Jugendwerkhof Burg

Der Jugendwerkhof war eine Disziplinareinrichtung, die dem Ministerium für Volksbildung, Referat Jugendhilfe, Abteilung "Spezialheime" der DDR unterstand.

Eingewiesen wurden Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, die sich gegen die Erziehungsmethoden der Jugendhilfe und der sozialistischen Strukturen auflehnten. Es ist belegt, dass auch Jugendliche eingewiesen wurden, deren Eltern in den Augen des SED-Regimes politisch fragwürdig waren. 1989 gab es 31 Jugendwerkhöfe mit 3336 Plätzen, von denen 2607 belegt waren.

Pädagogische Väter für die Errichtung der Jugendwerkhöfe waren der sowjetische Pädagoge Anton Semjonowitsch Makarenko und Eberhard Mannschatz, der von 1951 bis 1977 die Abteilung "Jugendhilfe" des Ministeriums für Volksbildung leitete.

Ziel der Umerziehung bestand darin, die Jugendlichen in die sozialistisch geprägte Gesellschaft einzugliedern. Unter Zwang und teilweise harten, pädagogischen Druckmitteln sollten die Jugendlichen lernen, sich anzupassen und sich widerstandslos einzufügen.

Der Jugendwerkhof "August Bebel" wurde 1949 gegründet und existierte bis 1989. Dazu gehörten die Außenstellen "Neues Leben", Blumenthal, Körbelitz, Berliner Chaussee. Hier lebten ständig zwischen 250 und 300 Jugendliche.

Die Jugendlichen haben in Burg unter anderem gearbeitet bei: Burger Knäckewerk, Schuhfabrik "Roter Stern", Volltuchwerke, Gärtnerei in Körbelitz, Sägewerk in Küsel und Walzwerk in Burg. (ta)

Burg l Steif wie ein Soldat steht Heidemarie Puls in einer kleinen, engen Zelle. Hier hat sie vor vielen Jahren im Arrest gesessen. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst, die Hände liegen an ihren Oberschenkeln, der Blick geht geradeaus. "Heidemarie Burkert, Arrest wegen Entweichung!", ruft sie plötzlich aus. Dann wird sie locker und erklärt, dass "man sich so melden musste, wenn man hier eingesperrt war und ein Erzieher reinkam. Hat man das nicht gemacht, wurde man bestraft, was meistens hieß, dass der Aufenthalt in der Zelle verlängert wurde." Damals war Heidemarie Puls, die mit Mädchennamen Burkert hieß, 16 Jahre alt und die Zelle, in der sie jetzt steht, gehörte einst zum Jugendwerkhof Burg - dem größten Jugendwerkhof in der DDR.

Der Tagesablauf war komplett durchgeplant

Heidemarie Puls lebte mit ihrer Mutter, zwei Geschwistern und dem Stiefvater in Neukalen in Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Mutter vernachlässigte die Erziehung der Kinder. Der Stiefvater verging sich mehrmals sexuell an der damals Zehnjährigen. Mit elf Jahren versuchte Heidemarie Puls, sich das Leben zu nehmen. Sie wurde gefunden, in eine psychiatrische Klinik gebracht und von dort in ein Kinderheim eingewiesen. Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, körperliche Züchtigungen und ein streng reglementierter Alltag bestimmten ihr Leben. Heidemarie Puls lief immer wieder weg, bis sie schließlich mit 16 Jahren in Burg im Jugendwerkhof "August Bebel" landete.

Dieser war auf einem alten Gutshof untergebracht. Kurz nach der Wende wurde er aufgelöst, so wie die anderen 30 Jugendwerkhöfe, die es am Ende der DDR noch gab. Hier sollten sogenannte erziehungsschwierige Jugendliche im Alter von 14 bis 18 wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. "Die Jugendlichen haben eine Ausbildung absolvieren können, allerdings nur als Hilfsarbeiter", erzählt Rolf K., ehemaliger Erzieher im Jugendwerkhof Burg. "Es ging darum, den Jugendlichen Verantwortung für sich und andere beizubringen. Deshalb war jeder Tag durchorganisiert - vom Aufstehen bis zur Nachtruhe. Das war für viele sehr schwer, sich an die Regeln zu halten."

