Anne Lequy

Ihr Studium hat sie in Frankreich absolviert, ihre dann folgende akademische Karriere in Deutschland: Anne Lequy ist eine wissenschaftliche Grenzgängerin. Ihre Dissertation hat sie in zwei Fassungen vorgelegt: auf Französisch in Metz, auf Deutsch in Leipzig. In beiden Ländern führt sie seither den Doktorgrad. An den Unis Jena und Duisburg-Essen arbeitete sie als Lektorin, 2006 kam Lequy als Professorin für Fachübersetzen an die Hochschule Magdeburg-Stendal. 2010 wurde sie Prorektorin für Studium und Lehre. Am Mittwoch wird sie in ihr neues Amt als Rektorin eingeführt. Die Festrede hält Angela Kolb (SPD), Ministerin für Justiz und Gleichstellung.

Magdeburg l Über Ostern hat Anne Lequy schöne Tage im Spreewald verbracht, es gab Störche und viel Wasser und im Wasser schwamm dieses ... "Wie heißt die grüne Grütze?", fragt die neue Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Ah, Entengrütze".

Manchmal, sehr selten, sucht auch sie noch nach dem richtigen deutschen Wort. Ansonsten beherrscht sie die Sprache natürlich perfekt, Wortschatz, Grammatik, Aussprache, mit schwachem französischem Akzent als Dreingabe. Kein Wunder: Sie lebt seit 20 Jahren in Deutschland und ist auch noch Professorin für Fachübersetzen, also für das Übertragen französischer Gebrauchstexte ins Deutsche.

Erste Frau unter Sachsen-Anhalts Hochschulchefs

Vor zwei Wochen ist die 43-Jährige auf dem Campus am Elbauenpark aus ihrem Büro in ein anderes umgezogen. Die Kisten mussten nur kurz über den Flur und dennoch ist es ein großer Wechsel. Lequy ist dem langjährigen Rektor Andreas Geiger gefolgt und nun die erste Frau unter Sachsen-Anhalts Hochschulchefs.

Und sie ist die erste Nicht-Deutsche. Sie hätte den Pass mit dem Bundesadler haben können. "Aber dann hätte ich den französischen abgeben müssen, und ich sehe für mich keine Nachteile, so wie es ist", sagt Lequy in ihrem neuen Dienstzimmer. Die Wände sind noch kahl, nur in der Grünpflanze hängt ein bunt angemalter Clown aus Pappe, ein Geschenk ihrer achtjährigen Tochter Emma.

Seit 2006 wohnt Lequy mit ihrem Mann und zwei Kindern in Magdeburg. Sowohl Emma als auch der zehnjährige Théo werden zweisprachig erzogen: Der aus Brandenburg stammende Vater spricht Deutsch, die Mutter ausschließlich Französisch - auch wenn die Kinder meist auf Deutsch antworten. Um die Bindung ans Französische zu stärken, verbringt Théo gerade ein Jahr bei der Großmutter im lothringischen Metz, nach den Sommerferien kehrt er nach Magdeburg ans Siemens-Gymnasium zurück.

Leipzig Anfang der 1990er: "Das war Geschichte zum Zuschauen."

Dass Lequy heute Hochschulrektorin in Deutschland ist, folgt keinem Plan. In der Schule hatte sie sich für Deutsch als erste Fremdsprache entschieden, nicht für Englisch. "Meine Familie war ein bisschen antiamerikanisch, das hat bestimmt eine Rolle gespielt." Nach dem Studium der

Auslandsgermanistik wechselt sie in den 1990er Jahren mit einem Promotionsstipendium nach Leipzig. "In der Zeit wurde fast der gesamte Lehrkörper ausgewechselt. Das war Geschichte zum Zuschauen."

Die Doktorandin schreibt ihre Arbeit über schreibende Frauen. DDR-Autorinnen der 1970er und 1980er Jahre sind das Thema, aus deren Texten lernt sie viel über das Leben in diesem untergegangenen Staat DDR. Erlebt hat Lequy ihn nicht, es gibt nur wenige Erinnerungen an unfreundliche Grenzbeamte bei einem Tagesausflug nach Ost-Berlin im Jahr 1988.

Hochschulgestaltung als Wissenschaft

Als Feministin ist Lequy fasziniert von der Rolle der Frau in der DDR. "Verhütung, neues Scheidungsrecht, Berufstätigkeit - das kam alles früher als in Westdeutschland oder Frankreich." Allerdings, schränkt sie ein: Eine nachhaltige Emanzipation war das nicht, weil die Arbeit in Haushalt und Familie dennoch an den Frauen hängenblieb.

Für wissenschaftliche Arbeit wird in den kommenden vier Jahren kaum Zeit bleiben. "Aber auch Hochschulgestaltung ist ja ein Stück Wissenschaft", tröstet sich die Rektorin. Sie will den Ausgleich schaffen zwischen den Interessen der Professoren und dem Interesse des Ganzen. Die Hochschule wird internationaler werden, kündigt sie an. Dass es Kontakte bislang eher in spanischsprachige Länder gibt als nach Frankreich, stört die Französin nicht. Immerhin, an der Mensa hängt bereits die Trikolore - zusammen mit vielen weiteren Flaggen.