Netzwerke und Unternehmensbörsen

440 Unternehmensnachfolgen stehen pro Jahr in Sachsen-Anhalt an. Weil junge Firmenlenker wegen des Fachkräftemangels knapp sind, könnte der Unternehmensbestand bis 2020 um ein Fünftel sinken.

Um dem entgegenzuwirken, bieten die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern seit 2007 das Netzwerk Unternehmensnachfolge an. Das Netzwerk berät und unterstützt Inhaber bei der Suche nach einem Nachfolger.

Darüber hinaus können Inhaber ihren Betrieb bei Firmenbörsen annoncieren. Eine Betriebsbörse bietet die Handwerkskammer Magdeburg an, zudem gibt es die überregionale Börse "nexxt-change", die unter anderem vom Bundeswirtschaftsministerium gegründet wurde.

Magdeburg l "Ich muss hier wohl bis zum bitteren Ende arbeiten", sagt Elke Theuerkauf. Die 67-Jährige sitzt an diesem Vormittag im Büro ihres Autohauses im Osterburger Ortsteil Düsedau. Zusammen mit ihrem Mann und drei Angestellten verkauft Theuerkauf Gebrauchtwagen. Auch eine Werkstatt und eine Waschstraße gehören zum Familienbetrieb. Gerne würde Theuerkauf ihren Ruhestand genießen, doch sie findet niemanden, der ihren Betrieb übernimmt.

Ein Problem, das in den kommenden Jahren viele Inhaber beschäftigen wird. Fast jeder zweite von ihnen ist schon jetzt über 50 Jahre alt, bis 2020 suchen deshalb mehr als 6000 Unternehmen in Sachsen-Anhalt junge Firmenlenker - die wegen des Fachkräftemangels aber rar sind. Und die Zeiten, in denen ein Inhaber sein Geschäft den Kindern vermachte, sind vorüber. Nur noch 42 Prozent der Inhaber streben eine Familien-Lösung an.

"Erst mit dem Firmenverkauf kann ich meine Rente absichern" - Autohaus-Inhaberin Elke Theuerkauf

Elke Theuerkauf würde ihr Autohaus gerne an ihre 46-jährige Tochter Ina übergeben. Die hat aber nicht das Geld, um die Summe aufzubringen, die Elke Theuerkauf für ihren Betrieb haben möchte. "Ina ist zwar meine Tochter, aber die Firma ist meine Altersvorsorge", erläutert Elke Theuerkauf. Über die Jahre hat sie nicht viel für die Rentenkasse beiseitelegen können, ihr stehen 680 Euro monatlich zu. "Erst mit dem Firmenverkauf könnte ich meine Rente absichern", betont sie.

Gemeinsam mit ihrer Tochter hat Elke Theuerkauf deshalb auch schon Banken abgeklappert, um mögliche Kreditfinanzierungen zu vereinbaren. Bislang haben sich die Geldhäuser allerdings immer quergestellt. "Wir haben zwar einen guten Kundenstamm und stehen mit der Firma finanziell solide da, aber die Autobranche ist den Banken zu riskant", sagt Elke Theuerkauf. Den einzigen Ausweg sieht sie deshalb in einem externen Nachfolger, der sich aber noch nicht finden ließ.

"Mein Lebenswerk soll ordentlich weitergeführt werden" - Heizungsinstallateur Günter Ruddies

Günter Ruddies wollte seine Heizungsfirma in Burg auch später mal an seine zwei Söhne übergeben. Doch für den 65-Jährigen ist alles anders gekommen. "Mein einer Sohn lebt mittlerweile in Baden-Württemberg und hat dort einen Handwerksbetrieb, mein anderer Sohn hat sich vor 15 Jahren mit dem Motorrad totgefahren", erzählt Ruddies.

Was nun aus seinem Betrieb wird, ist unklar. Zusammen mit seiner Frau beschäftigt Ruddies noch zwei Mitarbeiter, die Geschäfte laufen rund. Ruddies liebäugelt damit, den Betrieb an "seinen Sascha" zu übergeben. Der 33-Jährige hat bei ihm gelernt und ist für ihn "wie ein Sohn". Doch auf dem Silbertablett will Ruddies seinem Schützling den Betrieb nicht übergeben. "Sascha müsste endlich seinen Meister machen", hadert Ruddies. Dazu habe er sich bislang aber nicht durchringen können.