Nicht nur der streng reglementierte Tagesablauf, auch das Leben in der Gruppe war für viele Jugendliche nur schwer zu meistern. "Wir hatten ungefähr zwölf Gruppen. In jeder lebten ungefähr 20 bis 24 Jugendliche. Da gab es natürlich sehr viele Gruppenaktivitäten, die Jugendlichen sollten ja lernen, in einer Gruppe zurechtzukommen und sich der Gemeinschaft anzupassen", so K. Doch das Leben in der Gruppe hatte seine Tücken. Statt Zusammenhalt kam es oft zu Gewalt.

"Es war grausam", erzählt Heidemarie Puls. "Kleine Verstöße gegen die Regeln reichten, damit die gesamte Gruppe bestraft wurde, wenn zum Beispiel ein Schrank nicht ordentlich aufgeräumt wurde. Je nach Erzieher konnte es passieren, dass dann der gesamten Gruppe der Wochenendausgang gestrichen wurde. Derjenige, der das verursacht hatte, der war dann dran. Der hatte nichts zu lachen." Besonders schlimm soll es nachts gewesen sein. In den Wohngruppen waren die Jugendlichen sich selbst überlassen. Die Erzieher wohnten zwar teilweise mit auf dem Gelände. In den Häusern selbst war niemand, der hätte eingreifen können.

Nachts war es in den Gruppen am schlimmsten

"Tja, und dann ging`s los", erzählt Heidemarie Puls. "Da wurden dann alle Machtkämpfe ausgetragen, die tagsüber nicht möglich waren." Tritte, Schläge, sexuelle Misshandlungen der Jugendlichen untereinander soll es nachts in den Wohnheimen gegeben haben. Heidemarie Puls spricht von teilweise barbarischer Gewalt.

"Das war die reinste Folter. Die haben Zigarettenkippen auf den Körpern der anderen ausgedrückt und sich mit schweren Gegenständen malträtiert. Einige Jugendliche sind tags darauf auf der Krankenstation oder sogar im Krankenhaus gelandet."

Auf die Hilfe der Erzieher haben die Jugendlichen vergeblich gewartet. Die kamen erst am anderen Morgen. Haben sie denn nicht mitbekommen, was die Jugendlichen sich untereinander angetan haben? "Doch, das hat man mitbekommen", erklärt Rolf K. "Aber man konnte nichts tun. Es hat auch niemand den anderen verraten, der wäre ja in der nächsten Nacht wieder dran gewesen. Ich glaube, das Ausmaß dessen, was nachts in den Häusern passiert ist, das können wir uns bis heute nicht vorstellen." Ob es auch Übergriffe von Erziehern auf Jugendliche gegeben hat, daran kann sich Rolf K. nicht erinnern, will es aber auch nicht komplett von der Hand weisen.

DDR-Pädagogik wurde nicht hinterfragt

"Es gab hier sehr strenge Erzieher, die genauestens darauf geachtet haben, dass die Regeln befolgt wurden. Ansonsten wurden die Jugendlichen sofort bestraft. Das war damals so, ich darf da heute gar nicht mehr drüber nachdenken. Wir haben viele Fehler gemacht und die Pädagogik nicht hinterfragt. Ich kam neu dazu und habe einfach mitgemacht. Dafür schäme ich mich heute," sagt der Erzieher.

Das Bekenntnis von Rolf K. ist fast ein Meilenstein in der Geschichte der DDR-Heimerziehung. "Es gelingt nur selten, ehemalige Erzieher zur der Zeit im Jugendwerkhof zu befragen. Und wenn, dann halten die meisten an ihrer damaligen Pädagogik fest. Sie verteidigen die Erziehungsmethoden", erklärt der Wissenschaftler Christian Sachse aus Berlin. Der promovierte Politikwissenschaftler und Theologe forscht seit den 1990er Jahren zu den Heimeinrichtungen der DDR.

