Schierke l Der Kaffeepott mit Hexenritt, die rote Teufelsforke aus Plastik, das grüne filzige Wanderhütchen - die Andenken in der "Stöber-Ecke" wirken ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Späte Siebziger. Aber irgend jemand muss das ja kaufen bei Bernd Riemenschneider. Ein früher Sechziger. Sportlich kommt er aus dem Hinterzimmer vom "Stöber", wenn das Glöckchen an der Eingangstür läutet. Für einen kurzen Plausch nimmt er draußen vor seinem Laden Platz auf der Bank.

Stichwort Eislaufstadion. Über 100 Jahre alt, die Perle von Schierke - früher mal. Riemenschneider ist Vorsitzender vom Eishockey- und Skeletonverein Schierke. 30 Mitglieder gibt es noch, aber schon jahrelang keinen Spielbetrieb mehr. Immerhin noch ein bisschen Jugendarbeit mit einer Handvoll Kinder in der Eislaufhalle Braunlage.

"Wir haben so oft versucht, unser Stadion zu modernisieren", erzählt er kopfschüttelnd. Vor dem 13. August 1961, dann war Schierke Grenzgebiet und nichts ging mehr. Nach der Wende war plötzlich Geld da, aber kein Sportkonzept und kein Bauprojekt. Und nun reden in Schierke wieder alle vom Eislaufen. In der "Arena".

Ein Parkhaus lockt keine Touristen nach Schierke

Auch Ortsbürgermeisterin Grit Hopstock (CDU). "Wann, wenn nicht jetzt", sagt sie über das Arena-Projekt. Schierke allein benötige keine Eis-Arena. "Aber Wernigerode und der Harz brauchen Attraktionen mit Alleinstellungsmerkmal. So etwas ist die Arena." Eine neue Straße und ein Parkhaus würden keine Touristen nach Schierke locken. "Vier Monate in der Winterzeit sicher Schlittschuh laufen schon. Überdacht und auf Kunsteis."

Das Eislauf-Stadion war 1934 Austragungsort der deutschen Winterkampfspiele. Heute lässt dieser befestigte Platz an der Bode diese ruhmreiche Vergangenheit kaum noch erahnen. Granitstufen mit Unkraut, Betonpfeiler mit Scheinwerfern, eine Umkleidebaracke, ein Holzturm.

Die neue Umgehungsstraße führt direkt am Stadion hinter der Bode entlang. "Der Turm ist baufällig und gesperrt. Und als Natureisbahn ist das Eismachen inzwischen zu aufwendig", erzählt die Bürgermeisterin. Früher wurde im Winter bei Frost einfach das Bodewasser auf den Platz geleitet und abgezogen. Hopstock: "Heute dürfen wir dazu das Bodewasser nicht mehr entnehmen, weil es wertvolles Trinkwasser ist." Bis vor zwei Jahren wurde bei Dauerfrost stattdessen teures Wasser aus dem öffentlichen Wassernetz für den Schlittschuhspaß herangepumpt. Inzwischen ist Schluss mit dem Eisstadion. Schierke backt jetzt große Brötchen.

Alpines Skifahren im Hochharz war eine Sackgasse

Die fast 20 Jahre Stillstand nach der Wende sind überwunden. Wie in eine Art Schockstarre war ausgerechnet dieser Ort gefallen, der in Sachsen-Anhalt die besten Startbedingungen für eine touristische Top-Adresse zu haben schien.

Die Natur war und ist perfekt: Am Fuße des Brockens, 640 Meter hoch gelegen, vom Nationalpark umgeben. Ein Paradies. Wanderfreunde schätzen Schierke bis heute. Aber die Jahrzehnte im Sperrgebiet forderten ihren Tribut. Es passierte schlicht nichts. Hotels machten dicht oder verfielen. Die Gemeinde investierte kaum in moderne Infrastruktur und sanfte Tourismusentwicklung. Der Ort hing jahrelang dem Traum vom alpinen Skifahren im Hochharz nach. Eine Sackgasse.

