Wernigerode l "Erschüttert" seien die Wernigeröder nach dem Rathausfest 1968 gewesen, sagt Ileane Höer. Damals, so erinnert sie sich, war zwischen einer Blaskapelle und dem Kinder-Unterhalter "Taddeus Punkt" eine Rockband aufgetreten, die offenbar gar nicht den Geschmack der Wernigeröder traf. Anders erging es der damals 15-jährigen Ileane Höer: Für sie war der Aufritt der Band der Höhepunkt des Festes. Das Besondere an den Rockern war deren Herkunft - sie waren aus dem italienischen Carpi, der Stadt, mit der Wernigerode vier Jahre zuvor eine Partnerschaft abgeschlossen hatte.

Die Volksstimme berichtete damals über das Rathausfest, verlor dabei aber kein Wort über die Rockband. Die Städtepartnerschaft blieb jedoch bestehen, genauso wie die Faszination Ileane Höers für Italien.

Oft seien damals Italiener in Wernigerode zu Besuch gewesen, berichtet die Frau, die heute in Reddeber lebt. "Wir haben sie `die Bunten` genannt. Sie trugen nicht die graue Kleidung, die man in der DDR sonst sah". Umgekehrte Besuche von Wernigerödern in Carpi waren hingegen "Reisekadern" vorbehalten.

Den normalen Bürgern blieb die Brieffreundschaft. Auch Ileane Höer schrieb regelmäßig einer Italienerin. Die Verbindung zu Rosanna Crevatin, die in Carpi ein Modeunternehmen führt, besteht bis heute.

Als nach der Grenzöffnung 1989 Reisen ins Ausland möglich wurden, zögerten Ileane Höer und ihr Mann Peter allerdings. Zwar reisten sie oft nach Italien, um Carpi aber machten sie vorerst einen Bogen.

"Ich hatte etwas Italienisch gelernt. Das hat für die Briefe gereicht, aber sprechen ist noch etwas anderes." - Ileane Höer aus Reddeber

"Ich hatte etwas Italienisch gelernt. Das hat für die Briefe gereicht, aber sprechen ist noch etwas anderes. Deswegen war ich ein bisschen ängstlich. Rosanna spricht ja kein Deutsch", erklärt Ileane Höer im Gespräch mit der Volksstimme ihr Zögern.

Schließlich fuhren die Höers nach Carpi und lernten die langjährige Brieffreundin endlich persönlich kennen. Der Empfang war herzlich, Bedenken bezüglich der Sprache stellten sich schnell als unbegründet heraus. Immer wieder besuchten die Höers in den Folgejahren Carpi und knüpften einige Freundschaften.

2012 hatten Rosanna Crevatin und die anderen Einwohner Carpis ein einschneidendes Erlebnis: Bei einem Erdbeben in Norditalien wurde Wernigerodes Partnerstadt stark in Mitleidenschaft gezogen. Noch lange nach dem Beben hatte ihre Freundin lieber vor ihrem Haus geschlafen, sagt Ileane Höer. "Ich fand es schade, dass Wernigerode nach dem Erdbeben überhaupt nichts unternommen hat", sagt Peter Höer.

Kulturdezernent Andreas Heinrich erklärt gegenüber der Volkstimme, dass Familie Höer damit einem Irrtum erlegen ist. "Wir haben damals Hilfe angeboten, aber leider gab es keine Reaktion aus Carpi", so Heinrich. Die Partnerschaft mit den Italienern war Heinrich zufolge eingeschlafen.

"Wernigerode möchte die Verbindung gern reaktivieren", sagt er. So sei eine Einladung zum Sachsen-Anhalt-Tag ins Rathaus von Carpi gesandt worden. "Eine Rückmeldung ist aber bisher nicht in Wernigerode eingetroffen."

Der letzte Besuch des Bürgermeisters von Carpi in Wernigerode liegt bereits zehn Jahre zurück. Anlass war die 775-Jahr-Feier 2004. 2013 unternahm der Wernigeröder Peter Osten auf einer Italien-Reise einen Abstecher nach Carpi und traf dort Bürgermeister Enrico Campedelli. Dieser ließ die besten Wünsche an seinen Wernigeröder Kollegen Peter Gaffert (parteilos) übermitteln und gab Osten einen Bildband über Carpi mit auf den Weg (Volksstimme berichtete). Seitdem hat sich in Sachen Städtepartnerschaft nichts mehr getan. Auch eine Anfrage der Volksstimme an die Stadtverwaltung von Carpi, ob es Pläne gebe, die Partnerschaft wiederzubeleben, blieb bislang unbeantwortet.

Dass die Verbindung zwischen Carpi und Wernigerode eingeschlafen ist, findet Ileane Höer sehr schade. "Ich würde gern daran mitarbeiten, dass sie wieder auflebt", sagt sie und würde sich sehr freuen, wenn sich noch weitere Wernigeröder für die Wiederbelebung der Verbindung engagieren.

 

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