"Dass Rolf K. das aus heutiger Sicht in Frage stellt, ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber eine Seltenheit. Die meisten Erzieher von damals haben das nicht hinterfragt. Sie haben das sozialistisch geprägte Studium absolviert und sich in der Praxis an die vorgegebenen Maßstäbe gehalten."

Insofern hält er die Aussage von Rolf K. für schlüssig. Was er aber nicht stützen kann, ist die Aussage, dass Erzieher von den Übergriffen der Jugendlichen untereinander nichts gewusst haben. "Das klingt wie eine Schutzbehauptung", findet Sachse. "Natürlich hätten die Erzieher eingreifen können. Dafür gab es auch zu DDR-Zeiten pädagogische Methoden. Körperliche Übergriffe waren auch damals schon gesetzlich verboten, die Erzieher hätten also sogar eingreifen müssen."

Viele Freizeitangebote für die Jugendlichen

Mittlerweile hat Heidemarie Puls den Zellentrakt wieder verlassen. Sie geht über das riesige Gelände, auf dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Alle Wohngebäude sind noch da, doch die meisten stehen leer. In den restlichen ist heute eine Einrichtung der Diakonie untergebracht.

Heidemarie Puls erkennt die alte Näherei wieder, die Gärtnerei und den Kiosk, an dem sie sich gerne Süßigkeiten geholt hat. Beim Blick auf den alten Pool und die Sportanlagen des ehemaligen Jugendwerkhofes erinnert sie sich, "dass wir hier ein ganz tolles Freizeitangebot hatten. Volleyball, Schwimmen, Fußball, Gymnastik, alles gab es hier. Wir hatten sogar eine eigene Disko und ein eigenes Kino. Im Gegensatz zu den anderen Heimen, in denen ich war, war das hier teilweise wie Urlaub." Apropos Urlaub, einmal im Jahr gab es für die Jugendlichen tatsächlich eine Ferienreise. "An die Ostsee", erzählt Rolf K., "da haben sich die Jugendlichen immer sehr drauf gefreut. Wobei auch nur die mitdurften, die nicht negativ aufgefallen sind. So war das eben."

Heidemarie Puls kann sich daran nicht mehr erinnern. Dafür wird sie auf einmal sehr fröhlich, als sie über den alten Appell-Platz geht. "Mensch, hier habe ich mit dem Fanfarenzug gespielt", ruft sie aus. "Dass ich das vergessen habe! Der Fanfarenzug - das hat mir so viel Spaß gemacht. Ich hätte doch nie die Möglichkeit gehabt, ein Instrument zu lernen. Aber hier in Burg war das möglich. Es gab hier auch sehr liebe Erzieher. Das kenne ich von anderen Einrichtungen, in denen ich war, nicht. Burg war besonders. Es war eigentlich sehr schön hier. Hätte man uns nicht so bevormundet und uns mehr Freiheiten gelassen, hätte ich hier die schönste Zeit meines Leben verbracht." Sie wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Sie ist froh, noch einmal nach Burg zurückgekehrt zu sein. "Ich hatte viel Angst vor diesem Besuch. Aber jetzt weiß ich, dass es hier auch viel Gutes gab, an das ich mich gerne erinnere."

Dass sich jemand gerne an den Jugendwerkhof erinnert, ist für viele ehemalige Heimkinder kaum vorstellbar. Für den Wissenschaftler Christian Sachse klingt das jedoch logisch. "Heimkinder haben andere Maßstäbe von Wohlbefinden als wir", erklärt er. "Viele waren glücklich, wenn sie ein halbes Jahr nicht geschlagen oder eingesperrt wurden. Für uns, die das nicht erlebt haben, ist das kaum vorstellbar. Heidemarie Puls jedenfalls meint: "Ich behaupte, vielen Jugendlichen ist es hier in Burg besser gegangen als zu Hause. Bei mir war das jedenfalls so."

 

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