Es war wenige Tage nach der Landtagswahl 1994, als Reinhard Höppner Magdeburger Journalisten einlud. Abends, zu sich nach Haus, was durchaus ungewöhnlich ist.

Die CDU hatte 34,4 Prozent der Stimmen geholt, die SPD 34,0 Prozent. Alles sprach für eine Große Koalition, denn andere Mehrheiten waren rechnerisch nur mit der PDS zu erzielen. Undenkbar!

Nicht für Reinhard Höppner. Der promovierte Mathematiker rechnete anders. Er dachte an eine Koalition mit den Bündnisgrünen, die es mit 5,1 Prozent gerade so ins Parlament geschafft hatten. Das reichte nur für eine Minderheitsregierung. Aber Höppner setzte auf die PDS als Mehrheitsbeschafferin. Ahnend, welcher Sturm ihm danach ins Gesicht blasen wird, wollte er an jenem Abend zumindest den Landtagsberichterstattern seine Argumente in aller Ruhe erläutern. Höppner war ein Mann der leisen Töne und der kleinen Runde.

Dass er dieses Experiment wagte, mag in seiner Biografie begründet liegen. In der DDR hatte er gelernt, Druck standzuhalten. Am 2. Dezember 1948 als Sohn eines Pfarrers in Haldensleben geboren, studierte er von 1967 bis 1971 Mathematik an der TU Dresden. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes 1968 in die Tschechoslowakei politisierte ihn. Er engagierte sich in der evangelischen Kirche, gehörte von 1972 bis 1994 zur Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen und war ab 1980 Präses der Synode, dem Parlament der Landeskirche.

Im Wendejahr ´89 trat Höppner, der als Lektor für Mathematik im Ostberliner Akademie-Verlag arbeitete, der SDP (später SPD) bei. Am 18. März 1990 wurde er in die Volkskammer gewählt - und brillierte als deren Vizepräsident. In der schwierigen Zeit zwischen Neuerfindung der DDR und Beitritt zur Bundesrepublik war er der herausragende Moderator. "Er hat die Gabe, Menschen zusammenzuführen", beschrieb ihn einst seine Frau, die Pfarrerin Renate Höppner.

Diese Gabe war nach der Landtagswahl 1994 dringender denn je gefragt. Höppners anfängliche Rechnung, mit wechselnden Mehrheiten zu regieren, ging nicht auf. Die CDU, den Zahlen nach immerhin Wahlsiegerin, verweigerte die Zusammenarbeit. Er baute auf die PDS, das Schmuddelkind der deutschen Einheit. Und wurde belohnt.

Für Politiker - auch aus den eigenen Reihen - war es nur eine Frage der Zeit, wann der "Vorsteher im deutschen Armenhaus" (Süddeutsche Zeitung) mit dieser Minderheitsregierung scheitern würde. Doch Höppner holte sich gestandene Leute wie Wirtschaftsminister Klaus Schucht an Bord, der durchaus gegen den Strom schwamm und Buna einen "Furz in der Weltgeschichte der Chemie" nannte, aber wenig später auch Dow Chemical nach Sachsen-Anhalt holte, mit 5000 Beschäftigten heute größtes Industrie-Unternehmen des Landes.

Höppner wurde nicht müde, sein Land zu preisen, ob am Rhein oder in den USA. "Er kann zuhören." "Er ist nicht abgehoben." "Er verliert nie die Beherrschung." Das sind Aussagen von Mitarbeitern im Jahr 1998. Dem Jahr seines wohl größten Triumphs. Reinhard Höppner gewann nach vier Jahren Minderheitsregierung mit 35,9 Prozent der Stimmen die Wahl. Die CDU stürzte auf 22 Prozent. Die Grünen verpassten den Einzug in den Landtag.

Was blieb, war die PDS. Wieder ließ er sich tolerieren. Doch das "Magdeburger Modell" hatte ausgedient. Schlechte Wirtschaftsdaten, anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und dazu Schröders Agenda-Politik: 2002 stürzte die SPD auf 20 Prozent. Und die "unumstrittene Nummer 1" in Sachsen-Anhalts SPD, wie ein Genosse ihn einst beschrieb, stürzte aus der Politik. Die SPD konnte oder wollte ihn nicht halten. 2006 gab Reinhard Höppner auch sein Landtagsmandat ab.

Es war das Jahr, in dem er sich der ersten Krebsoperation unterziehen musste. Höppner engagierte sich wieder stärker in der Kirche. 2007 stand er als Präsident dem 31. Evangelischen Kirchentag in Köln vor.

Sein Gesundheitszustand besserte sich nicht. Immer wieder Krebsoperationen, seit einem halben Jahr war er querschnittsgelähmt. Dennoch sei der Tod überraschend gekommen, sagt ein Freund. Reinhard Höppner starb in der Nacht zu Pfingstmontag zu Hause, im Beisein seiner Frau, seiner beiden Töchter und seines Sohnes.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen mutigen Mann, der zeitlebens ein öffentlicher Protestant war. Der Mathematiker, der 1989 "in die Politik verwickelt wurde", wie es Höppner selbst einmal nannte, hat Machtgelüste immer von sich gewiesen. Er wagte zu tun, was andere nicht mal zu denken wagten. Ein eigenwilliger, charismatischer Politiker. "Segeln gegen den Wind", nannte er es. Oft war er dabei Einhandsegler, auf sich allein gestellt.

Reinhard Höppner hatte 2001 großen Anteil daran, dass der Solidarpakt Ost bis 2019 festgeschrieben wurde und bis dahin weitere Aufbauhilfen in Höhe von mehr als 300 Milliarden Euro fließen konnten. "Im Jahr 2020 hat der Osten Westniveau", erklärte er nach der Einigung in Magdeburg voller Hoffnung. Schade, dass er es nicht erlebt.

   

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