Magdeburg/Halle (dpa) l In die Szene und die Probleme Prostituierter hat wohl keine Außenstehende so viel Einblick wie Ilona Tiedge vom Gesundheitsamt Magdeburg. Durchschnittlich 1400 Mal pro Jahr berät die Sozialarbeiterin gemeinsam mit einer Kollegin Prostituierte - kein anderes Gesundheitsamt im Land bietet diese Leistung an.

Tiedge hat dabei einen starken Wandel festgestellt, seit sie 2003 den Job antrat. "Die Mobilität wird größer. Immer öfter haben die Frauen keinen festen Arbeitsort, sondern sind in der gesamten Republik unterwegs." In ihrer Beratungsstelle laufen Frauen aus Berlin, Hamburg und Bayern auf, 80 Prozent - so schätzt sie - kommen aus dem Ausland.

Tiedge, die auch die Wohnungen der Prostituierten aufsucht, geht davon aus, dass mit der EU-Osterweiterung die Zahl dieser Frauen erheblich zugenommen hat und das "Rotationsprinzip" vorangetrieben wurde. Teilweise gebe es einen wöchentlichen Wechsel. Dieses Leben sei sehr stressig.

Im Gesundheitsamt Magdeburg können sich die Frauen, die oftmals nicht krankenversichert sind, kostenlos anonym beraten und untersuchen lassen. Rund 340 Untersuchungen etwa auf Infektionen seien es pro Jahr. Tiedge informiert über gesundheitliche Aspekte und Schutzmöglichkeiten. Rund 530 Klienten - darunter 10 bis 15 Männer - kämen jährlich neu hinzu, sagte Tiedge.

Das Geschäft mit der Lust läuft im Verborgenen

Für die Behörden bleibt die Prostitution ein recht großes Dunkelfeld - auch mit Blick auf Straftaten. Die Statistiken der Polizei mit Blick auf Verbrechen im Zusammenhang mit Prostitution geben nicht viel her: Nach Angaben des Landeskriminalamts wurden 2013 landesweit vier Fälle von Zuhälterei registriert, seit 2009 waren es insgesamt 22. Wegen der Ausübung der verbotenen Prostitution wurden im vergangenen Jahr drei Fälle aufgeklärt.

Prostituierte arbeiten in Sachsen-Anhalt meist in privaten Wohnungen. In Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau, aber auch in vielen mittelgroßen Städten gebe es vorwiegend Wohnungsprostitution, so die Polizei. "Die Wohnungen sind sowohl dort als auch in den größeren Städten wie Stendal, Bernburg und Halberstadt mit bis zu vier Prostituierten belegt", hieß es in Magdeburg.

Vorwiegend Wohnungsprostitution

Die Polizei geht davon aus, dass im nördlichen Landesteil etwa 200 Prostituierte in solchen Wohnungen arbeiten, die PD Ost spricht von etwa 80 bis 100. "Es handelt sich dabei um sogenannte Modellwohnungen oder Reisefrauen, sagte ein Polizeisprecher in Dessau. Bekannt seien auch "Zimmervermietungen", hinter denen sich bordellartige Einrichtungen verbergen. Im südlichen Landesteil mit Halle gibt es den Ordnungshütern zufolge auch Bordelle und Clubs, in denen sexuelle Dienstleistungen angeboten werden.

Die Grünen-Abgeordnete Cornelia Lüddemann hatte Anfang vergangenen Jahres auf eine Anfrage an die Landesregierung die Antwort bekommen, dass es landesweit 28 Gewerbeanmeldungen für bordellartige Einrichtungen gebe, davon allein acht im Altmarkkreis Salzwedel und vier im Kreis Anhalt-Bitterfeld. Laut Finanzministerium hat sich daran nicht viel geändert.