Zur Person

Hellmuth Karasek wurde am 4. Januar 1934 in Brünn (heute Tschechien) geboren. Im Zweiten Weltkrieg wurde seine Familie vertrieben.

Sein Abitur machte Karasek in Bernburg, 1952 flüchtete er nach Westdeutschland.

Einen Namen machte sich Karasek vor allem als Kulturjournalist für die Wochenzeitung "Die Zeit" und das Magazin "Der Spiegel".

Von 1988 bis 2001 war er an der Seite von Marcel Reich-Ranicki Gastgeber der Literatursendung "Das Literarische Quartett".

Seit 2001 ist er Kolumnist verschiedener Zeitungen und Autor. Zuletzt erschienen von Hellmuth Karasek die Bücher "Soll das ein Witz sein? Humor ist wenn man trotzdem lacht", "Auf Reisen. Wie ich mir Deutschland erlesen habe" und "Frauen sind auch nur Männer".

Karasek ist verheiratet mit der Journalistin Armgard Seegers und hat vier erwachsene Kinder.

Volksstimme: Herr Karasek, darf ich Ihnen einen Witz erzählen?

Hellmuth Karasek: Bitte.

Volksstimme: Treffen sich zwei Rosinen. Sagt die eine: "Sag mal, warum hast du denn einen Helm auf? Sagt die andere: Na, weil ich noch in den Stollen muss."

Karasek: Wunderbar. Den Witz kannte ich schon, der ist aber sehr gut. In diesem Witz geht es ja um sprachliche Doppeldeutigkeit. Der Stollen als Bergwerk und der Stollen als Gebäck.

Volksstimme: Sind diese Sprachwitze etwas, über das Sie lachen können?

Karasek: Ja. Ich habe neulich auch einen Guten gehört: "Kommt ein Einarmiger in einen Secondhand-Geschäft".

Volksstimme: Der ist auch gut! Ich habe mir aber schon gedacht, dass Sie meinen Witz kennen, weil Sie ja Witzesammler sind. Wie kann man sich das vorstellen: Witzesammeln?

Karasek: Ich kann Ihnen erklären, wie so ein Witz entsteht. In diesem Jahr ist Bayern München so früh deutscher Meister geworden, wie noch nie zuvor. Vor drei Jahren aber haben sie alle Finalspiele verloren. Unter anderem, weil ein Spieler namens Arjen Robben das Tor nicht traf. Damals entstand folgender Witz: "Ein Mann wird zum Tode verurteilt. Der Richter sagt zu ihm: `Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte ist: Sie werden morgen früh erschossen. Die gute ist: Arjen Robben schießt." Bei diesem Witz ist gar nicht wichtig, dass er falsche Voraussetzungen hat. Es gibt keine Todesstrafe in Deutschland.

Volksstimme: Dem Herrn Robben dürfte der Witz nicht gefallen haben.

Karasek: Naja, der Betroffene des Witzes ist natürlich nicht sehr froh. Aber die Folgen damals der verpassten Tore waren ja die von einem kleinen Krieg. Es ging um Millionen. Jetzt, als Hoeneß verurteilt wurde, ist ein neuer Witz entstanden: "Der Runde muss ins Eckige." Der kugelige Hoeneß also muss in die Gefängniszelle.

Volksstimme: Und diese Witze können Sie sich alle merken?

Karasek: Über die, die ich mir merken kann, freue ich mich. Aber die meisten muss ich notieren. Ich habe sogar Karteikarten für Witze, wo ich sie nach Kategorien ordne. Zum Beispiel den Chef-Angestellten-Witz: "Fragt der Finanzamts-Vorsteher seinen Mitarbeiter: `Leiden Sie auch so unter Blähungen?` `Nur unter Ihren`." Von dort kann man jetzt weitergehen zu den Blähungen. "Steigt ein Mann in den Fahrstuhl ein. Plötzlich fragt er seinen Mitfahrer: `Haben Sie gerade einen fahren lassen?` `Natürlich oder glauben Sie, ich stinke immer so`." Witze haben immer eine befreiende Funktion aus peinlichen Situationen.

Volksstimme: Sie sind vor einigen Wochen 80 geworden. Gibt es heute Dinge, über die Sie nicht mehr lachen können?

Karasek: (zögert) Ja, manche Sachen verändern sich. Manche Witze sind irgendwann einfach nicht mehr gültig.

Volksstimme: Können Sie denn noch über das Älterwerden lachen?

Karasek: Am meisten! Das Älterwerden ist eine der trostlosesten Erfahrungen, die man machen muss. Man erträgt es auch nur deshalb, weil es keine Alternative gibt. Und weil es so traurig ist, gibt es unzählige Witze über das Älterwerden. Den hier zum Beispiel: "Ein Mann in meinem Alter kommt zum Arzt und sagt: `Herr Doktor, ich habe nach dem Sex immer so ein Pfeifen im Ohr.` Da sagt der Arzt: `Was haben Sie in Ihrem Alter erwartet: Standing Ovations?`" Oder den: "Bei einem älteren Ehepaar sagt der Mann zu seiner Frau: `Du, wollen wir nicht mal wieder miteinander schlafen?` Da sagt die Frau: `Einverstanden, aber du musst wissen, dass ich es im Rücken habe.` `Gut, dass du das sagst, ich hätte an der alten Stelle gesucht.`" Alles traurigste Alterswitze.

Volksstimme: Da stellt sich ja die alte Frage: Darf man über alles Witze machen?

