Quedlinburg l Nein, Eckhard Kartheuser will gar nicht weiter darüber nachdenken, was den Jugendlichen zu dieser Tat animiert haben könnte. Zu entsetzlich und brutal ist das Vorgehen, das dem 16-Jährigen aus Gernrode vorgeworfen wird. Er soll laut Zeugen vier erst wenige Tage alte Küken aus dem Nest eines Turmfalken geholt und drei mit einer Softair-Waffe erschossen haben. Nur ein Junges überlebte das Gemetzel mit der Luftdruckwaffe, mit der Plastkugeln verschossen werden.

Nach zwei Tagen in persönlicher Pflege beim 57-jährigen Falkner Kartheuser konnte es am Montagnachmittag ganz überraschend wieder zurück ins ursprüngliche Nest. "Es sieht alles danach aus, dass es zumindest für dieses Tier noch ein Happy End gibt", so Kartheuser sichtlich erfreut.

Zunächst waren der Falkner und die Polizeibeamten nach dem Fund am Sonnabendnachmittag davon ausgegangen, dass der Jugendliche alle sechs Küken aus dem Nest geholt hatte und die Elterntiere aufgrund des Schocks geflüchtet sind. "Wäre so die Turmfalken-Familie zerstört worden, hätte das dramatische Folgen gehabt", erläutert der Greifvogel-Experte. Weil die Tiere dann wohl nie wieder nach Gernrode zurückgekommen wären. Und weil es für das etwa zehn Tage alte und gerade mal 88 Gramm schwere Wollknäuel keine Chance für eine natürliche Aufzucht mehr gegeben hätte.

Der zweite Vorsitzende des Arbeitskreises für Greifvogel- und Eulenschutz in Sachsen-Anhalt beringt im Auftrag der Vogelwarte Hiddensee in der Harzregion Falken. Daher wusste der 57-Jährige, dass es kaum eine Möglichkeit gab, das überlebende Küken als "Adoptivkind" in einem anderen Falken-Nest unterzubringen. "Die meisten Jungfalken in der Region sind in ihrer Entwicklung schon weiter", so der Vize-Chef des Tierparks Thale. Also hatte sich Kartheuser innerlich schon darauf eingestellt, das Küken in seine persönliche Pflege zu nehmen. "In solchen Fällen ist die spätere Auswilderung aber verdammt schwer."

Am Montagnachmittag dann die positive Überraschung. Polizeibeamte entdeckten im Gernröder Stephaniturm, aus dem der 16-Jährige die Küken geholt hatte, zwei weitere Jungtiere. "Und die hätten nicht überlebt, wenn die Eltern geflüchtet wären", weiß Kartheuser. Also wurde das Küken wieder ins heimische Nest gesetzt - wenige Minuten, bevor ein Elterntier dort landete. "Alles schön", so der glückliche Falkner, der die drei Jungtiere demnächst beringen will.

Polizeisprecher Uwe Becker bestätigt Ermittlungen gegen einen 16-Jährigen. Ihm würden Verstöße gegen Tierschutzgesetze und gegen das Waffengesetz vorgeworfen. "Wir müssen zunächst Beschaffenheit und Herkunft der Softair-Waffe prüfen." Erst danach sei klar, ob der 16-Jährige, der noch nicht polizeilich in Erscheinung getreten sei, diese hätte besitzen dürfen.

Unterdessen ermitteln die Harzer Beamten auch noch gegen einen 41-jährigen Thalenser. Er soll von seinem Grundstück aus auf Enten in der Bode geschossen haben. Zwei Jungtiere wurden getötet, beim Beschuldigten sei ein Luftgewehr mit Zielfernrohr sichergestellt worden, hieß es. Auch ihm würden Verstöße gegen Waffen- und Tierschutzgesetze sowie Jagdwilderei vorgeworfen.