Stendal l Dem studierten Wasserwirtschafter und Hochwasserexperten Stefan Müller geht es nicht darum, Ängste zu schüren. Das genaue Gegenteil ist das Ziel seiner wissenschaftlichen Arbeit: Für den angenommenen, schlimmsten Fall gewappnet sein und im Vorhinein möglichst genau wissen, wie man bei einem Deichbruch handeln muss, um Schaden und menschliches Leid zu minimieren.

Müller entwickelt diese Szenarien und die daraus abgeleiteten Maßnahmepläne in enger Zusammenarbeit mit dem und im Auftrag des Landkreises Stendal. Daher weiß er: "Der Landkreis Stendal ist einer der aktivsten beim Hochwasserschutz." Er kenne keinen Landkreis, der in Sachen Hochwassermanagement so weit sei, wie Stendal, versicherte er den ihm aufmerksam folgenden Hörern dieser Seminarveranstaltung des Senior Campus der Stendaler Hochschule. Müller und seine Kollegen leisten mit ihrer Arbeit Grundlagen für dieses Management.

Berechnungen helfen, Deichbau und Deichsanierung zu planen

Zu ihnen gehört auch Janine Oelze, wie Stefan Müller wissenschaftliche Mitarbeiterin im IWO. Sie gehört zu einem Wissenschaftler-Team, das Wasserspiegellagen der Elbe erforscht. Modelle wurden erarbeitet und werden ständig aktualisiert, die den Wasserspiegel der Elbe für verschiedenste Hochwasserlagen vorausberechnen.

Dazu gehören möglichst exakte Aussagen zu Fließgeschwindigkeiten des Wassers, Durchflussmengen, zu Strömungsverhältnissen bis hin zur Voraussagen über die Ausbreitung des Hochwasser auf den Flächen innerhalb der Deiche. Ein solches Modell, hydrologisch-numerisch genannt, stellte sie den "Senior-Studenten" vor.

Die Basisdaten für dieses Modell lieferte die Hochwasserwelle 2013. Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz, leitet daraus ab, was im Vorfeld eines Hochwassers getan werden muss, wie und wo Deiche zu sanieren sind und welche Überflutungsflächen es braucht, um der Elbe den Raum zu geben, den es im Hochwasserfall braucht.

Zehn Szenarien für Deichbrüche im Kreis Stendal erarbeitet

Allerdings ist den Wissenschaftlern auch bewusst, dass die Natur nicht in jedem und für jeden Fall vorausberechnen lässt. Das Hochwasser aus dem Juni 2013 muss noch nicht das höchste gewesen sein. Und - auch das hat der Juni 2013 schmerzlich gezeigt - nicht jeder Deichbruch lässt sich vorhersagen. So sei bis heute noch nicht hundertprozentig erklärbar, warum der Deich bei Fischbeck brach.

Wenn man dem Drama, das sich 2013 östlich der Elbe abspielte,etwas Positives abgewinnen könne, dann die Tatsache, dass man auch aus diesem Deichbruch viel gelernt hat. Müller weiß: Man kann ein Hochwasser auch nach einem Deichbruch beeinflussen, im otpimistischsten Fall beherrschen.

Er und seine Kollegen haben zehn Deichbruchszenarien an verschiedenen Stellen des 126 Kilometer langen Elbabschnitts im Landkreis Stendal erarbeitet. Eines stellte er vor: Einen angenommen Bruch des Elbdeichs bei Hämerten östlich von Stendal.

Stefan Müller stellte allerdings voran, dass ein Deichbruch an dieser Stelle zu den unwahrscheinlichsten überhaupt gehören würde. "Der Elbdeich bei Hämerten gehört zu den sichersten im Landkreis", versicherte der Experte. Allerdings ist das nicht von ungefähr so. Bräche er hier, hätte das verheerende Folgen.

Nach drei Stunden wäre ICE-Trasse überspült

Eine Deichscharte von 100 Meter Länge angenommen, würden sich pro Sekunde etwa 750 Kubikmeter Wasser in Richtung Stendal ergießen. Nach drei Stunden würde das zu den ersten Beeinträchtigungen auf der B 188 un den umliegende Landstraßen führen. Das Wasser hätte die ICE-Bahntrasse Hannover-Berlin erreicht. Nach weiteren drei Stunden würden Langensalzwedel und Charlottenhof zu überfluten beginnen. Das Wasser auf den Bundes- und Kreisstraßen stünde so hoch, dass es kaum noch passierbar wäre.

Nach zwölf Sunden wären Langensalzwedel und Charlottenhof einen Meter tief im Wasser, das zeitgleich die ICE-Trasse zu überströmen beginnt. Auf den Straßen südöstlich von Stendal ist kein Verkehr mehr möglich.

Durch das Uchtetal und die Alandniederung nach Niedersachsen

Nach 24 Stunden stünde das Wasser in östlichen Teilen von Stendal sowie im Industrie- und Gewerbegebiet an der Heerener Straße einen Meter hoch, Bindfelde wäre überflutet, die Kläranlage vom Flutwasser erreicht.

Zwei Tage nach dem Bruch des Hämertschen Deiches wäre das Stendaler Klärwerk überflutet, der Osten der Stadt bis zu zwei Meter tief unter Wasser. Die Flut würde sich ihren Weg nach Norden bahnen, durch das Uchtetal über Seehausen und die Alandniederung fließen und schließlich an der Landesgrenze zu Niedersachsen wieder in die Elbe strömen.

Im schlimmsten Fall wäre Kreis Stendal nicht machtlos

Ein wahrhaftes Horrorszenario und trotzdem keines, dem man hilflos ausgeliefert wäre. Denn, so belegen Müllers Modellrechnungen: In den ersten zwölf Stunden, die das Deichbruchwasser bräuchte, um die östlich von Bindfelde verlaufende B 189 zu erreichen, könnte man auf dieser Bundesstraße einen 1300 Meter langen und 60 Zentimeter hohen Sandsackwall errichten, der den Großteil des Wassers um Stendal herumleiten würde. Auch nach 24 Stunden stünde noch kein Wasser in Stendal und auch Bindfelde noch weitestgehend trocken. Nur dieser eine, kleine und relativ kurze Wall würde neun Stunden Zeitgewinn bringen, um in und um Stendal weitere Hochwasserschutzmaßnahmen zu treffen.

Ein rein hypothetisches Beispiel, eines das von dem schlimmsten aber auch unwahrscheinlichsten Deichbruch im Landkreis ausgeht. Und eines das zeigt: Machtlos ausgeleifert wäre der Landkreis selbst diesem Szenario nicht.

 

Hochwasser im Elbe-Havelland

Fischbeck / Schönhausen / Wust. Noch immer steht das Wasser in den Dörfern. Mit den fallenden Pegeln werden aber immer stärker die Schäden sichtbar, die die Flut angerichtet hat.