Karasek: Man darf über alles lachen, über das man lachen kann. Witze drücken eben oft Dinge aus, die tabuisiert sind, die aber sofort jeder versteht.

Volksstimme: In Ihrem Buch "Soll das ein Witz sein?" schreiben Sie: "Wir brauchen das Lachen, um die Welt aushalten zu können." Ist Humor gerade in schlechten Zeiten wichtig?

Karasek: Na klar. In politisch besonders schweren Zeiten gedeihen die Witze besonders gut. Ich habe aus DDR-Zeiten einen wunderbaren Walter-Ulbricht-Witz: "Lotte Ulbricht hat Geburtstag und Walter fragt Sie: `Du Lotte, was wünscht du dir denn zum Geburtstag?` `Ach Walterchen`, antwortet sie` könntest du nicht für einen Tag die Mauer aufmachen?` `Willst du denn etwa alleine feiern?`"

Volksstimme: Sie berichten in Ihrem Buch auch über Witze, die sich Juden im KZ erzählt haben. Man würde denken, das seien die letzten Orte, an denen man an Witze denkt.

Karasek: Ja, aber ich glaube, gerade da entsteht der Witz. In der Verzweiflung. Der Witz ist das letzte Mittel, um sich gegen die schrecklichen Unterdrücker zu erheben. Lachen, damit man nicht weinen muss. Lachen, damit man sich gegen das Elend solidarisiert. Daraus entsteht so etwas wie eine Verschwörung des Witzes.

Volksstimme: Sie wurden 1934 geboren. Auch nicht unbedingt eine Zeit, die man sich besonders fröhlich vorstellt.

Karasek: Nein, das war es nicht. Als ich in Bernburg auf das Gymnasium gegangen bin, regierte Stalin. Und Stalin-Witze endeten in Bautzen, wenn man Pech hatte. Witze waren also etwas sehr Gefährliches. Die Jungs aus meiner Klasse haben sich nie in Kneipen begeben, um dort zu trinken. Weil wir Angst hatten, dass wir dann Witze erzählen. Es war wirklich so, dass wir sagten, darauf wollen wir es nicht ankommen lassen. Wir haben uns die Witze dann zu Hause erzählt.

Volksstimme: Wie empfanden Sie das Leben als junger Mann in der jungen DDR?

Karasek: Ich empfand es so, dass ich 1952 über Berlin in den Westen geflohen bin. Meine Familie und ich hatte schon 1945 versucht, vor der Roten Armee zu den Amerikanern zu flüchten. Das ist uns nicht gelungen. Wir wollten damals in den Westen, weil es dort mehr zu essen gab. Orangen, Südfrüchte, Zigaretten. Es gab ja nach der Währungsreform auch ein wirtschaftliches Gefälle. Aus meiner Klasse, das waren so 15, 16 Schüler, ist über die Hälfte in den Westen gegangen. Aus der Parallelklasse hat sich über die Hälfte zur Volkspolizei gemeldet. So unterschiedlich kann es sein, obwohl man sich so nah war.

Volksstimme: Warum sind Sie eigentlich nach Kriegsende dann nach Bernburg gekommen?

Karasek: Wir wurden ausgesiedelt aus Schlesien. Dann hatten wir in Bernburg alte Freunde entdeckt und sind dahin gegangen, weil es dort verhältnismäßig viel zu essen gab. Die Magdeburger Börde hatte ja immer mehr Essen als alles andere.

Volksstimme: Und welche Rolle spielt die Zeit damals rückblickend betrachtet für Ihr Leben?

Karasek: Die Jugend ist ja die Zeit, die immer die größte Rolle im Leben spielt. Die erste Liebe zum Beispiel. Ich hatte mit 17 eine Freundin. Irgendwann bekam ich von ihr einen Brief aus dem Westen. Sie hatte sich nicht getraut, mir davon zu erzählen. Sie musste fürchten, dass ich sie verrate. Und das hätte furchtbare Folgen für sie gehabt. Man muss in allen Diktaturen aufpassen, was man zu wem sagt.

Volksstimme: Gibt es heute noch Verbindungen zu der Region, zu Sachsen-Anhalt?

Karasek: Wenn man 80 wird, dann werden die Beziehungen sehr dünn. Ich war vor kurzem wieder an meiner alten Schule in Bernburg. Und selbst bei den ältesten Lehrern konnte ich sicher sein, dass die mich nicht unterrichtet haben. Ich war dort der Älteste. Da hören die Beziehungen auf.

Volksstimme: Glauben Sie, dass der Magdeburger jetzt, 25 Jahre nach dem Mauerfall, über dieselben Dinge lacht, wie der Hamburger oder der Stuttgarter?

Karasek: Weitgehend schon. Im Osten zum Beispiel spielt aber das Sächsische eine große Rolle. Auch weil viele DDR-Funktionäre aus Sachsen kamen. Honecker kam zwar aus dem Saarland, klang aber so als käme er aus Sachsen. Deutschland hat den Vorteil, dass es aus Regionen besteht und zwischen diesen Regionen bestehen Spannungen. Und überall da, wo es Spannungen gibt, hat der Witz seinen Platz.

Volksstimme: Wie lustig finden Sie eigentlich den Slogan "Sachsen-Anhalt. Wir stehen früher auf"?

Karasek: (lacht) Ich stehe noch früher auf. Ich habe nämlich senile Bettflucht.

Volksstimme: Ich hoffe das war ein Witz!

Karasek: Ja.

Am Montag ab 19 Uhr liest Hellmuth Karasek in der Festung Mark in Magdeburg.

 

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