Bartensleben l Flink zupft sich die schöne Magda durch die Erdbeerpflanzen den Folientunnel hinauf. Die Kollegen scherzen mit ihr auf polnisch, weil sie nun für die Presse als Fotomodel herhalten muss. Das bringt Magda aus der Fassung. Sie muss lachen und läuft fast so rot an wie eine reife Erdbeere. Peinlich berührt senkt sie den Kopf und pflückt eifrig weiter.

Die rote Beere kommt mit, die graue muss in den Abfalleimer. Der hängt vorn an der Ernteschale. Die Menge an Ausfallfrüchten hält sich in Grenzen. Magda zupft auch die grauen, mickrigen Erdbeeren gewissenhaft ab. Schließlich bekommt sie den herausgesammelten Abfall nach Gewicht ebenfalls bezahlt.

Etwa 20 polnische Erntehelfer pflücken derzeit mit Magda rechts und links die Folientunnel hinauf. Hier auf dem Feld von Erdbeer-Bauer Klaus-Dieter Gummert in Bartensleben (Bördekreis) werden seit wenigen Tagen die ersten heimischen Erdbeeren der Saison geerntet. Auf 2,5 Hektar Folientunnel-Feldern insgesamt.

Mit einem Kilopreis von fast acht Euro sind diese frühen Beeren im Verkauf noch teuer. Freiland-Erdbeeren werden später um vier Euro das Kilo kosten. Der Aufwand, der zum Anbau der ersten Erdbeeren auf dem Betriebsgelände der Genossenschaft "Agrar Milch" betrieben wird, ist aber auch beträchtlich.

Bauer Gummert hebt im Tunnel einen Strauch an. Die Pflanze ragt aus einer Erdfolie hervor, die wiederum auf einem lang gestreckten Beethügel liegt. Zwischen diesen Hügeln sorgt Stroh für Sauberkeit. "Mit der Erde kommen die Früchte nicht in Kontakt. So können sie sauber abgepflückt werden", erklärt Gummert.

Unter den Folien verlaufen nicht nur Wasserschläuche zur Bewässerung und etwas Düngung, sondern auch ein Schlauch mit Warmwasser zur Beheizung. Das 32 Grad warme Wasser in diesen Schläuchen wird aus der benachbarten Biogasanlage der Genossenschaft herangepumpt - bis zum Mittelpunkt zwischen vier Feldern. Von dort aus werden die Hauptrohre für das Warmwassernetz jedes Jahr neu vergraben. Denn die Folientunnel-Anlage wechselt jährlich das Feld. Es gibt ein Erntefeld, ein Anpflanzfeld, ein Weizenfeld als Zwischenfrucht und ein Studentenblumenfeld als Zwischenbepflanzung zur Schädlingsdezimierung.

Geschmackskick aus dem Bördeboden

Seit sechs Jahren baut der Erdbeer-Bauer frühe Beeren in Folientunneln an. Betrieben wird dieser Aufwand für eine speziell für schwere Böden zur frühen Anpflanzung in den Niederlanden entwickelte Neuzüchtung mit dem Namen "Flair". Eine helle, säurehaltige, sehr fruchtige Erdbeere - wirklich extrem wohlschmeckend, wie der Reporter nach wiederholter Verkostung im Zuge dieser Recherche bestätigen kann. Gummert glaubt auch noch, die beste aller "Flair" zu ernten. "Und das sage nicht nur ich." Der niederländische Züchter organisiere jährlich ein "Flair"-Treffen, zu dem etwa 50 Bauern aus ganz Deutschland nach Hannover kommen. "Bei den Verkostungen wird meine Erdbeere auch von den Kollegen als die beste eingeschätzt." Gummert ist überzeugt, dass der sehr gute Bördeboden seiner Erdbeere den letzten Kick gibt. Die "Flair" ist so etwas wie der Mercedes-Benz unter den Gummertschen Früchten. Insgesamt verarbeitet sein Betrieb elf verschiedene Sorten.

Mit sieben Hektar Selbstpfückerplantagen ging es bei Gummerts 1992 los. Heute bewirtschaftet Sachsen-Anhalts größter Erdbeerproduzent 60 Hektar Folien- und Freilandfelder und Selbstpflückerplantagen. Die Felder sind weit verteilt in der Börde, bei Magdeburg, aber auch in Helmstedt, Königslutter und Wolfsburg. Zwischen 35 bis 37 Hektar befinden sich alljährlich in der Ernte. Den Jahresertrag an Erdbeeren gibt Gummert mit rund 14 Tonnen an. Verkauft werden neben Erdbeeren auch Konfitüre und Erdbeer-Wein. Zu Umsatz und Gewinn befragt, schweigt der "Erdbeer-Baron" vornehm lächelnd.

Sein bäuerlicher Familienbetrieb - dazu gehören auch Ehefrau Kornelia und Sohn Dieter - ist in Bezug auf den Erdbeer-Anbau auf 60 Hektar in Sachsen-Anhalt die große Ausnahme. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurden 2013 in Sachsen-Anhalt Erdbeeren auf einer Gesamtfläche von 151 Hektar angebaut. Diese Größe schwankte in den vergangenen Jahren nur wenig. Auf 3,6 Hektar standen 2013 die Früchte unter Glas oder in Folientunneln.

