Hunger im Krieg

Die Nahrungsmittelvorräte waren im deutschen Kaiserreich nach wenigen Monaten verbraucht, weil man mit einem kurzen Kriegsverlauf gerechnet hatte. Schlechte Ernten, zu wenig Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und die englische Seeblockade führten zu einer Hungersnot in Deutschland.

Trauriger Höhepunkt war der "Kohlrübenwinter" 1916/17. Ein verregneter Herbst 1916 verursachte eine Kartoffelfäule, die die Ernte etwa auf die Hälfte des Vorjahres reduzierte. Die Steckrübe, eine Kohlart, wurde für breite Kreise der Bevölkerung wichtigstes Nahrungsmittel.

Ab Herbst 1916 wurden alle Lebensmittel umfassend rationiert. Die zugeteilten Mengen reichten bei weitem nicht mehr zur Deckung des täglichen Kalorienbedarfs. Die Versorgung mit Milch, Butter, Eiern und Fleisch brach zeitweise völlig zusammen.

Die Kartoffelproduktion im Deutschen Reich sank von 52 Millionen Tonnen (1913) auf 29 Millionen Tonnen (1918), und der Getreideertrag fiel von 27,1 Millionen Tonnen (1914) auf 17,3 Millionen Tonnen (1918). Heutigen Schätzungen zufolge starben in Deutschland während der Zeit des Ersten Weltkrieges etwa 750000 Menschen an Unterernährung.

Der Erste Weltkrieg wurde von 1914 bis 1918 in Europa, dem Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Weltmeeren geführt und forderte rund 17 Millionen Menschenleben.

Der Krieg begann nach dem Attentat von Sarajevo mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914. Annähernd 70 Millionen Menschen standen unter Waffen, 40 Staaten beteiligten sich.

Magdeburg l Als die Welt gerade aus den Fugen zu geraten beginnt, hatte Frieda Lauer aus Magdeburg einen dicken Bauch. Es war das erste Kind der kleinen zierlichen Frau, das im Sommer 1914 das Licht der Welt erblickte. Eigentlich schien alles perfekt: Die Heirat mit ihrem Mann Karl und nun das Kinderglück: ein Mädchen mit Namen Ellie.

Ein letzter Kuss auf die Stirn

Kaum hat die kleine Magdeburgerin den ersten Schrei getan, da schnürte ihr Vater aber seinen Soldatenranzen. Mobilmachung. Der Krieg ruft. Das große Abenteuer für Kaiser und Vaterland. Auch Karl folgte diesem Ruf. Bestimmt hat er seinem kleinen Wurm noch einen letzten Kuss auf die Stirn gedrückt, seine Frieda in den Arm genommen. Dann ist er los vom Hauptbahnhof aus, wo die Truppensammelstellen eingerichtet waren auf dem Weg an die Front.

Karl fuhr nach Frankreich. Seine Reise in den Tod dauerte nur sechs Wochen. Nur wenige Tage später bekam Ehefrau Frieda das offizielle Schreiben. Gefallen an der Westfront. Die junge Frau war eine der ersten Kriegswitwen von Magdeburg.

Die Enkelin von Frieda Lauer, Gisela Franzen, lebt heute noch in Magdeburg. "Sie war ganz allein mit dem Kind. Und so sollte es auch 14 Jahre lang bleiben", erzählt sie. Alleinstehend mit Baby zum Beginn des Ersten Weltkrieges - für eine Frau war das zu dieser Zeit ein schlimmes Schicksal. Denn es sollten entbehrungsreiche Kriegsjahre werden. Auch in Magdeburg wurden ab 1916 wegen der permanenten Lebensmittelknappheit die Nahrungsmittel rationiert. Missernten und der Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft durch die Einberufungen der Männer hatten die Versorgungslage vor allem in den größeren Städten zusammenbrechen lassen. Der Winter 1916/17 sollte als "Kohlrübenwinter" in die Geschichtsbücher eingehen. Kartoffeln gab es kaum noch.

Frieda Lauer musste sich eine Geldeinnahmequelle suchen. Sie hatte Glück und fand Arbeit als Schaffnerin der "Magdeburger Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft". Seit der Jahrhundertwende fuhr die Tram sogar mit elektrischem Strom durch die Elbestadt. Enkelin Gisela erinnert sich heute an die Erzählungen ihrer Mutter, der damals noch kleinen Ellie. "Meine Oma wusste ja nicht, wohin mit ihr. Deshalb hat sie das Mädchen einfach in die Straßenbahn zur Arbeit mitgenommen." So fuhr Ellie im Winter wie im Sommer den ganzen Tag durch Magdeburg - auf harten Holzbänken, über das damals noch holprige Schienenbett im weitgehend offenen Waggon.

Gisela Franzen hat noch ein Bild aus dem Jahr 1917. Es zeigt das inzwischen dreijährige Mädchen an der Hand ihrer Mutter vor einem Bahnwagon der Linie 5. Das Mädchen hat ein helles Kleidchen an, die Mutter trägt den Uniform-Rock der Straßenbahn-Gesellschaft. Die Linie 5 durchquerte Magdeburg damals vom Norden in den Süden der Stadt auf einer Länge von etwa acht Kilometer.

Die Fahrt zurück ins Lebensglück für Schaffnerin Frieda Lauer dauerte 14 Jahre. 1928 hat sie erneut geheiratet - den Magdeburger - na, was wohl: Straßenbahn-Fahrer Willi Küchendorf. "Sie sind dann später beide gemeinsam mit der Bahn die Strecke vom Hauptbahnhof nach Schönebeck gefahren", erzählt Gisela Franzen. Ihre Mutter - Ellie, die kleine Kriegswaise - schenkte ihr 1940 im Alter von 26 Jahren das Leben. Da war schon wieder Krieg.

 

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