Wernigerode l Gehört die Brötchen-Taste bald der Vergangenheit an? Der besonders günstige 10-Cent-Tarif für 36 Minuten Parkzeit ist laut Analyse des Ingenieurbüros SHP eine der Hauptursachen für den dichten Verkehr im Wernigeröder Zentrum - und gehört für die Experten René Strahl und Jörn Janssen aus Hannover deshalb abgeschafft.

Die Planer arbeiten seit 2012 an einem Verkehrskonzept für die Innenstadt. Schon im November 2013 wollten sie dem Stadtrat ihre Strategie vorlegen - allerdings fehlten ihnen die Ergebnisse aus zwei Analysen: die Erhebung der Parkplatz-Auslastung und die Untersuchung des fließenden Verkehrs.

Wernigeröder Parkhäuser nicht ausgelastet

"Am 5. November haben wir uns von 9 bis 20 Uhr sowie um 23 Uhr die Parkplätze in Wernigerode angeschaut", erklärt Strahl bei einer Sitzung der Arbeitsgruppe "Verkehr und Mobilität" im Rathaus-Festsaal. Viele Bürger und Lokalpolitiker sind erschienen, auch Oberbürgermeister Peter Gaffert (parteilos) sitzt im Publikum.

"1500 Stellplätze sind in den Parkhäusern verfügbar", sagt Strahl, er deutet auf eine Grafik. "Sie sind im Schnitt nur zu 40 bis 50 Prozent ausgelastet." Ein ähnliches Bild zeigt sich den Planern bei den 900 Parklücken in den Straßen - sie seien nur zu 65 Prozent belegt. "Keine Sorge, wir werden Ihnen deshalb nicht raten, Parkplätze abzubauen", sagt René Strahl.

Empfehlung: Parkflächen reduzieren

Besonders auffällig - etwa 80 Prozent der Autofahrer machen sich auf den Weg in die Stadt, um nur kurze Zeit zu parken. "Der Zehn-Cent-Tarif begünstigt es, mal schnell in die Innenstadt zu fahren", sagt Strahl. "Dieser Tarif sorgt für den hohen Verkehr."

"Das kostenlose Parken sollte ganz unterbunden werden." - René Strahl

Das Büro hat eine Handlungsempfehlung ausgearbeitet. Darin heißt es: "Auf besonders kostengünstige Kurzzeitparkplätze sollte verzichtet werden (0,10 Euro/36 min)." Und, so der Ingenieur: "Das kostenlose Parken sollte ganz unterbunden werden." Außerdem sollen Parkflächen in der Breiten Straße, Ringstraße und am Kohlmarkt gestrichen werden. Parkhausbetreiber müssten eine bessere Vermarktung ihres Angebotes entwickeln, um eine höhere Auslastung zu erzielen.

Das Ingenieurbüro aus Hannover hat sich auch erneut der unteren Breiten Straße in Wernigerode angenommen und Vorschläge unterbreitet, wie sich der Straßenabschnitt vom Verkehr beruhigen lassen könnte. Strahl und Janssen empfehlen, es bei einer Tempo-20-Zone - dem sogenannten verkehrsberuhigten Geschäftsbereich - zu belassen. "Eine Verkehrsberuhigung wird dann durch die bauliche Umgestaltung der Straße erzielt", betont Jörn Janssen. Die Idee des Büros: die Unterteilung in Gehwege und Straße aufbrechen.

Kaum Durchgangsverkehr in der Wernigeröder Innenstadt

Der Entfall von Parkplätzen trage dazu bei, dass Ruhe in der Straße einkehrt. Johannis- und Mittelstraße sollten in Einbahnstraßen umbeschildert werden, sodass Autofahrer von der Albert-Bartels-Straße in die Breite Straße gelangen. "Die Grüne Straße sollte umgekehrt werden, die Große Bergstraße nur in Richtung Breite Straße befahrbar sein", so Janssen.

Die Untersuchung des fließenden Verkehrs habe ergeben, dass nur sehr wenige Autofahrer durch die Innenstadt abkürzen. Stichtag für die Untersuchung war der 12. November. "In der Innenstadt ist der Durchgangsverkehr marginal", resümiert René Strahl. Eine Sperrung der Lindenallee sei vom Tisch, solange nicht die Leistungsfähigkeit des sogenannten äußeren Rings (Bachstraße, Westerntorkreuzung, Ilsenburger Straße, Krankenhaus-Kreuzung) genau überprüft werde.

Angst vor zunehmender Konkurrenz aus dem Internet

Die Reaktionen auf das Konzept fallen an dem Abend gemischt aus. Volker Thurm lobt die neue Erkenntnis, dass die Lindenallee für den Verkehr weiter freigegeben ist. Kritisch sieht er die Abschaffung der Brötchen-Taste. "Ich kenne etliche Leute, die im Stadtfeld und in der Burgbreite leben und diese Möglichkeit nutzen, um in der Innenstadt einzukaufen. Der günstige Tarif stärkt den Handel." Siegfried Siegel (SPD) erinnert sich, dass es eine hitzige Stadtratsdebatte um eben diesen günstigen Kurzzeittarif gegeben habe. "Der Tarif war nie unumstritten", sagt er. "Da gibt es Diskussionsbedarf."

"Ich halte den Vorschlag, die Taste abzuschaffen, für schlaumeierisch." - Uwe-Friedrich Albrecht

Werde die Brötchen-Taste abgeschafft, würden sich viele Leute entscheiden, nicht mehr in die Stadt zu fahren, um einzukaufen, sondern ihre Geschäfte im Internet abwickeln, gibt André Weber (CDU) zu bedenken. "Irgendwann findet man nur noch große Ladenketten und Ramschgeschäfte in der Stadt."

Stadtratspräsident Uwe-Friedrich Albrecht (CDU) rät ebenso, den Tarif nicht in Frage zu stellen. "Wernigerode hat eine florierende Innenstadt, um die uns andere Städte beneiden. Ich halte den Vorschlag, die Taste abzuschaffen, für schlaumeierisch."

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