Stetig gestiegen ist der durchschnittliche Ertrag pro Hektar in Fünf-Jahres-Vergleichen. Der betrug zwischen 1997 und 2002 67,4 Dezitonnen pro Hektar. Er steigerte sich bis zum Zeitraum 2007 bis 2012 auf 91,4 Dezitonnen pro Hektar. Die Produktionsverfahren sind immer effektiver geworden.

Wolfgang Zahn, Projektleiter bei der Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt, weiß von 18 gewerbsmäßig organisierten Erdbeer-Bauern in Sachsen-Anhalt. "Das sind Betriebe mit drei bis fünf Selbstpflückerplantagen. Aber es gibt auch viele Bauern, die einen halben Hektar mit Erdbeeren bepflanzen, ein Schild an den Straßenrand stellen und dies bei ihrer Kommune anmelden. Die tauchen in keiner Landesstatistik auf." Weniger Erdbeer-Bauern gebe es in der Harzregion. Ansonsten seien Erdbeerplantagen im Land gleichmäßig verteilt.

Warum ist der Anbau von Erdbeeren im großen Stil in Sachsen-Anhalt so wenig verbreitet? Klaus-Dieter Gummert weiß darauf schnell eine Antwort: "Weil der zu erzielende Gewinn bei Verkauf der Ernte an Großhändler in keinem gewinnbringenden Verhältnis zu Aufwand und Kosten der Erbeerproduktion steht." Maschinen kommen auf Erdbeerplantagen kaum zum Einsatz. Und Handarbeit ist teuer. In seinem Unternehmen werden die Beeren zu 90 Prozent über eigene Verkaufsstände verkauft. "Das hat sich bei uns langsam entwickelt. Für Neueinsteiger wäre es schwierig, eine solche Vermarktung aufzubauen."

Gummert ließ 1996 in Polen einen eigenen Verkaufsstand in Form einer Erdbeere kreieren und bauen. In der Hauptsaison werden in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen Gummertsche Erdbeeren inzwischen aus 30 dieser knallroten Plastik-Beeren heraus verkauft.

Und das rechnet sich. Kostet ein Kilo selbst gepflückter Erdbeeren am Beginn der Hauptsaison um zwei Euro, sind es am Verkaufsstand zur gleichen Zeit etwas über vier Euro. Trotzdem nehme seit der Jahrtausendwende die Bereitschaft stetig ab, Beeren selbst zu pflücken. Gummert fasst das in seiner unnachahmlichen Bördeart so zusammen: "Früher hat sich Mutti Sonnabend den Staubsauger gegriffen und Papa und die Kinder aufs Feld gescheucht, damit am Wochenende Erdbeeren auf den Tisch kommen. Heute sitzen Papa und die Kinder an Computern und sammeln da irgendetwas anderes."

Und so verdient - notgedrungen - Erdbeerbauer Gummert an seinen Verkaufsständen etwas mehr. Etwas - denn die schöne Magda und ihre polnischen Kollegen müssen ja auch bezahlt werden. Auf die lässt der "Erdbeer-Baron" nichts kommen. "Da gibt es Familien, die reisen schon seit 20 Jahren an", erzählt er. Ehefrau Kornelia schwatzt mit ihnen "Feld-Polnisch", wie sie es nennt. Für deutsche Ohren spricht sie sehr fließend "Feld-Polnisch".

Sieben Deutsche, 200 Polen

Sieben fest angestellte Deutsche arbeiten im Gummert-Betrieb. Im Laufe der Erntezeit kommen 200 Polen hinzu. Die erhalten freie Unterkunft im Sozialtrakt der Genossenschaft Bartensleben und in Wohncontainern. Der Bauer organisiert auch einen preiswerten Bustransfer aus Polen für 45 Euro pro Person. Er engagiert einmal wöchentlich eine Disko und bezahlt zum Tanz das Bier. "Schnaps müssen sie selber kaufen."

Die Bezahlung bewege sich seinen Angaben zufolge heute schon in Bereichen des zukünftig angedachten Mindestlohnes von 8,50 Euro. Gummert: "Unsere polnischen Erntehelfer bekommen 6,30 Euro Grundlohn die Stunde plus einem leistungsabhängigen Zuschlag. Sie erreichen einen monatlichen Nettolohn zwischen 1300 und 1700 Euro." Neben den mittleren Jahrgängen sind es vor allem viele Studenten, die als Erntehelfer arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren.So wie Magda? Nein, die kam schon als junges Mädchen mit ihrer Familie in die Börde. Hier hat sie auch ihren polnischen Ehemann kennengelernt. Ja, Magda ist verheiratet. Und nicht nur das. Während die Schöne drei Monate lang Erdbeeren erntet, passt Schwiegermama zu Hause auf ihre beiden Kinder auf.

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