Magdeburg l Die beiden Polizisten Frank Rößner und Marco Zielke kennen den täglichen Wahnsinn auf der Autobahn 2, der A14 und den oft mehrspurigen Bundesstraßen. Geschwindigkeiten jenseits der 200 Stundenkilometer sind dort keine Seltenheit. "Und das bei einem Abstand von manchmal nur 15 Metern und weniger. Da reicht nichtmal das Aufblitzen des Rücklichts, bis es schon kracht", sagt Frank Rößner.

Er muss seinen Videowagen mit der 3-Liter-Maschine (270 PS) selbst ordentlich auf Touren bringen, wenn er bei den Geschwindigkeiten mithalten will. Die Messgeräte an Bord sind geeicht. Bei jedem Reifenwechsel muss alles neu justiert werden, selbst das Gewicht der Insassen ist genau einkalkuliert. Gäste an Bord während der Messungen sind deshalb nicht erlaubt.

Das Fahrzeug verfügt über jeweils eine hochauflösende kleine Kamera im Frontbereich und am Heckfenster.

"Wir fahren aber nicht auf Teufel komm raus hinterher, weil wir alle heile heimkehren wollen." - Marco Zielke, Messbeamter

Die Beamten rollen unauffällig im Verkehr mit und warten auf die vorbeipfeifenden "Pfeile" auf der Überholspur, um sich zum Messen der Geschwindigkeit dahinter zu setzen. "Kleine Fische interessieren uns dabei aber nicht, wir wollen die wirklich großen", sagt Rößner, der am Steuer sitzt.

Beide Beamte haben eine Spezialausbildung, jährliche Schulungen mit Fahrsicherheitstraining. Das Tempo der Verfolgungsfahrten ist nicht selten extrem hoch. "Wir fahren aber nicht auf Teufel komm raus hinterher, weil wir alle heile heimkehren wollen. Wenn es keinen Sinn macht, bleiben wir lieber zurück. Der Funk ist dann schneller als der Raser, der dann später irgendwo geschnappt werden kann", sagt Marco Zielke.

Tempofander fischen nur krasse Fälle raus

Die Beamten benötigen einen Verdacht, wenn sie die Videoüberwachung einschalten wollen. "Einfach so verfolgen wir niemanden. Wir achten auch darauf, dass sich niemand bedrängt fühlt", so Rößner. Die Polizisten erwischen an einem Tag mal nur drei und anderen Tagen elf bis zwölf Raser. Anders als beim Blitzen am Straßenrand, fischen sich die Männer nur die krassen Fälle raus.

Drei Teams sind im mittleren und nördlichen Sachsen-Anhalt unterwegs. Eines ist im Harz, eins in der Altmark und der andere Wagen auf der A2 stationiert.

600 Euro Bußgeld für 188 km/h

Die Altmärker melden einen Treffer auf der B189. Zwischen Seehausen und Osterburg zeigt das digitale Messwerk bei dem ProVida-Fahrzeug 188 km/h. Nach Abzug der Toleranz werfen die Beamten dem Fahrer einen Wert von 179 km/h vor. Bei Geschwindigkeiten bis Tempo 100 sind 5 km/h abzuziehen. Oberhalb erfolgt ein Abzug von 5 Prozent der gemessenen Geschwindigkeit. Der Fahrer muss nun mit drei Monaten Fahrverbot, 600 Euro Bußgeld und vier Punkten in Flensburg rechnen. Falls er schon früher einmal erwischt worden ist, kann sich die Auszeit am Steuer aber schnell auf ein halbes Jahr verlängern.

Auf Sachsen-Anhalts Autobahnen gelten zum großen Teil keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Richtgeschwindigkeit ist auf Tempo 130 festgelegt.

"Selbst bei Nebel interpretieren einige Autofahrer die elektronische Anzeige als Vorschlag." - Frank Rößner, Messbeamter

Bei schlechter Sicht oder Staus geben die Leiteinrichtungen aber die erlaubten Geschwindigkeiten vor. "Nur leider halten sich die wenigsten daran. Selbst bei Nebel interpretieren einige die elektronische Anzeige offenbar als Vorschlag", meint der Polizist. Dabei sind die Verkehrzeichen an der Brücke genauso bindend wie die Schilder aus Blech am Straßenrand.

Die Polizisten haben erst vor einigen Wochen einen 42-jährigen BMW-Fahrer auf der A2 bei Sichtweiten unter 100 Meter mit einer Geschwindigkeit von 164 km/h gemessen. 84 km/h über dem zu diesem Zeitpunkt erlaubten Tempo. Der Mann im feinen Anzug nahm zunächst kommentarlos das Video mit den aufgezeichneten rund 500 Metern zur Kenntnis. Seine Begründung: "Ich muss dringend zu einem Termin." Doch die Beamten lassen sich nicht beirren. "Ich kann nicht verstehen, dass sich Autofahrer auf solche Blindflüge bei Nebel einlassen", sagt Rößner. Am Ende haben, so die Beamten, dann alle doch die nötige Zeit.

Die meisten zeigen sich sogar einsichtig, andere wiederum brechen in Tränen aus. Die Polizisten können dennoch keine Ausnahmen machen. "Ein Autofahrer sagte uns erst vor einigen Tagen sogar, dass er den Dämpfer gebraucht habe", sagt sein Kollege Zielke.

Sachsen-Anhalt verfügt über acht Tempo-Spezialfahrzeuge

Das sofortige Stoppen der Raser sei eine besonders effektive Verkehrserziehung, anders als die Post von der Bußgeldstelle Monate später von einem Blitzgerät irgendwo am Straßenrand. "Wir können mit den Menschen direkt nach der Überschreitung reden, das macht eine Menge aus", so der Beamte.

Auf den beiden Autobahnen 2 und 14 sowie der B6n stieg die Zahl der Unfälle von 2053 auf 2279 im vergangenen Jahr. Dabei waren jeder zweite zu hoher Geschwindigkeit und fehlendem Abstand geschuldet. Die Zahl der Schwerverletzten stieg in dem Zeitraum von 96 auf 109. Im vergangenen Jahr starben allein auf diesen drei Abschnitten zwölf Menschen, im Vorjahr waren es neun.

Seit 1995 verfügt das Land über die acht speziellen ProVida-Fahrzeuge. Eine Erweiterung der Flotte ist künftig aber nicht eingeplant. Stefan Brodtrück vom Innenministerium: "Bei Erreichen der Wirtschaftlichkeitsgrenze werden die Geräte aber ausgetauscht und bleiben so auf einem modernen Stand."

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