Viel Geld wolle er im Zweifelsfall für seine Firma gar nicht haben, betont der Inhaber. "Aber es geht um mein Lebenswerk und das soll ordentlich weitergeführt werden." Da Ruddies mit seinem Betrieb vor allem nach der Wende viele Aufträge hatte, konnte er sich über die Jahre eine Altersvorsorge aufbauen. "Als Selbständiger habe ich zwar kaum in die Rentenkasse eingezahlt, so dass ich nur eine monatliche Rente von 645 Euro bekomme, aber ich habe über die Jahre Immobilien erworben, von denen ich leben kann."

Weil sein Sascha als Nachfolger nun aber erst einmal nicht infrage kommt, hat Ruddies seinen Betrieb bei der Firmenbörse der Handwerkskammer Magdeburg annonciert. "Ich bin gespannt, ob sich ein Interessent finden lässt", sagt er. Große Hoffnungen hege er allerdings nicht.

"Die Risikobereitschaft ist bei jungen Leuten geringer ausgeprägt"
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HWK-Geschäftsführer Burghard Grupe

"Einerseits gibt es immer weniger junge, qualifizierte Menschen, andererseits ist wohl auch die Risikobereitschaft gesunken, einen Betrieb zu führen", argumentiert Ruddies. Das beobachtet auch die Handwerkskammer Magdeburg. "Die Risikobereitschaft ist bei jungen Leuten heute deutlich geringer ausgeprägt, viele ziehen eine Anstellung im Büro vor", sagt Geschäftsführer Burghard Grupe. "Wir müssen die Kultur der Selbständigkeit dringend wiederbeleben." Entscheidend sei hierbei, die Chancen zu betonen. "Sachsen-Anhalts Wirtschaft hat sich stabilisiert und ist für die Firmen kein betriebswirtschaftliches Glücksspiel mehr wie kurz nach der Wende."

Neben mangelnder Risikobereitschaft sieht Grupe ebenfalls ein Problem darin, dass möglichen Nachfolgern oftmals das Geld fehlt, um eine Firma zu übernehmen. Denn selbst bei kleinen Betriebsübergaben können schnell Summen von einer halben Million Euro im Raum stehen. Grupe betont jedoch, dass sich Banken einer Kreditfinanzierung nicht verschließen würden, wenn Geschäftszahlen und Erfolgsperspektive stimmen.

"Wichtig ist eben, dass die Inhaber Betriebsübergaben langfristig vorbereiten. Und im Zweifelsfall können Interessenten auch noch Fördergelder über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und über die Bürgschaftsbank erhalten", erläutert Grupe. Nur: "Die meisten Unternehmen kümmern sich eben zu spät."

Bliebe das so, dann würde das Folgen für die Wirtschaft des Landes haben. Nach Angaben der Handwerkskammer Halle-Dessau könnte der Firmenbestand bis 2020 um ein Fünftel sinken. Denn Inhaber, die keine Nachfolger finden, müssten ihre Betriebe im Zweifelsfall schließen.

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten. Christian Feuerstack ist seit März Inhaber der Harzer Baumkuchenbäckerei in Wernigerode. Der 28-jährige Konditormeister war zuvor in Braunschweig angestellt und leitet nun selbst einen Betrieb mit 15 Mitarbeitern. Das Risiko, auf eigenen Füßen zu stehen, habe ihm keine schlaflosen Nächte beschert, auch wenn er einen hohen Kredit aufnehmen musste.

"Ich habe einen schönen Batzen an Krediten abzubezahlen" - Konditormeister Christian Feuerstack

"Ich habe zwar jetzt einen ganz schönen Batzen abzubezahlen, aber ich habe vorher einen Steuerberater und einen Betriebsberater um Rat gefragt", erzählt Feuerstack. Die Perspektive sei einfach reizvoll gewesen, nicht etwa nur Baumkuchen zu backen, sondern auch unternehmerisch tätig zu sein. Die erfolgreiche Firmenübergabe begünstigt haben wohl mehrere Faktoren: Feuerstack hatte sich schon vor Jahren beim damaligen Inhaber Rolf-Dieter Friedrich um einen Job beworben. "Er hatte damals keine Stelle frei, sagte aber zu mir, ich könnte den Laden in ein paar Jahren übernehmen", erzählt Feuerstack. Und weil die beiden in Kontakt geblieben waren, sei es dann auch dazu gekommen.

Friedrich hat seinem Nachfolger die Entscheidung, sich selbständig zu machen, allerdings auch erleichtert, weil er ihm einen finanziell gesunden Betrieb mit Perspektive anbieten konnte. Der Baumkuchen hat in Wernigerode eine Tradition, die bis in das Jahr 1749 zurückreicht und wird heute vor allem von den Touristen, die den Harz besuchen, sehr geschätzt.

 

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