Magdeburg l "Du bist fett!", "Wie der wieder stinkt!", "Was die für einen hässlichen Pullover an hat!" - Sätze wie diese musste sich in Deutschland Studien zufolge bereits jeder dritte Schüler anhören. Doch während noch vor einigen Jahren nach dem letzten Pausenklingeln Schluss war mit den Hänseleien, stehen die Jugendlichen heute zeitlich unbegrenzt und für nahezu jeden sichtbar am virtuellen Pranger.

Die Täter nutzen soziale Netzwerke wie Facebook, den Nachrichtendienst WhatsApp und Massen-E-Mails, um beleidigende Texte, Fotos oder Videos zu verbreiten. Aus Expertensicht birgt Mobbing über das Internet ein wesentlich höheres Gefahrenpotential. Beim Cybermobbing können die Täter nämlich rund um die Uhr aktiv sein, auch ohne Kontakt zum Opfer.

Mobbing-Posts können immer wieder auftauchen

"Ein gravierender Unterschied zum klassischen Mobbing ist außerdem, dass die Beleidigungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind", erklärt Karina Kunze vom Kultusministerium. Jeder kann die Taten verfolgen, sie kommentieren und weiterverbreiten. Umfang und Auswirkungen der veröffentlichten Texte, Fotos und Videos sind kaum zu steuern. "Die Daten zu löschen, gestaltet sich äußerst schwierig", sagt Kunze. Selbst gelöschte Inhalte können an anderen Stellen im Netz immer wieder auftauchen.

Die scheinbare Anonymität des Internets senke zudem die Hemmschwelle der Täter. Schnell werden aus Spaß und Neckerei Beleidigung, Bedrohung und Verleumdung.

So geschehen am Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium in Schönebeck. "Uns ist ein Fall an der Schule bekannt", sagt der stellvertretende Schulleiter Ardito Messner. "Eine Auseinandersetzung zwischen Schülern hat sich ins Internet verlagert, wo so etwas eigentlich nicht ausgetragen werden sollte." Vertrauliche Informationen seien öffentlich gemacht worden, die beleidigend gewirkt hätten.

Mobbing ist Thema im Sozialunterricht

"Einem Schüler wurde letztlich ein Amokvorhaben angedichtet", sagt Schulleiter Ulrich Plaga. Eltern hätten ihre Kinder daraufhin von der Schule abgemeldet, Klassen haben sich in den Unterrichtsräumen eingeschlossen. "Auf Wunsch und zusammen mit den Eltern des betroffenen Schülers haben wir schließlich eingegriffen", sagt Messner. Mit einem Brief des Schulleiters an alle Schüler und nach Gesprächen mit der Klasse habe sich die Sache erledigt. "Mittlerweile ist der Schüler wieder integriert und musste nicht von der Schule abgehen", so Plaga.

Am Gymnasium Beetzendorf (Altmarkkreis Salzwedel) werde das Thema Cybermobbing zwar im Sozialkundeunterricht behandelt, "konkrete Fälle sind uns aber nicht bekannt", sagt Schulleiter Hartmut Palutke.

Dennoch "sehen etwa 30 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren im Cybermobbing die größte Gefahr des Internets", sagt Karina Kunze.

"Mobbing kann an jeder Schulform vorkommen und jeden treffen", erzählt Kunze. Die Anlässe sind oftmals banal. "Es genügt, wenn Schüler in irgendeiner Weise besonders positiv oder negativ auffallen." Das kann äußere Merkmale wie Kleidung und Stil ebenso betreffen wie den Sozialstatus, Verhaltens- oder Arbeitsweisen sowie religiöse, kulturelle oder politische Anschauungen.

Cybermobbing noch kein Tatbestand

Das Kultusministerium führt zu Mobbingfällen zwar keine Statistik. "Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass Kinder und Jugendliche der sechsten bis achten Klasse am häufigsten betroffen sind", sagt die Ministeriumssprecherin. Nahezu jeder sechste Heranwachsende werde früher oder später Opfer. "Die tatsächlichen Zahlen können aber durchaus höher liegen, weil nicht jeder Fall von Mobbing bekannt wird."

Die Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analyse geht sogar von jedem dritten Jugendlichen aus. "Einen Tatbestand des Cyber-mobbings gibt es noch nicht", sagt Marc Becher von der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord. Das mache es so schwierig, Mobbing statistisch zu erfassen.

Schüler von Albträumen und Kopfschmerzen geplagt

Warnsignale, die auf Mobbing hinweisen, reichen von Verhaltensänderungen bis hin zu körperlichen und psychischen Beschwerden. "Die Jugendlichen haben plötzlich keine Lust mehr, zur Schule zu gehen, scheinbar unerklärlich lassen die schulischen Leistungen nach", schildert Carola Wilhayn von der Schulpsychologischen Beratung des Landesschulamtes. "Freundschaften zerbrechen, die Betroffenen ziehen sich zurück und sind zunehmend niedergeschlagen." Einige versuchten sogar, sich das Leben zu nehmen.

Häufig treten zudem psychosomatische Symptome wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafschwierigkeiten und Alpträume auf. "Die Schüler grübeln, können sich nur schwer konzentrieren, sind gereizt bis aggressiv", sagt die Psychologin. Lehrer sollten reagieren, wenn sich das Klassenklima drastisch ändert und einzelne Schüler bei Klassenveranstaltungen ausgegrenzt werden.

"Auch Aufsätze beispielsweise zur eigenen Person oder zum Privatleben sowie Zeichnungen können Hinweise auf Mobbing geben", so Wilhayn. Wichtig sei, immer die Situation und den einzelnen Schüler im Blick zu haben und aufmerksam für Veränderungen zu sein. "Gerade, wenn sich Untypisches zeigt, ist Aufmerksamkeit geboten."