Heute fallen vor allem die vielen sanierten Ferienhäuser mit Fremdenzimmer ins Auge. Der Ort putzt sich. Schmucke kleine, familiengeführte Pensionen, wie man sie aus den Alpen kennt.

Investitionsprogramm von Sachsen-Anhalt hilft

Nach Gemeindeangaben hat der Ort in den vergangenen fünf Jahren einen stolzen Zuzug erlebt, der den Immobilienmarkt praktisch zum Erliegen gebracht hat. Bürgermeisterin Hopstock: "Wir haben wöchentlich Nachfragen nach Baugrundstücken zwischen 500 und 1000 Quadratmetern Fläche. Solche verkäuflichen Grundstücke gibt es praktisch nicht mehr." Die Grundstückspreise hätten sich seit 2009 von durchschnittlich 27 Euro pro Quadratmeter auf aktuell bis knapp 80 Euro pro Quadratmeter entwickelt.

Der Wandel kam nicht zufällig mit der Eingemeindung nach Wernigerode vor fünf Jahren. Ein 36 Millionen Euro schweres, vom Land gefördertes Investitionsprogramm bildet seither den Rahmen für das Investitionsklima: Straßen, Brücken, Parks und ein Parkhaus. Und sicher bald auch eine Eislauf-Arena. Und vom Parkhaus aus soll es vielleicht doch einmal eine Anbindung zum alpinen Skifahren auf der anderen Bergseite geben. Dort hat Braunlage seit 2012 in den Ausbau des Skigebietes investiert. Die Anbindung von Schierke aus ist aber noch immer mehr Idee als Bauvorhaben.

Realität wird stattdessen das Parkhaus bis Oktober. Dessen Dimension mit über 700 Plätzen lassen eher einen nahegelegenen Flughafen als einen Nationalpark vermuten. "Das ist ein Parkhaus für die Zukunft", sagt die Bürgermeisterin. "Ich finde, sie sollten gleich auch noch eine Straße zum Gipfel Torfhaus bauen", spottet Urlauber Werner Freitag aus Wismar. Der Mitsechziger sitzt gemeinsam mit Ehefrau Marlen auf einer Parkbank. Beide kommen seit der Wende regelmäßig zum Wandern nach Schierke. Die Entwicklung im Ort sieht das Paar eher skeptisch. "Schierke war schön, wie es war. Einfach Natur pur. Der Parkplatz war ausreichend. Und nun werden Bäume abgeholzt." Wirklich fortschrittlich sei das nicht.

Vom Spieß- zum Spaßgebirge noch langer Weg

Mit Natur pur begnügen sich aktuell vor allem Touristen, die älter als 60 Jahre sind. Und die sind in Schierke deutlich in der Mehrzahl. Beim Bummel durch den Ort fallen Familien oder gar Kinder kaum ins Auge. Eine Entwicklung, die allen Sorgen bereitet, die in Schierke vom Tourismus leben. "Wir brauchen jetzt dringend Angebote für junge Familien. Deshalb ist die Eislauf-Arena extrem wichtig", beschwört Uwe Klein, Geschäftsführer der "Schierker Baude", eine Einrichtung der Landessportjugend. 5000 Kinder - vor allem Schulklassen - übernachten jährlich in der modern ausgestatteten Herberge. Im Winter Schlittschuh und Eishockey, im Sommer BMXer und Boarder in der Arena - so stellt sich Klein das Leben in der neuen "Arena" vor.

Und heute? Die "Baude" verleiht 50 Mountainbikes und 200 Langlaufski auch an Touristen für wenig Geld, um nur zwei Beispiele zu nennen. Touristen können sogar die Sporthalle mit Kletterwand mieten. Genutzt wird das kaum, sagt Klein. "Nur unsere Bowlingbahn wird häufiger nachgefragt."

Schierke tut sich noch etwas schwer damit, die ausgetretenen Wanderpfade zu verlassen. "Der Spiegel" hat die Marschrichtung in einem Beitrag über Braunlage und Schierke vor einem Jahr so formuliert: "Der Harz rüstet um vom Spieß- zum Spaßgebirge." Das wird noch ein langer Weg.

 

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