Nienhagen l Im beschaulichen Örtchen Nienhagen ist es am Sonnabend gegen 11 Uhr still. Plötzlich zerreißen laute Sprechchöre die idyllische Ruhe in der Dorfstraße. Spielende Kinder in der Gutsstraße hatten schon kurz vorher misstrauisch auf eine heranmarschierende Gruppe von etwa 30 größtenteils schwarz gekleideten Menschen geschaut und sich dann heimlich zurückgezogen. Die lauten Stimmen veranlassten sie nun, sich in die umliegenden Häuser zu flüchten.

Die Gruppe zieht mit schnellen Schritten vor das Wohnhaus des Veranstalters von Rechtsrockkonzerten in Nienhagen und skandiert dort Parolen. Selbst der dort gerade fußballspielende Sohn des Mannes bekommt unschöne Kommentare an den Kopf geworfen. Einige der Aktivisten sammeln Steine auf, andere tragen bereits feste Handschuhe, und einer wedelt mit einem Schlagstock herum. Ein weiterer Demonstrant beschmiert ein Eingangsschild mit schwarzer Farbe.

Zeitgleich mit dem Hausherren erscheinen auch Bewohner der umliegenden Häuser an den Türen und treten auf die Straße, wohl auch aufgeschreckt durch ihre flüchtenden Kinder. Sie machen den ungebetenen Gästen unmissverständlich klar, dass sie hier eine Grenze überschritten haben. "Da hört ja wohl alles auf", ruft ein empörter Bürger. Er tritt der Gruppe entgegen und bedeutet den Demonstranten, dass sie zu verschwinden hätten. Dabei weicht er einem auf ihn abgezielten Fußtritt aus.

Immer mehr Nienhagener sammeln sich in der Gutsstraße, die Aktivisten ziehen sich daraufhin in ihren Reisebus zurück, der am Denkmal auf sie wartet. Hinzu kommen zwei Arbeiter, die bis eben noch in einer nahegelegenen Lagerhalle tätig waren. Einer von ihnen ist empört und ruft: "Da hat eben einer mit Steinen nach mir geworfen." Die Stimmung kippt endgültig, und die Nienhagener sind in Rage. "Das ist ein regelrechter Überfall. Schämt ihr euch nicht?", ruft ein Anwohner wütend. "Lasst uns gefälligst in Ruhe!"

Die Demonstranten ziehen sich zurück. Sie marschieren, mit Protestschildern ausgestattet, über die Thälmannstraße in Richtung alte Hopfendarre - dem Austragungsort der Rechtsrockveranstaltungen. Der Reisebus folgt ihnen. Zurück bleiben die entsetzten Anwohner, die in ihrer Wut kaum zu bändigen sind. "Das Recht zu demonstrieren in allen Ehren", sagt ein Nienhagener und fügt hinzu: "Wenn aber unsere Kinder schon vor den Leuten flüchten müssen, dann hört jedes Verständnis auf." Es wird eifrig diskutiert.

Die Polizei erscheint und nimmt eine Anzeige wegen Sachbeschädigung auf. Derweil sind die Demonstranten bei der Hopfendarre angekommen. Auf dem Weg dahin haben sie Flugblätter an die Autos geheftet und verteilt.

Demonstration vor der alten Hopfendarre

Weitere Polizeibeamte und auch Knut Buschhüter von Bau- und Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Vorharz kommen hinzu. Buschüter hatte den Besitzer des Gebäudes im Vorfeld gebeten, provokative Handlungen zu unterlassen. Die Demonstranten halten ihre Protestschilder in die Höhe, während einige schon wieder in Front zu dem von einer Holzpalisade umschlossenen Gelände gehen. Daraufhin positionieren sich die Beamten vor dem Gebäude und verwehren den Aktivisten das nähere Heranrücken.

"Die ganze Aktion hat etwa 30 Minuten gedauert", berichtet der Besitzer des Geländes gegenüber der Volksstimme. "Danach ist die Gruppe abgezogen." Er atmet auf und hat dabei noch den Brandanschlag vom November des letzten Jahres im Hinterkopf. Aufgeklärt ist die Tat bis heute nicht. Der Besitzer führt über das Gelände, verweist auf einen seinerzeit völlig ausgebrannten Traktor, der gerade neu aufgebaut wird. Das Hintertor des Gebäudes, das durch Flammen beschädigt wurde, ist inzwischen vermauert. "Mittlerweile wird die Darre bewacht, es ist immer wer vor Ort", erklärt er bei dem Rundgang.

Auf Nachfrage erklärt Harald Brockelt, der Leiter des Bau- und Ordnungsamtes der Verbandsgemeinde: "Es war eine Demonstration in Nienhagen beim Landkreis Harz angemeldet." Die Geschehnisse erstaunen auch ihn.

Christian Anders, von der Initiative "Nienhagen rechtsrockfrei" ist geschockt, als er die Nachricht per Handy erhält. "Wir haben von dieser Demo nichts gewusst", erklärt er. Er ist auf der Rückreise von seinem Urlaub und findet dennoch klare Worte: "Das kann nicht der Weg sein. Politische Meinungen sind das eine, es darf aber nicht dazu führen, dass Bürger in ihrem Zuhause bedroht werden." Anders distanziere sich von solchen Methoden. "Diese haben nichts mit der Sache zu tun und sind im höchsten Maße kontraproduktiv."

Auslöser der Demonstration war wohl die Ankündigung, dass am 28. Juni erneut ein Rechtsrockkonzert in der Hopfendarre stattfinden soll. Die Organisatoren der Demonstration waren am Wochenende für die Volksstimme nicht zu erreichen. Auf dem im Dorf verteilten Flugblatt wird dafür geworben, Rechtsrockkonzerte aktiv zu verhindern. Der Veranstalter und der Besitzer werden darin aufgefordert, in Zukunft keine Konzerte mehr zu organisieren, da "Imageschäden oder die Störung der Ruhe im Dorf an einem Wochenende im Jahr" befürchtet werden.

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