und weinendem Auge", sagt sie. Die Arbeit sei ihr ans Herz gewachsen.

Christine Gruber und Angelika Keddy kennen sich bereits seit Jahren. Denn die 46-Jährige hat vor sechs Jahren selbst in der Kontaktstelle angerufen und um Rat gebeten. Sie hatte Schilddrüsenkrebs. Und zwei kleine Kinder. "Als ich die Gruppe gegründet habe, war ich schon über`n Berg", sagt Angelika Keddy. "Meine Erfahrungen wollte ich mit Betroffenen in einer ähnlichen Situation teilen." Berufstätige junge Menschen mit Kindern, die mit der Diagnose Krebs konfrontiert sind.

"Das Leben mit einer chronischen Erkrankung kann kein Arzt erklären." - Angelika Keddy, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Krebserkrankte und neue Ansprechpartnerin in der Selbsthilfekontaktstelle Harz

Wie zum Beispiel lernt man, mit dieser Diagnose den Alltag zu bewältigen? "Das kann einem kein Arzt erklären, das können nur Betroffene", sagt Angelika Keddy. Betroffene hörten zudem viel besser zu, könnten viel besser verstehen. "Ohne, dass man viel erklären muss."

Viel erklären müssen die Ratsuchenden auch in Zukunft nicht, wenn sie sich bei der neuen Beraterin der Kontaktstelle im Harz melden. "Es ist wichtig, jeden dort abzuholen, wo er ist und wie er ist", sagt Angelika Keddy. Die Betroffenen sollten sofort das Gefühl haben, aufgefangen zu werden. "Denn selten ruft jemand ein zweites Mal an, wenn er sich einmal dazu durchgerungen hat." Der Schulabschluss spiele dabei keinerlei Rolle. "Denn Empathie kann man nicht lernen", sagt Angelika Keddy.