Magdeburg l Als Gerhard Zeip am vergangenen Freitag die Volksstimme aufschlägt, glaubt er seinen Augen nicht zu trauen: In einer Meldung wird über einen Mordverdacht in seinem Heimatort Rudnik, heute Tschechien, berichtet. Es geht um eine Erschießung aus dem Juni 1945. Vor dem 79-Jährigen tauchen die Bilder der Erinnerung auf: Er ist ganz sicher, es kann nur die schreckliche Tat sein, die er als Zehnjähriger miterlebt hat.

Zeip meldet sich in der Redaktion und schildert, was sich in jenen Tagen in Hermannseifen, wie der ehemals von Sudetendeutschen bewohnte Ort hieß, zutrug. "Unser Dorf hatte etwa 700 bis 800 Einwohner - alles Deutsche, bis auf eine tschechische Familie. Zwei oder drei Tage nach Kriegsende kamen "die Russen". Sie seien aber nur durchmarschiert.

Einwohner mussten an Erschießung teilnehmen

Ihnen folgten Tschechen, die die Verwaltung übernahmen. Bald danach hätten die deutschen Einwohner im Zuge der Vertreibung ihre Koffer packen müssen. In drei Etappen seien sie deportiert worden. "Meine Familie, Vater, Mutter, zwei Geschwister und ich waren im dritten und letzten Durchgang."

Über den Juni-Tag der Erschießung berichtet Zeip, dass alle verbliebenen Einwohner unter Androhung von Strafe daran teilnehmen mussten. Auf dem Platz hinter der Turnhalle sei die Exekution vollzogen worden. Zeip: "Erschossen wurden fünf Menschen: Der Metzger und Gastwirt Pohl und seine ältester Sohn, der Frisör Stranski, der Gastwirt Gall und Herr Stuchlik, der mit seiner großen Familie im Armenhaus lebte."

An die Vornamen kann sich der Magdeburger Rentner nicht mehr erinnern. Dass er jedoch die Nachnamen so gut im Kopf habe, liege am Vater: "Er war Postbeamter und hat die Briefe ausgetragen. Ich habe in öfter begleitet und wusste daher genau, wer wo im Dorf wohnt."

Bei späteren Opfern angeblich Waffen gefunden

Über die Täter kann Zeip, der die Schüsse aus einiger Entfernung hörte, nichts sagen - nur dass es Tschechen waren. Der Hinrichtung waren zwei Hausdurchsuchungsaktionen vorausgegangen. Die erste war ergebnislos, bei der zweiten wurden angeblich Waffen gefunden - bei eben jenen fünf späteren Opfern.

Die Familie Zeip gelangte nach der Vertreibung in die Magdeburger Gegend. Mit seinen Eltern hat Gerhard Zeip bis zu deren Tod nicht mehr über die Geschehnisse von 1945 gesprochen. Es war ein Tabu wie Vertreibungen in der DDR überhaupt.

 

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